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Johnsons Geburtstagsparty war ein «Mitarbeiter-Treffen» mit Kuchen und 30 Gästen

Immer mehr Ärger für Boris Johnson: Mit Kuchen, Ständchen und 30 Gästen soll der britische Premierminister einem Bericht zufolge mitten im Lockdown im Juni 2020 seinen Geburtstag gefeiert haben. Und wieder einmal war es ein «kurzes Treffen von Mitarbeitern im Anschluss an eine Besprechung».
25.01.2022, 11:4626.01.2022, 06:33

Laut dem Sender ITV hatte Johnsons Frau Carrie eine Überraschungsparty für den konservativen Politiker in dessen Amtssitz 10 Downing Street organisiert. Private Treffen in Innenräumen waren damals nicht erlaubt. Die Regierung dementierte den Bericht im Grundsatz nicht.

Boris Johnson soll eine Geburtstagsparty gefeiert haben.
Boris Johnson soll eine Geburtstagsparty gefeiert haben.Bild: keystone

Kritischen Stimmen in den eigenen Reihen werden lauter

Für den seit Wochen wegen Berichten über mutmasslich illegale Lockdown-Partys in der Kritik stehenden Johnson kommt die Enthüllung vom Montagabend zu einem prekären Zeitpunkt. Die kritischen Stimmen in der eigenen Partei werden immer lauter. In den vergangenen Tagen kamen Vorwürfe wegen Islamophobie in der Regierung und laschem Vorgehen gegen Betrug bei Corona-Hilfen hinzu.

Noch in dieser Woche werden die Ergebnisse einer internen Untersuchung zu einer ganzen Reihe angeblicher Lockdown-Partys in der Downing Street erwartet – inzwischen sind es zehn. Vom Ausgang dieser Untersuchung könnte Johnsons politisches Schicksal abhängen.

Mehrere Mitglieder seiner eigenen Fraktion wollen ihn stürzen. Die neuen Enthüllungen dürften Wasser auf ihre Mühlen sein. Insider halten ein Misstrauensvotum inzwischen für unausweichlich. Als Nachfolger bringen sich bereits Aussenministerin Liz Truss und Finanzminister Rishi Sunak sowie der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses Jeremy Hunt in Stellung.

Carrie sang «Happy Birthday»

Bis zu 30 Gäste sollen ITV zufolge bei der angeblichen Feier am Nachmittag des 19. Juni 2020 zu Johnsons 56. Geburtstag dabei gewesen sein, darunter vor allem Mitarbeiter, aber auch die Designerin Lulu Lytle, die damals für viel Geld die Dienstwohnung der Johnsons renovierte – ein weiterer Skandal.

Marilyn Monroe 2.0: Carrie Johnson sang «Happy Birthday».
Marilyn Monroe 2.0: Carrie Johnson sang «Happy Birthday».Bild: keystone

Carrie Johnson soll dem Bericht zufolge «Happy Birthday» angestimmt haben. Neben der Torte soll es auch ein Picknick mit Leckereien einer bekannten Kaufhaus- und Feinkostkette gegeben haben. Später seien mehrere Familienmitglieder in der Wohnung der Johnsons zu einer privaten Feier gewesen.

Der Event soll 20 bis 30 Minuten gedauert haben

Eine Regierungssprecherin bestritt den Bericht über die Zusammenkunft der Gruppe am Nachmittag laut ITV nicht, wertete sie aber nicht als Party, sondern kurzes Treffen von Mitarbeitern im Anschluss an eine Besprechung, um dem Premier zu gratulieren. Johnson sei weniger als zehn Minuten dabei gewesen. Insgesamt habe das Event nur 20 bis 30 Minuten gedauert.

Den Bericht über Gäste in der Dienstwohnung wies die Sprecherin als «komplett unwahr» zurück. Johnson habe lediglich eine kleine Gruppe von Familienmitgliedern im Freien empfangen. Die Designerin Lytle liess wissen, sie habe sich nur zum Arbeiten in der Downing Street aufgehalten und habe ausserhalb des Raums, in dem angeblich gefeiert wurde, auf ein Gespräch mit Johnson gewartet.

Die Reaktionen in der Presse waren verheerend. Viele Blätter nahmen ein Foto Johnsons mit einer Geburtstagstorte auf die Titelseite. Die «Sun» titelte spöttisch «You can't have your birthday cake...and eat it, Boris» – eine Anspielung auf ein englisches Sprichwort, das ins Gegenteil verwandelt, als Johnsons Lebensmotto gilt. Im Original bedeutet es: Man kann einen Kuchen nicht essen und gleichzeitig für später aufbewahren.

Johnson war besonders während der Brexit-Verhandlungen aber der Meinung, er könne das doch und wollte die Vorteile der EU-Mitgliedschaft trotz Austritts gerne beibehalten. Brüssel bezeichnete das als Rosinenpicken und blockte die Versuche ab. Für Spott sorgte auch, dass Johnson zu Beginn der Pandemie immer wieder betont hatte, man solle sich so lange die Hände waschen, bis man zweimal «Happy Birthday» gesungen habe.

«Er muss gehen»

Oppositionschef Keir Starmer von der Labour-Partei kritisierte die Regierung als «chaotisch und steuerlos» und forderte zum wiederholten Mal Johnsons Rücktritt. «Er muss gehen», bekräftigte Starmer.

Mit einem freiwilligen Abgang Johnsons wird indes kaum gerechnet. Gefährlich werden könnte ihm aber der wachsende Unmut in der eigenen Partei. Der Chef der konservativen Tory-Partei sieht sich dabei einer Koalition aus verschiedenen Lagern gegenüber. Sollten sich 54 Mitglieder seiner Fraktion im Unterhaus schriftlich für einen Wechsel aussprechen, käme es zum Misstrauensvotum.

Bereits in der vergangenen Woche sah es brenzlig für den Premier aus. Er hatte zugegeben, bei einer Gartenparty im Mai 2020 in seinem Amtssitz dabei gewesen zu sein, behauptete aber, sie für ein Arbeitstreffen gehalten zu haben. Dabei hatte sein Privatsekretär in einer E-Mail mit dem Hinweis «bringt euren eigenen Alkohol mit» dazu eingeladen.

Ein letzter Trumpf Johnsons könnte sein, dass es bislang keinen klaren Favoriten als Nachfolger gibt. Aussenministerin Truss gilt zwar als Liebling der Brexit-Anhänger, hat jedoch in der Bevölkerung nicht den besten Ruf. Schatzkanzler Sunak konnte während der Pandemie mit dem grosszügigen Furlough-Programm, der britischen Kurzarbeit, punkten. Als Schwiegersohn eines indischen Milliardärs gilt er aber als wenig geeignet, um die von Johnson erfolgreich umworbene Arbeiterschaft im Norden Englands zu begeistern. Hunt ist allenfalls ein Aussenseiter.

Die E-Mail will Johnson aber genauso wenig gesehen haben wie Warnungen im Vorfeld, es handle sich um einen Regelbruch. Mit einem trotzigen Auftritt bei der Fragestunde im Parlament konnte sich Johnson am vergangenen Mittwoch wieder etwas Luft verschaffen. Doch ob ihm das noch einmal gelingen wird, gilt als zweifelhaft.

Part... ääh: Arbeitstreffen! Die besten Tweets zur Ausrede gibts hier:

(yam/saw/sda/dpa)

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