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Massenimpfung in Mumbai.
Massenimpfung in Mumbai.
Bild: keystone

In Indien brach vor 6 Monaten die Delta-Variante aus – so ergeht es dem Land heute

Im März hörte die Welt erstmals von der Delta-Variante. Mittlerweile hat uns diese Corona-Mutation im Griff. Doch wie sieht es eigentlich in Indien aus, dem Ursprungsland?
18.09.2021, 13:0118.09.2021, 21:20
Reto Fehr
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Anfang März frohlockte Indien noch. Die Coronapandemie wurde teilweise bereits als besiegt erklärt. Wenige Wochen später stiegen die Fallzahlen aber wieder. Und zwar rasant. Unterstützt wohl auch durch das nur alle 12 Jahre stattfindende grösste hinduistische Fest der Welt, das «Kumbh Mela».

Schnell wurde klar: Eine neue Doppelmutation steckt dahinter. B.1.617 nannte sie die Fachwelt, alle anderen: indische Variante. Nachdem die WHO später die neuen Mutationen nach dem griechischen Alphabet benannt hatte, erhielt B.1.617 ihren heutigen Namen: Delta-Variante. Diese ist heute in weiten Teilen der Welt und auch in der Schweiz für den Löwenanteil der neuen Infektionen verantwortlich.

Doch zurück nach Indien. Im April und Mai kam das Gesundheitssystem an den Anschlag. Spitalbetten wurden knapp, der Sauerstoff-Vorrat ging zu Ende und auch bei den Impfstoffen gab es Lieferengpässe. Die explodieren Fallzahlen in Indien zeigen den rasanten Anstieg:

Klar, das indische Gesundheitssystem lässt sich nicht mit unserem in der Schweiz vergleichen. Die Situation war sehr ernst. Die Todesfälle stiegen steil an und man ahnte es: Die Dunkelziffer dürfte hoch gewesen sein. Denn viele starben im Riesenreich, bevor sie überhaupt den Weg zu einem Arzt fanden. Kein Wunder also, dass die Todesfälle pro Einwohner jene der Schweiz deutlich übertrafen:

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(Erste?) Delta-Welle überstanden

Doch die beiden Kurven oben zeigen es schon: Die Lage in Indien hat sich ab Juni/Juli massiv beruhigt, die Fallzahlen sind so tief wie bei uns im fast sorgenfreien Sommer und auch die Todesfälle sanken auf ein tiefes Niveau. Auch wenn wir die oben erwähnten Dunkelziffern im Hinterkopf haben, so lässt sich feststellen: Indien hat die Delta-Welle (vorerst) überstanden.

Sauerstoff war in vielen Landesteilen im Sommer ein knappes Gut.
Sauerstoff war in vielen Landesteilen im Sommer ein knappes Gut.
Bild: keystone

Am Freitag wurden landesweit 34'000 Neuinfektionen gemeldet (bei 1,3 Milliarden Einwohnern). Das ist kein Vergleich mehr zu den über 400'000 im April. Und 22'000 dieser Fälle konzentrieren sich auf die südwestliche Region Kerala. Zwar verzeichnen auch fünf weitere Regionen eine (leichte) Zunahme der Fälle, insgesamt aber sind die Zahlen rückläufig und selbst in Kerala herrscht keine Notsituation. Mehr zu diesem Bundesstaat folgt später, aber denken wir ans grosse Bild:

Wie hat Indien das gemacht?

Indien zündete Impfturbo

Zum einen ist da die Impfung. Ab Mai konnten sich auch 18-Jährige impfen. Die Lieferknappheit konnte (vorerst) beendet werden. In den letzten Tagen wurden viermal innert 24 Stunden über eine Million Inder geimpft. Alleine im August wurden 180 Millionen Impfdosen gespritzt. Indien will bis Ende 2021 alle impfen, welche dies möchten.

Mobile Impfstelle in Ahmedabad am 17. September.
Mobile Impfstelle in Ahmedabad am 17. September.
Bild: keystone

Aktuell sind über 40 Prozent der Bevölkerung zumindest einmal geimpft. Verwendet werden dabei AstraZeneca, Covaxin von einer indischen Firma und das russische Sputnik V. Doppelt Geimpfte gibt es nur 13 Prozent, aber auch hier steigt die Quote. Und im August erhielt Zydus Cadila, auch ein indisches Produkt, die Notfallzulassung für Kinder ab 12 Jahren. Bald soll auch die Freigabe für 2-Jährige folgen.

Hat sich das Virus «weit genug» verbreitet?

