Drogen, Ratten, Übergriffe: Frankreichs Gefängniswärter haben genug
Hunderte von Aufseherinnen und Aufseher sind in dieser Woche dem Aufruf ihrer Gewerkschaft Ufap-Unsa gefolgt und haben den Zugang zur etwa der Hälfte der Anstalten in Frankreich blockiert. Um Druck auf ein Treffen mit den Strafvollzugsdirektion zu machen, streikten sie ortsweise bis am Mittwoch. So auch in Rennes (Bretagne), wo ein Häftling eine Wärterin am Montag brutal zusammengeschlagen hatte.
Betroffen durch die Proteste waren zum Beispiel die berüchtigte Anstalt Les Baumettes in Marseille oder Fleury-Mérogis, das grösste Gefängnis Europas mit 4500 Insassen im Südosten von Paris. Wärter sperren seither die Zufahrten, stecken Holzpaletten in Brand oder hängen Spruchbänder mit der Inschrift «Ausgebucht» an die schweren Metalltore.
Schuld an der «katastrophalen» Lage der französischen Gefängnisse ist, wie Gewerkschaftssekretär Alexandre Caby erklärte, in erster Linie die seit Jahren zunehmende Überbelegung. Frankreich verfügt über 63'500 Zellenplätze, zählt aber 87'126 Insassen – so viele wie noch nie. Sie teilen sich meist zu Dritt eine Zelle von neun Quadratmetern. Neuankömmlinge müssen am Boden auf einer Matratzen schlafen. Davon sind 7000 in Gebrauch.
Und die meisten sind dreckig und verwanzt, wie der Europarat in einem Bericht über die – offiziell renovierte – Anstalt Fresnes bei Paris festgehalten hat: «Die Haftbedingungen sind unwürdig, die Lokale und die Zellen feucht, alt und unhygienisch, mit der alarmierenden Präsenz von Ratten, Kakerlaken und Bettwanzen.»
Die Promiskuität in den Zellen, Duschen und Höfen sorgt für ständige «Spannungen und Gewalt», wie Caby ausführte. Die Aufseher verlören zunehmend die Kontrolle, denn sie seien traditionell unbewaffnet und kaum in der Lage, mit den gefährlichsten Insassen fertig zu werden.
Justizminister Gérald Darmanin hat in Vendin-le-Vieil (Nordfrankreich) Mitte 2025 einen Hochsicherheitsflügel eingeweiht; im Übersee-Departement Guayane – wo der Kokainhandel floriert – will er nach amerikanischem Vorbild eine so genannte «Supermax»-Isolieranstalt bauen lassen. Doch für die 10'000 Drogendealer und Tausend Dschihadisten im Land genügt das nicht.
iPhones frei Haus geliefert
Auch die kleineren Dealer und Kriminellen entgehen mehr und mehr der Haftkontrolle: In den französischen Gefängniszellen sind im letzten Jahr 80'000 Handys beschlagnahmt worden. Komplizen schicken die neusten iPhones per Drohne frei Haus. Die Behörden kämpfen dagegen mit Vergitterung, Störsendern und Detektoren. Mit beschränktem Resultat.
Der Hauptgrund: Laut Ufap-Unsa sind in Frankreich derzeit 5000 Wärterstellen unbesetzt. Das ermöglicht es Verurteilten, ihre Geschäfte auch hinter Schloss und Riegel fortzusetzen. Im März verhaftete die Polizei in Marseille nach monatelanger Beschattung 41 Personen eines Drogenrings, der das Stadtzentrum um den alten Hafen versorgte. Ihr Chef lenkte den Handel aus seiner Zelle in den Baumettes, als sässe er zuhause auf dem Sofa, und organisierte so womöglich auch einen Milieumord. In seiner Zelle wurde ihm auch seine neuerliche Verhaftung verkündet.
Was die Gewerkschaft gerne verschweigt: Handys, aber auch Rauschgift werden bisweilen von korrumpierten Aufsehern vermittelt. In den Baumettes wurden Insassen auf diese Weise nicht nur mit Handys, sondern auch mit Wodka, Cannabis, Bargeld und einem Haarwuchsmittel versorgt. Zu sagen ist allerdings, dass der gefährliche Aufseherjob gerade mal mit 2000 Euro im Monat honoriert wird.
Frankreich fehlt es heute schlicht an den Mitteln, einen funktionierenden Strafvollzug aufzuziehen. Die miserablen Haftbedingungen tragen nicht zur Resozialisierung bei: Fast die Hälfte der französischen Häftlinge wird rückfällig. Die Wiedereingliederung von Staats wegen versagt meist, wenn nicht gemeinnützige Vereine einspringen.
Justizminister Gérald Darmanin plant derzeit ein neues Strafvollzugsgesetz, das darauf abzielt, anstelle von kürzeren oder auslaufenden Haftstrafen eher Fussfesseln oder Hausarrest zu begünstigen. Die Verteilung von Matratzen in den überfüllten Gefängnissen will er unterbinden. Worauf Neuhäftlinge ihr Haupt stattdessen betten sollen, sagte Darmanin nicht. (aargauerzeitung.ch)

