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Lawmakers in the House of Commons, London, with Britain's Prime Minister Theresa May at center right front row, Tuesday March 12, 2019. With just 17 days to go, Britain's departure from the European Union was thrown into chaos and doubt Tuesday as Parliament delivered a crushing defeat to Prime Minister Theresa May's European Union divorce deal and to her authority as leader. (Mark Duffy/UK Parliament via AP)

Überfordert, machtlos, verängstigt: Das Unterhaus in London. Bild: AP/UK Parliament

Abgeordneter packt aus – so dramatisch ist die Brexit-Situation wirklich

Ein anonymes Labour-Mitglied hat ein Brexit-«Tagebuch» verfasst. Es ist ein erschütterndes Dokument eines verwirrten und hilflosen Parlaments und einer verbunkerten Premierministerin, die aus dem Tag heraus regiert.



Im zunehmend traumatischen Brexit-Prozess ist einmal mehr das britische Parlament am Zug. Es stimmt am Mittwochabend über eine Reihe von nicht bindenden Anträgen ab. Zur Debatte stehen etwa eine zweite Volksabstimmung oder eine Zollunion mit der EU. Beobachter zweifeln, dass danach Klarheit herrschen und einer der Anträge überhaupt eine Mehrheit erreichen wird.

Was vor bald drei Jahren mit einer simplen Abstimmung über den Austritt oder Verbleib in der Europäischen Union begann, hat zu einer heillosen Überforderung der britischen Politik geführt, die in letzter Konsequenz die Demokratie beschädigt. Dies zeigt das «geheime Tagebuch» eines anonymen Labour-Mitglieds, das die Londoner «Times» am Dienstag veröffentlicht hat.

Um ein Tagebuch im eigentlichen Sinne handelt es sich nicht. Der oder die Abgeordnete – das von der «Times» verwendete Icon deutet auf einen Mann hin – schildert vielmehr, wie «beschämt, erniedrigt und enorm, ja überwältigend frustriert» er oder sie sich in diesem Brexit-Irrsinn fühle.

«Ich möchte Verantwortung übernehmen und eingebunden werden, doch ich sitze nutzlos und hilflos herum, gefangen in einem Unterhaus, das in einer Zeit der nationalen Krise zerfällt.»

Der Labour-Anonymous hat für die EU gestimmt, vertritt aber einen Wahlkreis, der klar für den Austritt war. Das trifft auf nicht wenige in seiner Fraktion zu. Um seinen Wahlkreis kümmern kann er sich derzeit nicht, denn fast jede Woche müsse er in Westminster präsent sein, ohne zu wissen, was genau ablaufe. So ergehe es nicht nur den Labour-Leuten, sondern auch den meisten Tories.

«Es dreht sich alles um eine Frau, die Premierministerin, und die hat sich so tief verbunkert, dass niemand an sie herankommt.»

Er habe mit ranghohen Tory-Kollegen gesprochen in der Hoffnung, dass sie ihm versichern würden, Theresa May sei eine «fantastische Pokerspielerin», die sich mit brillanten Köpfen berate und das Land mit sicherer Hand führe. Zurückgekommen sei nichts dergleichen.

«Ihr Masterplan ist anscheinend, bis zum nächsten Tag zu überleben. Wen das nicht mit Schrecken erfüllt, den kann gar nichts ängstigen.»

Die Lähmung bei den Konservativen wäre ein Chance für Labour, als starke Opposition die Initiative zu ergreifen. Doch das geschehe nicht, seine Partei sei genauso zerrissen, schreibt der Anonymous. Parteichef Jeremy Corbyn sei vollkommen ambivalent und versuche, es allen recht zu machen. Was wiederum den Tories gefällt, wie eine Aussage aus ihren Reihen zeigt:

«Es ist sagenhaft. Wir produzieren eine Sch... nach der anderen. Diese Regierung ist eine Katastrophe, doch jedes Mal, wenn wir es verbocken, rettet ihr uns, indem alles noch schlimmer macht.»

Wirklich schlimm aber ist für die anonyme Labour-Stimme das Gefühl von «Finsternis, Machtlosigkeit und Furcht». Man wisse, dass man etwas beitragen könnte und würde dafür bis zum Umfallen arbeiten. Stattdessen müsse man ständig befürchten, dass wieder etwas schief laufe. Die «erschreckende Wahrheit» sei, dass die demokratischen Strukturen auf Sand gebaut seien.

«Die meisten von uns sind so verwirrt wie alle ausserhalb des Parlaments.»

Das anonyme Dokument ist vielleicht eine Art «Racheakt» an Theresa May, die letzte Woche dem Unterhaus die Schuld an der Brexit-Blockade in die Schuhe geschoben hat. Im Endeffekt ist es ebenso eine Bankrotterklärung der gesamten britischen Politik wie die Multipack-Abstimmung vom Mittwoch.

