International
Deutschland

Um sich für Trump zu wappnen, will Friedrich Merz massiv Schulden machen

KEYPIX - 04.03.2025, Berlin: Markus S
Die Sozialdemokraten können zufrieden sein: CSU-Chef Markus Söder, CDU-Chef Friedrich Merz sowie Lars Klingbeil und Saskia Esken, die beiden Vorsitzenden der SPD (von links) am Dienstagabend in Berlin.Bild: keystone

Um sich für Trump zu wappnen, will Friedrich Merz massiv Schulden machen

Für die Aufrüstung der Bundeswehr ist der CDU-Chef der SPD sehr weit entgegengekommen: Die deutsche «Schuldenbremse» soll gelockert werden. Eine Gegenleistung erhält Merz vorerst nicht.
05.03.2025, 15:1305.03.2025, 15:13
Hansjörg Friedrich Müller, Berlin / ch media

Donald Trumps mögliches Abrücken vom transatlantischen Bündnis ist wahrscheinlich die grösste Herausforderung, der Deutschland seit der Wiedervereinigung gegenübersteht. Es sind also ungemütliche Zeiten für die massgeblichen Berliner Politiker.

Vielleicht aber hat die Situation aus Sicht der Handelnden auch ihr Gutes: In einer Notsituation fällt es leichter, das Überbordwerfen von Prinzipien und Wahlkampfversprechen zu begründen. Und wer auf die grossen Linien schauen muss, in diesem Fall auf die Sicherheit Europas, hat eine willkommene Ausrede, die lästige Ausgabendisziplin hintanzustellen.

Bei den Grünen wachsen die Begehrlichkeiten

So kam CDU-Chef Friedrich Merz der SPD, seinem Koalitionspartner in spe, weiter entgegen, als die Sozialdemokraten wohl noch vor kurzem zu träumen gewagt hätten: Für Investitionen ins Militär, die ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts überschreiten, soll die «Schuldenbremse» gelockert werden. Darauf haben sich Christdemokraten, Christsoziale und Sozialdemokraten am Dienstag geeinigt.

Zudem haben sie die Einrichtung eines «Sondervermögens» beschlossen, wie ausserplanmässige Schulden in der deutschen Politik seit einigen Jahren beschönigend bezeichnet werden. Für die 500 Milliarden Euro, die dafür vorgesehen sind, soll Deutschlands marode Infrastruktur in den kommenden zehn Jahren ertüchtigt werden.

Friedrich Merz, leader of the Christian Democratic Union (CDU), talks to the media during a press conference in Berlin, Germany, Monday, March, 3, 2025. (AP Photo/Ebrahim Noroozi)
Germany Politics
Friedrich Merz kommt der SPD entgegen.Bild: keystone

Damit kommt Merz, der noch im Wahlkampf als Verteidiger der «Schuldenbremse» aufgetreten war, den Sozialdemokraten sehr weit entgegen, und das, ohne dass diese ihm eine eigentliche Gegenleistung angeboten hätten: Beschlossen werden sollen die Massnahmen nämlich bereits nächste Woche, also noch vor Merz' möglicher Wahl zum Kanzler. Ob die Koalitionsgespräche, die der Christdemokrat vor Ostern abschliessen will, zum Erfolg führen werden, ist längst nicht gesagt.

In aller Eile durch den alten Bundestag

Grund für die Eile sind die Mehrheitsverhältnisse im neuen Bundestag: Für die Lockerung der «Schuldenbremse» muss die Verfassung geändert werden, und dafür braucht es eine Zweidrittelmehrheit. Da die AfD und die Linkspartei im neuen Bundestag zusammen über eine Sperrminorität verfügen, soll noch das alte Parlament die Änderungen abnicken.

Die Grünen, deren Zustimmung Union und SPD dafür brauchen, erfuhren aus den Medien von den Plänen der wahrscheinlichen neuen Regierungsparteien. Merz' Vorgehen scheint bei ihnen Begehrlichkeiten geweckt zu haben: Sie fordern nun mehr Mittel für den Klimaschutz.

Europa müsse militärisch erwachsen werden, begründete der CDU-Chef sein Einlenken am Dienstagabend. Der Kompromiss ist für ihn ein schlechter Start in die Koalitionsgespräche: Zwar ist unbestritten, dass Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten zu wenig in Strassen, Schienen und öffentliche Gebäude investiert hat, und dass die Bundeswehr sehr viel besser ausgestattet werden muss, ist ebenfalls klar. Doch als Konservativer hätte Merz bei den Ausgaben ansetzen müssen – und Mittel, die er zusätzlich ausgeben will, in anderen Bereichen einsparen.

