International
China

Das ist Amerikas Trumpf gegen Chinas Spionageballon

Das ist Amerikas Trumpf gegen Chinas Spionageballon

Schon im Kalten Krieg hatte die U-2 «Dragon Lady» Legendenstatus. Jetzt war die US-Maschine offenbar erneut in diplomatisch heikler Mission unterwegs.
08.02.2023, 09:1608.02.2023, 12:20
Mehr «International»
In this undated US Air Force handout photo a U-2 spy plane flies a training mission. The pilot of an Air Force U-2 Dragon Lady died when his plane crashed while returning to a base in southwest Asia,  ...
Die «Dragon Lady».Bild: EPA
Ein Artikel von
t-online

Die Entwickler bei Lockheed Martin hätten sicher nie gedacht, dass ihre U-2 «Dragon Lady» eines Tages zu Spionageflügen über den USA abheben würde. Erdacht wurde das Spezialflugzeug in den 50er-Jahren, um die Sowjetunion in extremer Höhe zu überfliegen und dabei ihr Atomprogramm auszukundschaften. Ausgemustert wurde die Legende des Kalten Krieges nie und hat sich nun offenbar erneut bewährt – im Einsatz gegen den chinesischen Spionageballon, der die USA gerade in gut 20'000 Metern Höhe überflogen hat.

Bevor ein F-22-Kampfjet den Ballon am Samstag mit einer Rakete vor der Küste von South Carolina über dem Atlantik abschoss, schickte die US Air Force zwei ihrer U-2 «Dragon Ladies» nach dem fremden Objekt aus, wie das Fachmagazin «The War Zone» jetzt unter Berufung auf eigene Quellen berichtet. «Wir wissen nicht genau, welche Aufgabe die U-2 hatten, ihr Einsatz erscheint aber sinnvoll», schreibt das Magazin. «Die ‹Dragon Lady› ist das einzige Flugzeug des US-Militärs, das sogar höher fliegen kann als der Ballon.»

Spionageballon war 61 Meter hoch

Bis zu 21'300 Meter Flughöhe sind kein Problem für die U-2 und das war wohl nicht ihr einziger Trumpf gegen den Ballon. Voll mit Kameras, Sensoren, Radaranlagen und Störsendern gleicht sie einem bemannten Spionagesatelliten: «Die U-2 ist hervorragend ausgestattet für die elektronische Kriegsführung», schreibt «The War Zone». «Wenn sie über den Ballon geflogen ist, konnte sie möglicherweise dessen Kommunikation mit den Satelliten im All blockieren.» Womöglich konnten die zwei «Dragon Ladies» auch detaillierte Bilder des Ballons machen, bevor dieser vom Himmel geschossen wurde.

Der Ballon sei 61 Meter hoch gewesen und habe vermutlich so viel wie ein kleines Linienflugzeug gewogen, teilte das US-Militär nach dem Abschuss mit. Das Objekt war zunächst über Alaska aufgetaucht, flog dann über Kanada und trat über Idaho wieder in den US-Luftraum ein.

Mehrere Tage trieb der Ballon in südwestlicher Richtung über die USA und löste dabei erhebliche diplomatische Spannungen zwischen Washington und Peking aus. China behauptete, es handle sich um einen Wetterballon, und kritisierte den Abschuss. Inzwischen sind weitere Ballons über Lateinamerika aufgetaucht. Für die U-2 war es dabei nicht der erste diplomatisch heikle Einsatz.

Als die U-2 einen Skandal auslöste

Zum Ärger des Kreml konnten die neu entwickelten US-Maschinen fast vier Jahre lang ungestört den Himmel über der Sowjetunion kreuzen. Erst im Mai 1960 gelang es der sowjetischen Luftverteidigung, mit einer neu entwickelten Rakete erstmals eine U-2 abzuschiessen.

epa10001564 A U-2S Dragon Lady spy plane of the United States Air Force lands at Osan Air Base after completing a reconnaissance mission, in Pyeongtaek, South Korea, 08 June 2022. EPA/YONHAP SOUTH KOR ...
Eine U-2S «Dragon Lady» der US-Luftwaffe.Bild: keystone

Ironischerweise versuchte die US-Regierung von Dwight D. Eisenhower zunächst, den missglückten Spionageflug als Wetterbeobachtung zu vertuschen. Am folgenden Tag präsentierte das sowjetische Fernsehen allerdings die Trümmer der U-2 und führte auch den Piloten Francis Gary Powers vor, den man in Washington für tot gehalten hatte. Kremlchef Nikita Chruschtschow verlangte vergeblich ein Schuldeingeständnis Eisenhowers und sagte ein geplantes Treffen kurzerhand ab.

