Eine weltweite Verdreifachung der Stromproduktion mit Erneuerbaren bis ins Jahr 2030 – dieses Ziel formulierten 118 Staaten im Dezember 2023 an der letzten UN-Konferenz in Dubai.
Wir werden (auch) dieses Ziel verfehlen.
Laut der jüngsten Analyse der Internationalen Energieagentur IEA erhöhen wir die Kapazität der Erneuerbaren bis 2030 auf 8000 Gigawatt. 11'000 hätten es werden müssen. «Es gibt eine Kluft, aber die Kluft ist überbrückbar», sagte IEA-Analyst Heymi Bahar gegenüber dem «Guardian».
Die Schuldigen sind schnell gefunden. Wenigstens am Stammtisch und in den Kommentarspalten im Internet: «Was nützt es, wenn wir unsere Erneuerbaren ausbauen», kann man immer wieder hören und lesen, «China macht ohnehin nicht mit». Zuletzt so gelesen auch in der Kommentarspalte von watson.
Die Aussage könnte so nicht falscher sein. China installierte 2023 Erneuerbare in schwindelerregendem Tempo und in einem Ausmass, das die europäischen und amerikanischen Bestrebungen lachhaft aussehen lässt.
Laut den Berechnungen des unabhängigen Energie-Think-Tanks Ember (mit Daten der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien IRENA), installierte China im Jahr 2023 eine zusätzliche Kapazität von beinahe 300 Gigawatt (297,57 GW).
Die G7 (ohne China) und der Rest der Welt (ohne China und die G7) installierten davon nur einen Bruchteil.
Im Jahr 2023 hat China damit rund zwei Drittel der weltweit installierten Photovoltaik (63 Prozent) und Windkraft (65 Prozent) installiert. Motivation dazu hat das Reich der Mitte reichlich, denn immer wieder kommt es in China zu Stromproblemen.
Im Herbst 2021 waren (je nach Quelle) über 20 Regionen und Provinzen von einer akuten Strommangellage betroffen. Damals verursachten der horrende Kohlepreis und Probleme bei der Kohleversorgung (Streit mit Australien, unzuverlässige Lieferungen der Mongolei und Indonesiens) eine Notlage. Laut Goldman Sachs waren 44 Prozent der gesamten chinesischen Industrie davon betroffen. Das kann sich das Land mit Grossmachtsanspruch nicht bieten lassen – und Peking reagierte mit energischen Massnahmen. Dazu gehört auch der rigorose Ausbau der Erneuerbaren.
Das Riesenreich als Musterknaben der Energiewende darzustellen, wäre allerdings ebenfalls falsch. China war 2022 für 29 Prozent des globalen Treibhausgasausstosses verantwortlich. Und das Land baut weiter Kohlekraftwerke.
China war 2023 auch beim Bau von Kohlekraftwerken äusserst aktiv. Von der weltweit addierten Kapazität von 69,5 GW fielen 47,4 GW oder 68 Prozent auf China. Der Energiehunger des Milliardenlandes steigt weiter unaufhörlich, wobei sich der Westen dabei auch an der Nase nehmen muss: Viele dort produzierte Konsumgüter werden hierzulande verkauft. Immerhin: Der Anstieg der Erneuerbaren übertrifft derjenige der Kohlekraft um beinahe das Siebenfache.
In Sachen mit Erneuerbaren produzierte Kilowattstunden pro Einwohner holt China damit rasant auf – und wird schon in den nächsten Jahren die EU und die USA überholen. Die Schweiz, in dieser Hinsicht hat der Stammtisch recht, liegt hier im Vergleich noch weit entfernt. Doch zu den absoluten Top-Nationen gehören wir in dieser Statistik nicht.