Kommunalwahlen in Frankreich: Le Pen spricht von einem «immensen Sieg»
Nach dem ersten Durchgang der französischen Gemeindewahlen beansprucht die Rechtsnationale Marine Le Pen einen «immensen Sieg» für ihr Rassemblement National (RN). In Perpignan unweit von Spanien wurde RN-Lokalkandidat Louis Aliot mit 51 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Gute Wahlchancen für die Stichwahl am kommenden Sonntag hat die Partei von Marine Le Pen auch in Toulon, dem Militärhafen an der Côte d’Azur, und in Nizza.
In einer fiebrigen Atmosphäre verlief der Wahlkampf in Marseille, der mediterranen Metropole mit orientalischem Flair und mörderischen Drogenkartellen. Der RN-Kandidat Franck Allisio kommt dem sozialistischen Bürgermeister Benoît Payan (36,70%) auf anderthalb Prozent nahe.
Die Machtübernahme durch die Rechtsextremen würde Marseille, wie der Politologe Alain Duhamel befürchtet, in einen «Hexenkessel» verwandeln. Der Wahlausgang hängt jedoch von den Verzichterklärungen durch Aussenseiter ab. Der viertplatzierte Kandidat der La France insoumise (LFI), Sébastien Delogu, ein vorbestrafter Ex-Taxifahrer aus den Einwandervierteln von Nord-Marseille, ruft zu einer «antifaschistischen Front» gegen den RN-Kandidaten auf.
Stadtvorsteher Payan, ein moderater Sozialdemokrat, ist damit in der Klemme: Entweder verkauft er sich an die LFI und deren sehr dominanten Gründer Jean-Luc Mélenchon – oder ihm droht die Wahlniederlage gegen den Lepenisten Allisio.
In Paris liegt Emmanuel Grégoire von der Parti Socialiste (PS) mit 38,5 Prozent über dreizehn Punkte vor der Republikanerin Rachida Dati. Beide Seiten führen hintenrum Verzichtverhandlungen. Die Frage ist, ob die konservativen Républicains die Brandmauer gegen die Rechte einhalten. Sozialistenchef Olivier Faure schliesst seinerseits ein landesweites Abkommen mit LFI aus, nachdem Mélenchon mit antisemitischen Wortspielen aufgefallen war.
Viele Stimmen aus der Banlieue
Mélenchons «Unbeugsame» trumpfen in mehreren symbolisch wichtigen Städten mit hohem Einwanderungsanteil auf. In Saint-Denis, der mit 150'000 Einwohnern grössten Trabantenstadt der Pariser Banlieue, wurde LFI-Kandidat Bally Bagayoko schon im ersten Wahlgang ins Rathaus gewählt.
In Roubaix, einer verarmten Arbeiterstadt im Norden Frankreichs, die nur noch durch den berühmten Radklassiker strahlt, geht David Guiraud von LFI mit grossem Vorsprung in die Stichwahl.
Das Fazit scheint damit klar: Mélenchon und Le Pen sind die Sieger des ersten Gemeindewahlgangs. Sie gehen mit neuer Dynamik in die Präsidentschaftswahl von Frühjahr 2027.
Dort gelten allerdings andere Gesetze. Le Pen wie auch Mélenchon schulden nach wie vor den Beweis, dass sie landesweit mindestens für 50 Prozent der Stimmen ergattern können. Ihre Parteien sind nur ortsweise gut verankert – das RN in Südfrankreich, LFI mehr und mehr in den Vorstädten. Auf ganz Frankreich gerechnet sieht es anders aus. Das RN hat am Sonntag in Städten wie Paris, Strassburg oder Bordeaux sehr schlecht abgeschnitten. Mit solch weissen Flecken in der Wählerkarte lassen sich auch «persönlich» ausgerichtete Präsidentschaftswahlen kaum gewinnen.
Die Radikalen im Vormarsch
Das ändert nichts daran, dass die radikalen Kräfte in Frankreich heute mehr denn je den Ton angeben. Sie profitieren davon, dass Präsident Emmanuel Macron seine direkten Kontrahenten, die gemässigten Sozialisten und Konservativen, zehn Jahre lang systematisch demoliert und plattgemacht hat.
Mit einer unbeabsichtigten Folge: Die Populisten um Le Pen und Mélenchon beherrschen das fragmentierte Ruinenfeld der französischen Parteienlandschaft derzeit klar, auch wenn die Sozialisten, Grünen und Konservativen langsam wieder Boden gutmachen.
Die Macronisten selbst sind heute selber platt: Ihr Mittebündnis hat am Sonntag in den meisten der 35'000 französischen Gemeinden eine kollektive Abfuhr erlitten. Nur in Le Havre wahrt Ex-Premierminister Edouard Philippe Wahlchancen. Und vielleicht auch nur, weil er sich von Macron losgesagt hat. (aargauerzeitung.ch)