Hier die passende Karikatur, ebenfalls aus der «Times»:

TV-Tipp

SRF1 zeigt am Donnerstag um 22.55 Uhr das Channel-4-Dokudrama «Brexit – Chronik eines Abschieds» (im Original treffender «The Uncivil War» genannt) mit Benedict Cumberbatch. Hier die Rezension von watson.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Tepesch 27.03.2019 18:34
    Highlight Highlight Die Briten könnten ja erst den Austritt zurückziehen und dann gleich einen erneuten Austritt verkünden. Dann gibts wieder 2 Jahre Verhandlungszeit 😂😂
    • Kaspar Floigen 27.03.2019 18:56
      Highlight Highlight Brilliant
  • franzfifty 27.03.2019 13:45
    Highlight Highlight Das heisst, wenn ich keine Ahnung habe, was da los ist...bin ich nicht der Einzige? Ich koennte somit auch in diesem Parlament sitzen? Das heisst... jemand rette die Briten...
  • Angelo C. 27.03.2019 13:39
    Highlight Highlight Ich denke, auch wenn dieser Schritt den meisten Parlamentariern zuwider läuft, dass man zu guter Letzt doch eine zweite Volksabstimmung durchführen wird.

    So können diese verunsicherten und zu keinem wirklichen Entschluss fähigen Politiker die verantwortliche Entscheidung auf das Volk abwälzen.

    Grössere Teile davon protestieren eh gegen den Brexit auf den Strassen. Gleichzeitig würde das Parlament in Brüssel Zeit gewinnen, denn so eine zweite Volksabstimmung kann auch nicht von heute auf morgen abgehalten werden.

    Ob meine Vermutung eintritt wird, sich wohl erst in den nächsten Tagen weisen.
  • Alienus 27.03.2019 13:34
    Highlight Highlight Kleinbritannien, der kranke Mann am Ärmelkanal.
  • Dan Meier 27.03.2019 13:20
    Highlight Highlight Der Brexit wird so lange verschoben, bis die Briten es leid sind und nochmal abstimmen. Solange bis es passt. Das ist die heutige Scheindemokratie.
    • Jason84 27.03.2019 15:10
      Highlight Highlight Demokratie heisst, das Volk regiert per Mehrheitsentscheid. Bzw die vom Volk gewählten Vertreter. In diesem Fall gibt es jedoch noch 3 Optionen und für keine eine Mehrheit. 1 harter Brexit 2 Brexit mit Vertrag 3 Kein Brexit. Dazu war der Volksentscheid damals auch sehr eng. Das bringt die Demokratie an ihre Grenzen. Ein zweiter Volksentscheid würde sinn machen weil nun dazu auch plausible Wege und Folgen bekannt sind. Das war beim ersten Entscheid absolut nicht der Fall. In der Schweiz wurde über gewisse Themen auch mehrfach abgestimmt.
    • DemonCore 27.03.2019 16:32
      Highlight Highlight Das Parlament ist demokratisch gewählt und 'neuer' als das Abstimmungsresultat.
  • magnet1c 27.03.2019 13:16
    Highlight Highlight Das ganze politische Gebilde im UK erinnert stark an den Film V wie Vendetta, als Grosskanzler Adam Sutler wie ein irrer "England obsiegt" schreit...
    • Gurgelhals 27.03.2019 14:49
      Highlight Highlight Wenn schon, dann erinnert es an dessen Britische Comic-Vorlage, wo der isolierte und sozial komplett unfähige Grosskanzler einsam seinen Computer abknutscht, während sein intrigantes Kabinett sich in bester Shakespeare-Manier gegenseitig zerfleischt und das Land und die Leute zunehmend vor die Hunde gehen.
  • Matt T. 27.03.2019 13:09
    Highlight Highlight Wo ist das einst stolze Britain? Warum zerfleischen die sich intern und zeigen keine Stärke? Dies wäre aktuell der perfekte Zeitpunkt, um die EU-Verträge durch den Schredder zu lassen und knallhart auf einen "harten Brexit" zuzusteuern. Zeitgleich intern alles auf Schiene bringen und den Unternehmen mitteilen, dass man alles nötige tun wird, um GB wieder zu einer neuen Wirtschaftsmacht emporsteigen zu lassen. Mit der EU werden dann im Chaos die einzelnen Posten (Bilateral ausgehandelt). Kein Erfolg (wirtschaftliche Stärke) ohne Risiko!
    • Planet Escoria auch bekannt als Gähn 27.03.2019 14:56
      Highlight Highlight Wenn man vor dem britischen Volk einen ziemlichen Kollaps der britischen Wirtschaft und ein erneutes Aufflammen des irischen Bürgerkrieg rechtfertigen kann, nur zu. 😂
      Sorry, das ist derart naiv dass ich nur noch darüber lachen kann.
    • Jason84 27.03.2019 15:14
      Highlight Highlight Sie kündigen auch ihren Mietvertrag. Versauen vorher die ganze Wohnung. Und anschliessend klären sie mit ihrem Vermieter, nach ablauf der Frist, wie sie noch 1,5 der 4 Zimmer weiter nutzen können. Ganz klar. Sie haben Verhandlungsgeschick!
    • Liselote Meier 27.03.2019 16:36
      Highlight Highlight Ach was sollen sie denn intern tun damit GB wieder eine Wirtschaftsmacht wird?

