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30.10.2018, Niedersachsen, Oldenburg: Der wegen vielfachen Mordes Angeklagte Niels Hoegel sitzt im Gerichtssaal. Der Prozess des Landgerichtes findet wegen der zahlreichen Prozessbeteiligten in den Weser-Ems-Hallen statt. Die Staatsanwaltschaft hat den Ex-Krankenpfleger wegen Mordes an 100 Patienten an Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg angeklagt. (KEYSTONE/dpa/Julian Stratenschulte)

Niels Högel hält sich beim Prozess in Oldenburg einen Ordner vor das Gesicht. Bild: dpa Pool

«Der Gedanke ans Aufhören kam mir nicht» – wie Pfleger Niels Högel 100 Menschen tötete



Mit einem Geständnis hat der Prozess um die beispiellose Mordserie des früheren Krankenpflegers Niels Högel begonnen. Der 41-Jährige räumt am Dienstag vor dem Landgericht in norddeutschen Oldenburg ein, die ihm vorgeworfenen 100 Taten begangen zu haben.

Högel soll zwischen 2000 und 2005 100 Intensivpatienten in Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst getötet haben. Dazu soll er den Pazienten bewusst Injektionen gegeben haben, die Herz-Kreislauf-Stillstände auslösten.

Was Högel am Dienstag vor Gericht sagte:

«Ich habe mir den Beruf des Pflegers anders vorgestellt. Mein Vater war auch Pfleger, meine Oma war Krankenschwester. Sie waren meine Vorbilder. Krankenpfleger war immer mein Traumberuf. Ich dachte, es geht in dem Job mehr darum, die Patienten zu pflegen, waschen. Stattdessen sollte ich die bewusstlosen Patienten, die gerade frisch aus dem OP gekommen waren oder im Koma lagen, an Geräte und Schläuche anschliessen. Die High-Tech-Medizin hat den Beruf entmenschlicht.»

1997 schliesst Högel seine Ausbildung ab, schnell ist er überfordert. Nimmt Schmerzmittel, trinkt viel Alkohol. Vor Gericht schilderte er eine Situation, mit der er nicht klar kam.

«Einmal hatten wir einen Notfall, da wurde einem Patienten spontan der Brustkorb geöffnet. Ich zog mir sterile Handschuhe an, sollte das Herz in die Hand nehmen. Da war ich völlig fertig.»

Dieser Vorfall ereignet sich in der Klinik in Oldenburg, wo auch das Morden beginnt, wie der Angeklagte zugibt. Ein Pfleger schöpft verdacht, verbietet es Högel, sich um seine Patienten im Operationssaal zu kümmern. Es kommt zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses.

«Der medizinische Leiter der Klinik rief mich 2002 in sein Büro und sagte, dass er mir das Vertrauen entziehe, begründete dies aber nicht weiter weiter. Entweder ich würde selbst kündigen, oder die Klinik würde mich nur noch als Hausmeister anstellen. Für eine Kündigung sollte ich dann noch ein 13. Gehalt und ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt bekommen.»

Trotz des Rauswurfs denkt Högl nicht daran, seine Morde zu beenden und einen anderen Weg einzuschlagen. «Der Gedanke war einfach nicht da.» Er bewirbt sich auf der Intensivstation in Delmenhorst und findet eine Arbeitsstelle. 

Gleich zu Beginn seiner Zeit in Delmenhorst gibt es ein Erlebnis, das Högel prägt. «Ein Patient musste intubiert werden, doch der leitende Arzt kriegte es nicht hin, den Schlauch in die Luftröhre zu stecken», erzählt er. Högl intubiert erfolgreich und wird von seinen Kollegen gelobt.

Endlich erhält er Anerkennung, dies macht ihn süchtig. Er will dieses Gefühl immer und immer wieder. Deshalb verabreicht Högl Patienten regelmässig Injektionen, die Herz-Kreislauf-Stillstände auslösen. Er versuchte sie danach wieder zu beleben, um als Lebensretter zu glänzen.

Auf frischer Tat ertappt

2005 wird er entlassen und kurz darauf festgenommen, weil ihn eine Kollegin bei einer Tat auf frischer Tat beobachtet. In einem ersten Prozess wird er dafür 2008 verurteilt, ein zweites Verfahren wegen fünf weiterer Fälle folgt 2014 bis 2015. Dabei gesteht er überraschend weitere Morde.

epa07130772 (FILE) - The main building of the former Klinikum Delmenhorst hospital (now Josef-Hospital), where former male nurse Niels H. allegedly killed dozens of patients in Delmenhorst, Germany, 19 September 2018 (reissued 30 October 2018). After being convicted in 2015 in two cases of murder, the prosecution now brings charges against H. in 97 other cases of presumed murder, 62 in Delmenhorst, another 35 in Oldenburg. The trial at the Regional Court (Landgericht) in Oldenburg started on 30 October.  EPA/FOCKE STRANGMANN

Blick auf die Klinik in Delmenhorst, wo Niels Högel dutzende Menschen umgebracht haben soll. Bild: EPA/EPA

Erst danach kommen systematische Ermittlungen in Gang, drei Jahre lang nimmt eine Sonderkommission alle Todesfälle während seiner Tätigkeit an den beiden Kliniken unter die Lupe. Zahlreiche Verstorbene werden exhumiert und auf Medikamentenrückstände untersucht. Das Ergebnis der Ermittlungen ist der nun beginnende dritte Prozess.