Hätte er dies versucht, wäre er allerdings unweigerlich mit der SPD aneinandergeraten, denn Streichungen im Sozialbereich hätten sich dann kaum vermeiden lassen. Weitere Zugeständnisse der Union könnten nun bevorstehen: Bis Ende 2025 soll eine Expertenkommission Vorschläge über eine «Modernisierung» der «Schuldenbremse» machen, worunter eine weitere Aufweichung zu verstehen sein dürfte.

Die innere Bedrohung durch die AfD bleibt

Konservative Christdemokraten äusserten sich am Mittwoch enttäuscht über die Einigung. Von einer «deutlichen Niederlage» Merz' sprach die Nachwuchsorganisation der Unionsparteien; andere verglichen den CDU-Chef mit Angela Merkel, die 2005 noch als «deutsche Margaret Thatcher» in den Wahlkampf gestartet war, um dann – auch unter dem Druck der Mehrheitsverhältnisse – einen Mitte-Kurs einzuschlagen.

Ob es in der Union ruhig bleibt, wird nun wohl davon abhängen, ob es Merz gelingt, der SPD in anderen Bereichen Zugeständnisse abzuringen; im Fokus dürfte dabei vor allem die Migrationsfrage stehen. Als Kanzler wird sich der CDU-Chef nicht nur um die grossen Linien der Aussen- und Sicherheitspolitik kümmern können, sondern auch auf die Anliegen seiner Anhänger eingehen müssen. Ansonsten wird er ein weiteres Anwachsen der AfD-Wählerschaft kaum verhindern können.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Deutschland wählt
1 / 27
Deutschland wählt
Heidi Reichinnek, Spitzenkandidatin der Linken, freut sich über das überraschend gute Abschneiden ihrer Partei.
quelle: keystone / ronald wittek
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Bundestagswahl: Das sagen die Menschen der Hauptstadt zum Ergebnis
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
143 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
N. Y. P.
05.03.2025 15:47registriert August 2018
Genau so !

Ich bin schwer beeindruckt, wie schnell Friedrich Merz alles aufgleist. Beim Militär und der Infrastruktur wird jetzt richtig reingehauen und investiert. SPD und CDU/CSU haben die Dringlichkeit erkannt.

Fertig mit der gschpürsch mi Mentalität eines Olaf Scholz.
7627
Melden
Zum Kommentar
avatar
Gurgelhals
05.03.2025 15:51registriert Mai 2015
Tja, damit kann der Trömp von sich behaupten, dass er in nur 60 Tagen immerhin etwas Positives bewirken konnte. Und zwar etwas, das man bisher für absolut unmöglich hielt und an dem in all den Jahren sowohl Obama wie auch Biden kolossal gescheitert sind:

Er konnte die Deutschen – und nicht bloss die Deutschen, sondern die CDU(!) – in kürzester Zeit davon überzeugt, dass Austerität volkswirtschaftlicher Unsinn ist, dass Staatsschulden nicht per se etwas ganz, ganz Schlimmes sind und dass man es vielleicht stattdessen mal mit so etwas wie Bidenomics versuchen sollte.
6115
Melden
Zum Kommentar
avatar
Der Micha
05.03.2025 15:45registriert Februar 2021
Damit Deutschland relevant bleibt, müssen nun mal Schulden gemacht werden. Die Schuldenbremse in der Form wie jetzt, hat Deutschland durch die Wirtschaftskrise gebracht.

Aber mittlerweile ist es einfach nur ein Klotz am Bein, was Deutschland ausbremst. Diese muss reformiert werden. Natürlich meckern jetzt die Linken wegen den Militärausgaben, aber diese sind nun mal notwendig. Und auch die Infrastruktur muss dringend saniert werden.

Viele Straßen und Brücken sind bei uns in Deutschland eine Zumutung.
295
Melden
Zum Kommentar
143
Hamburg: Mann packt Frau und reisst sie vor fahrende U-Bahn – beide tot
In Hamburg sind ein Mann und eine Frau von einer einfahrenden U-Bahn erfasst und überrollt worden. Gemäss deutschen Medien besteht laut der Polizei der Verdacht eines Tötungsdelikts. Augenzeugenberichten zufolge soll der Mann am Bahnsteig eine zufällig dort stehende Frau gepackt und mit sich ins Gleisbett gerissen habe. (dab)
Zur Story