USA schiessen chinesischen Spionageballon ab

Video: twitter/aletweetsnew

Nach dem peinlichen Vorfall setzten die USA mehr und mehr auf Spionagesatelliten und die schnellere SR-71 «Blackbird», die ebenfalls Lockheed Martin entwickelte. Das Aus für die «Dragon Lady» bedeutete der Vorfall aber nicht. So half das Flugzeug im Oktober 1962, die Stationierung sowjetischer Atomraketen auf Kuba zu dokumentieren.

Das Nervenspiel der Kubakrise führte nach ihrem dramatischen Höhepunkt zu einer Phase der Entspannung im Kalten Krieg. Das chinesische Atomwaffenprogramm sollen die USA in den 60er-Jahren ebenfalls mithilfe ihrer U-2 ausspioniert haben. Auch nach dem Kalten Krieg fand sich immer wieder eine Verwendung für die Überflieger.

Im März 2011 etwa flog eine U-2 über Japan, um die Schäden nach dem grossen Beben und dem folgenden Tsunami zu vermessen. Im Irak half die U-2 noch 2017, die Stellungen der Terrormiliz «Islamischer Staat» auszuspähen. Erwägungen, die U-2 ausser Dienst zu stellen und komplett durch Aufklärungsdrohnen zu ersetzen, hat das Pentagon bislang offenbar nicht in die Tat umgesetzt.

Weitere interessante Artikel:

(t-online, mk)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Highlights von Bidens Rede zur Lage der Nation
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
80 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Amarillo
08.02.2023 10:02registriert Mai 2020
Manchmal entwickelt sich die Zukunft nicht ganz so planmässig. Bis vor kurzem glaubte man auch noch, die einzige Bedrohung für Europa sei der Terror, und es brauche - statt Panzer, Artillerie, Flugzeuge etc. - eher eine Art besser bewaffnete Polizeitruppe sowie einen Geheimdienst für die Terroraufklärung. Einerseits verständlich, dass man nach 70 Jahren (fast) Frieden in Europa glaubte, ein "klassischer" Krieg sei kaum mehr möglich. Andererseits verschloss man aber auch einfach ganz fest die Augen vor den Entwicklungen in RUS, und sendete dem Diktator dort (und anderen) die "falschen" Signale
10813
Melden
Zum Kommentar
avatar
Doppellottotreffer
08.02.2023 11:16registriert September 2021
«Wir wissen nicht genau, welche Aufgabe die U-2 hatten, ihr Einsatz erscheint aber sinnvoll»

OK, dieser Satz war jetzt aber nicht wirklich sinnvoll, Fachmagazin hin oder her.
775
Melden
Zum Kommentar
avatar
Papisco
08.02.2023 09:32registriert Juni 2020
"Mehrere Tage.. in südwestlicher Richtung über die USA"? Wohl eher in südöstlicher, gell?
5812
Melden
Zum Kommentar
80
«Anarchokapitalist» bleibt zahm: Argentiniens Präsident Milei in Hamburg geehrt

Der Exzentriker hält sich zurück: Zum Auftakt seines Besuches in Deutschland ist Argentiniens ultraliberaler Präsident Javier Milei in Hamburg mit einer Medaille der Friedrich August v. Hayek-Gesellschaft geehrt worden. Der für spontane und polemische Äusserungen bekannte Milei verzichtete am Samstag in seiner Rede auf jeden Bezug zu Deutschland und schilderte in erster Linie sein Verständnis von Politik.

Zur Story