      Die alte Flotte wieder entstauben, andere Länder besetzten und schamlos ausplündern?

      So wurden sie einst zur Weltmacht.

      Dein harter Brexit wäre in der Tat ziemlich hart, da du die gegenwärtige ökonomischen wie geopolitischen Umstände scheinbar nicht erfassen kannst.

      Wer in der Verganheit schwelgt, versteht die Gegenwart nicht und kann erst recht keine Prognosen für die Zukunft aufstellen.




  • lilie 27.03.2019 13:05
    Highlight Highlight Das Ganze ist ein tragisches Schlamassel. Und wer hat es angezettelt? Ein paar Idioten, die sich einen Scherz erlaubten und zum Spass mit der Zukunft des Landes spielten.

    Das Gleiche ist in Amerika passiert, wo ein Idiot zum Spass als Präsidentschaftskandidat antrat, obwohl er von Politik keine Ahnung hat.

    Und Überraschung!: In beiden Fällen gab es genug Leute im Volk, welche die Konsequenzen nicht überblickten und für die Idioten stimmten.

    Ich hoffe nur, man zieht nun die richtigen Schlüsse: Auch in einer Demokratie darf man die alleinige Verantwortung nicht dem Volk zuschieben.
    • Peter R. 27.03.2019 15:39
      Highlight Highlight So einfach ist es nicht!
      Die Stimmberechtigten von UK (Einwohner 66 Mio.) und der USA (Einwohner 328 Mio.) haben es so gewollt: Den Brexit in UK und Trump in USA.
      Jedes Land hat die Regierung, die sie "verdient" und sowohl in Amerika als auch in Grossbritannien haben die Menschen gewusst, was die Folgen ihrer Wahl sind.
    • Planet Escoria auch bekannt als Gähn 27.03.2019 15:51
      Highlight Highlight Wie so oft, liebe Lilie, mal wieder sehr treffend auf den Punkt gebracht.
      Hoffen wir mal, um unser aller willen, dass die Menschen zumindest ein kleines bisschen daraus lernen. Und sei es einfach, den demokratischen Prozess wieder ernst zu nehmen.
    • Smörebröd 27.03.2019 22:01
      Highlight Highlight @Lilie: 1/2 Nun, so ungern ich das sage: von Idioten kann man in diesem Fall nicht wirklich reden (im Gegensatz zu einiger unserer Populisten). Vor allem Nigel Farage, der in den EU-Parlamentsdebatten am liebste Frontalangriffe auf die EU-Kommission veranstaltete (Videos sind auf Youtube verfügbar), war - was die Argumentation betraf - so stark, dass die Angesprochenen jeweils ziemlich betretene Gesichter machten. Ich denke, das hat er auf dem "Heimmarkt" gleich gemacht, was die Abstimmung dann entsprechend ausfallen liess.
    Weitere Antworten anzeigen
  • dho 27.03.2019 13:05
    Highlight Highlight So sieht das Ende eines Imperiums aus. Wir sind Zeugen einer unglaublich interessanten Veränderung. Früher hätte das British empire den Kontinent mit Krieg überzogen. Die EU verhindert dies.
  • Peter R. 27.03.2019 12:26
    Highlight Highlight Hahnebüchend, was dieser Parlamentarier von sich gibt. Das ganze Parlament ist so blockiert, so dass es vielleicht einen Marschhalt braucht. Man sollte sich für ein paar Tage zurückziehen und dann mit hoffentlich frischen Gedanken an die Sache angehen.
    • Sarkasmusdetektor 27.03.2019 13:29
      Highlight Highlight Ein paar Tage dürften kaum viel bringen, wenn schon 3 Jahre nicht gereicht haben.
    • Posersalami 27.03.2019 16:24
      Highlight Highlight Was man in 3 Jahren nicht gewchafft hat wird man in ein paar Tagen nicht hinbekommen.

      Die EU muss ja einer Verlängerung auch erst mal zustimmen und da schauts ja auch nicht so super aus.

      Tja GB sorry, aber das war nix. Da das ganze absehbar war (mir zumindest) tendiert mein Mitleid gegen 0.
    • maoam 27.03.2019 17:52
      Highlight Highlight Das hätten sie schon lange tun können. Drei lange Jahre sind vergangen. Ich gehe davon aus, dass sie gepennt haben.
  • Gurgelhals 27.03.2019 12:24
    Highlight Highlight Meine Prognose für die Indicative Votes heute Abend: Keine Option (oder zumindest: keine der plausiblen Optionen) findet eine Mehrheit, weil es keine Option gibt, die im heillos zerstrittenen Unterhaus eine Mehrheit finden kann. Kurz: Man wird heute Abend nicht schlauer sein als vorher.

    Am Ende läuft es wohl darauf hinaus, dass entweder das Parlament im allerletzten Moment noch kalte Füsse bekommt und, um Schlimmeres zu verhindern, dem Austrittsabkommen doch noch zustimmt oder Artikel 50 zurücknimmt ... oder der UK schlittert am 12. April unkontrolliert in einen harten Brexit hinein... 😕

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