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Bilder, die wir bei uns lange nicht mehr gesehen haben: Vietnams grösste Stadt Ho Chi Minh City ist durch den Lockdown menschenleer.
Bilder, die wir bei uns lange nicht mehr gesehen haben: Vietnams grösste Stadt Ho Chi Minh City ist durch den Lockdown menschenleer.
Bild: keystone

Das Beispiel Vietnam zeigt, wie zerstörerisch Delta sein kann (ohne Impfschutz)

Über lange Zeit schien Vietnam «coronaresistent» – doch dann kam Delta. Was sich geändert hat und was die Schweiz daraus lernen kann.
26.08.2021, 06:0027.08.2021, 08:45
Lea Senn
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Die Fallzahlenkurve aus Vietnam ist ernüchternd: Seit Anfang Juli ist das Land in einem strikten Lockdown – und trotzdem explodieren die Zahlen. Aktuell melden die Behörden mehr als zehntausend Neuinfektionen jeden Tag.

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Die Inzidenz liegt damit noch nicht einmal halb so hoch wie in der Schweiz – doch beim Blick auf die Todesfälle sieht der Vergleich anders aus: Trotz tieferen Fallzahlen sterben in Vietnam anteilsmässig fast 10 Mal so viele Menschen wie in der Schweiz. In absoluten Zahlen entspricht das täglich über 350 Toten. Grund dafür sind nicht zuletzt extrem tiefe Impfquoten – doch dazu später mehr.

Die Regierung hat nun zu dramatischen Mitteln gegriffen. Seit Montag dürfen die Bewohner und Bewohnerinnen in Vietnams grösster Stadt Ho Chi Minh City ihre eigenen Wände nicht mehr verlassen. Nicht einmal zum Einkaufen. Das übernimmt nun das Militär.

Ho Chi Minh City ist derzeit besonders betroffen, die Zahl der an Covid-19 Verstorbenen stieg auf mittlerweile über 7000. Die Einschränkungen wurden deshalb nicht nur verschärft, sondern gleichzeitig bis mindestens 15. September verlängert.

Soldaten werden zur Eindämmung der Pandemie nach Ho Chi Minh City geschickt.
Soldaten werden zur Eindämmung der Pandemie nach Ho Chi Minh City geschickt.
Bild: keystone

Wie es so weit kommen konnte

Die ersten Infektionen mit Covid-19 wurden in Vietnam, das direkt an China grenzt, im Januar 2020 registriert. Durch die Erfahrungen von früheren Pandemien reagierte Vietnam schnell und strikt: Flüge wurden gestrichen, die Landesgrenzen überwacht. Die wenigen, die trotzdem noch einreisen durften, mussten sich in eine staatlich überwachte Quarantäne begeben. Dazu kamen grossangelegte Informationskampagnen via SMS, Plakaten und Social Media.

Mit der Social Media Kampagne landete die Regierung einen viralen Hit:

Ausserdem betrieb Vietnam ein aufwändiges Contact Tracing. Teilweise suchen pro Covid-19-Fall mehrere hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Polizei, des Militärs und der Gesundheitsbehörden nach Kontaktpersonen.

Mit dieser Strategie fuhr Vietnam lange Zeit gut – insbesondere, was die Todesfälle anging: Noch im Mai dieses Jahres, also fast eineinhalb Jahre nach Pandemie-Beginn, zählte Vietnam nur 41 Covid-Tote.

Doch dann kam in diesem Frühling Delta und machte Vietnam einen Strich durch die Rechnung: Lokale Ausbrüche liessen sich mit den (bisher) bewährten Methoden nicht mehr unter Kontrolle bringen.

Dass Delta ausgerechnet Vietnam so stark trifft, hat laut einer Analyse der Zeit auch mit weiteren ungünstigen Faktoren zu tun: So erreichte das Virus beispielsweise schnell die grossen Fabrikhallen im Norden des Landes, in denen Hunderttausende Menschen auf engstem Raum arbeiten, unter anderem in Industrieparks für Computerchips und Autoteile. Von dort aus gelangte es in Spitäler und breitete sich rasant im ganzen Land aus.

Gesundheitssystem am Anschlag

Die Kapazitäten der staatlichen Spitäler sind bereits an einigen Orten erschöpft. Jetzt wurden private medizinische Einrichtungen aufgefordert, ihre Betten, Geräte und Personal für die Behandlung von Covid-Patienten zur Verfügung zu stellen.

Angesichts der hohen Fallzahlen droht Vietnam der Zusammenbruch des ohnehin schwachen Gesundheitssystems. Als Gegenmassnahme ist Vietnam nun auf der Suche nach genesenen Covid-Patienten, die gegen ein Entgelt in den überlasteten Spitälern aushelfen.

Kein Land dieser Welt testet pro gefundenen positiven Covid-Fall so viel wie Vietnam.
Kein Land dieser Welt testet pro gefundenen positiven Covid-Fall so viel wie Vietnam.
Bild: keystone

Das Problem mit der Impfung

Bisher wurden nur knapp zwei Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Im Einsatz stehen alle Produkte, die irgendwie zur Verfügung stehen, darunter Sinopharm aus China, Sputnik V aus Russland und AstraZeneca aus dem Covax-Programm der WHO. Ausserdem entwickelt Vietnam den eigenen Impfstoff «Nanocovax», der sich aktuell in der dritten Testphase befindet.

«Vietnam ist ein gutes Beispiel für ein Land, das zurückgelassen wurde, als alle wohlhabenden Länder der Welt zuerst nach Impfstoffen griffen.»
Dale Fisher, Experte für Infektionskrankheiten am National University Hospital in Singapur

Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sagte Dale Fisher, Experte für Infektionskrankheiten am National University Hospital in Singapur, dass Vietnam ein gutes Beispiel für ein Land sei, das zurückgelassen wurde, als alle wohlhabenden Länder nach Impfstoffen griffen. «Und dieser Nachteil wird nur noch verschärft, da dieselben Länder eine vorsorgliche dritte Dosis einnehmen, während Länder wie Vietnam mit einstelligen Impfraten kämpfen.»

Was die Welt von der Situation in Vietnam lernen kann

Das Beispiel der kaum geimpften Bevölkerung Vietnams zeigt einmal mehr, welch gravierende Situation die sich schnell ausbreitende Variante Delta anrichten kann. Und es zeigt auch, dass die bisherigen Massnahmen kaum mehr ausreichen, um die Pandemie einzudämmen.

Der Weg aus der Krise führt laut der Regierung über die Impfung: Pham Duc Hai, Gesundheitsexperte von der Vietnamesischen Task Force, sagte: «Der Impfstoff ist der Schlüssel, um diesen Kampf zu gewinnen.»

Vor kurzem wurde der Plan präsentiert, bis zum nächsten Jahr 70 Prozent der Bevölkerung zu impfen. Selbst wenn man aktuell in Ländern mit höheren Impfquoten ebenfalls Ausbrüche beobachtet – sie fordern aktuell dank dem Impfschutz deutlich weniger Todesopfer als in Vietnam.

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