Alles der Impfung zuzuschreiben, wäre zu kurz gegriffen. Es gab in den verschiedenen Regionen auch unterschiedliche Massnahmen. In der ersten Welle war dies ein landesweiter Lockdown, in der zweiten reagierte jede Region etwas anders und insgesamt weniger streng. Was aber seit 17 Monaten gilt: Die Schulen sind zu. Oder stellten auf Online-Unterricht um. Das allerdings hat fatale Folgen für die vielen Kinder aus armen Familien: Ihnen fehlt das Geld für ein Smartphone oder Computer. Und das heisst: keine Bildung.

Viele Massnahmen wurden in den letzten Tagen und teilweise schon Wochen gelockert, trotzdem stiegen die Fallzahlen kaum an. WHO-Wissenschaftlerin Dr. Soumya Swaminathan hatte schon Ende August eine mögliche Erklärung dafür: «Es sieht so aus, als ob Indien eine Art endemisches Stadium erreicht hat», sagte sie der BBC. Endemisch würde bedeuten: Das Virus zirkuliert, es kommt auch zu schweren Fällen, aber diese sind überschaubar und vor allem meist behandelbar im Gesundheitssystem.

Swaminathan sagt aber auch, dass es weiterhin zu Hochs und Tiefs kommen kann. So extreme Anstiege wie in der zweiten Welle erwartet sie nicht mehr.

Vorzeige-Region am härtesten getroffen

Eines dieser Tiefs macht gerade der eingangs erwähnte Bundesstaat Kerala durch. Die Region galt in der ersten Welle noch als Vorzeigebeispiel mit tiefen Infektionen und Todesfällen. Zugeschrieben wurde dies vielen Tests, Isolationen und Contact Tracing. Keralas in der Zwischenzeit entlassene Gesundheitsministerin K.K. Shailaja wurde als «Covid-Jägerin» gefeiert und vom Magazin «Vogue» zu Indiens Frau des Jahres gewählt.

Masken gehören in Kerala zum Alltagsbild.
Masken gehören in Kerala zum Alltagsbild.
Bild: keystone

Aber in der zweiten Welle nahmen die Fallzahlen auch im Mai nicht ab. Aktuell ist die Region für rund zwei Drittel aller Fälle im Land verantwortlich. Immerhin nahmen die Neuinfektionen zuletzt etwas ab.

Aber warum erst so spät? Eine mögliche Erklärung unterstützt die Theorie von Dr. Soumya Swaminathan: Die Seroprävalenz zeigte im März rund 11 Prozent für Kerala, während Indien insgesamt bei 20 Prozent stand und einige Nachbarregionen bei 60 Prozent. Mit anderen Worten: Das Virus hatte sich in der ersten Welle «zu wenig» verbreiten können.

Tiefer Anteil von Einwohnern mit Antikörpern

Auch Ende Juli wies Kerala mit 44 Prozent Seroprävalenz weiterhin den tiefsten Wert im Land aus. Rund die Hälfte der Einwohner hatten also keine Antikörper, egal ob durch Impfung oder überstandene Krankheit. Die Delta-Variante hatte hier also leichteres Spiel. Trotzdem beschreibt Dr. Rajeev Jayadevan, stellvertretender Vorsitzender des Ärzteverbandes im Bundesstaat, die Lage als: «Eher ein vor sich hin loderndes Feuer als ein Inferno.» Die Gesundheitssysteme sind nicht am Anschlag.

Möglich, dass die wenigen Einwohner mit Antikörpern ein Grund sind. Genannt werden auch immer wieder die hohe Bevölkerungsdichte, die hohe Testanzahl und das feuchte Klima, sowie einige regionale Feste.

Eines der grossen Feste in diesen Wochen in Indien: das Ganesh Chaturthi, hier eine Szene in Mumbai.
Eines der grossen Feste in diesen Wochen in Indien: das Ganesh Chaturthi, hier eine Szene in Mumbai.
Bild: keystone

Jetzt beginnt die Jahreszeit der grossen Feste

Apropos Feste: Jetzt beginnt die Jahreszeit der grossen Events. Das 10-tägige Ganesh Chaturthi begann am 10. September, Sharad Navratri, Diwali und Durga Puja werden in den kommenden Wochen ebenfalls über mehrere Tage verteilt gefeiert – alles wichtige Anlässe im hinduistischen Jahreszyklus.

Auch deshalb will man der aktuellen Ruhe nicht ganz trauen. Diverse Experten gehen von einer dritten Welle im Oktober aus. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob sie recht behalten.

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