«Wie ein kleiner verletzlicher Massenmörder»

Ob Högel eventuell noch weitere Morde beging, lässt sich nach Einschätzung der Ermittler nicht abschliessend sagen. Viele verstorbene frühere Klinikpatienten wurden feuerbestattet. Trotz interner Verdachtsmomente konnte Högel lange ungehindert weiter töten. Mehrere Verantwortliche der Krankenhäuser sind deshalb inzwischen separat angeklagt.

Vertreter der Angehörigen reagierten überrascht auf Högels erstes öffentliches Geständnis und dessen Aussagen zu seiner Gemütsverfassung während seiner beruflichen Anfangszeit, die seinen Angaben nach bereits schnell von hohem Stress auf den Intensivstationen gekennzeichnet war. «Heute sieht er wie ein kleiner verletzlicher Massenmörder aus», sagte deren Sprecher Christian Marbach. (cma/sda/afp/dpa)

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    Alle Leser-Kommentare
  • chnobli1896 31.10.2018 07:53
    Highlight Highlight [...] Ein Pfleger schöpft verdacht, verbietet es Högel, sich um seine Patienten im Operationssaal zu kümmern. Es kommt zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses. [...]

    Die Leute (evtl. der Pfleger, sicher der Leiter) sollten eigentlich mitangeklagt werden.

    Auch wenn sie nichts gewusst oder keine Beweise hatten, haben sie sich zu einfach aus der Geschichte rausmanövriert
    • chnobli1896 31.10.2018 07:56
      Highlight Highlight Mit Mitangeklagt meine ich im selben Prozess. Mir ist bewusst das ihnen separat der Prozess gemacht wird, habe aber das Gefühl es wäre einschneidender im selber Prozess angeklagt zu sein
  • rundumeli 30.10.2018 23:55
    Highlight Highlight hmm ... schwierig zu sagen, was da schutzbehauptungen des angeklagten sind: "mein vater war, meine oma war" ... und was schierer trieb: "erhält er anerkennung, dies macht ihn süchtig" ... anyway, eine zentrale datenbank könnt weiteres unheil begrenzen ... sei es bei pflegern, lehrern oder pfaffen
  • theMVP 30.10.2018 22:42
    Highlight Highlight «Stattdessen sollte ich die bewusstlosen Patienten, die gerade frisch aus dem OP gekommen waren oder im Koma lagen, an Geräte und Schläuche anschliessen. Die High-Tech-Medizin hat den Beruf entmenschlicht.»

    Ich bin sprachlos, er möchte mehr Pflegen und geht auf eine Spezialisierte Abteilung, die nur einen Bruchteil im Gesundheitswesen ausmacht.

    Er spricht davon wie der Beruf entmenschlicht ist. Er! Der Massenmörder ....


  • Butschina 30.10.2018 22:26
    Highlight Highlight Mir ist schleierhaft wie man bei solch einem Verdacht nicht die Polizei zuzieht. Eine Kollegin (FAGE) wurde mal angeklagt, einen Ring einer verstorbenen Patientin geklaut zu haben. Da wurde sofort die Polizei gerufen. Zum Glück stellte sich der Täter und ihr passierte nichts.
    Im Verdachtsfall wäre zumindest eine interne Untersuchung angezeigt.
    • Max Cherry 30.10.2018 23:21
      Highlight Highlight Wenn bei jedem Verdachtsfall gleich die Polizei auf Arbeitskollegen gehetzt wird ist dies sicher nicht sehr förderlich für das Betriebsklima. Man arbeitet schliesslich zusammen, als Team. Wenn sich der Verdacht dann auch noch als falsch herausstellt, phuu...
      Wenn ich deine Kollegin wäre, würde ich jedenfalls nicht mehr mit dem Spitzel zusammen arbeiten wollen.
    • Saraina 01.11.2018 08:12
      Highlight Highlight Wenn der Verdacht so stark ist, dass jemandem deswegen gekündigt wird, scheint es mit völlig verantwortungslos auch nochbein sehr gutes Zeugnis auszustellen. Man hätte entweder intensivere Gespräche mit dem Entlassenen führen können, oder wenigstens ein vorsichtiges Zeugnis schreiben. Hier wurde ein Problem abgewälzt, auf Kosten vieler Patienten! Ich hoffe, dass es auch deswegen zu einer Anklage und Verurteilung kommt. Hilflose sind auf das Verantwortungsgefühl ihrer Betreuer angewiesen.

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