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Interview

«Die Nordkoreaner werden den Krieg in der Ukraine nicht entscheiden»

kim jong-un und putin
Zusammen gegen die Ukraine: Russlands Präsident Wladimir Putin und Nordkoreas Machthaber und Diktator Kim Jong-un.Bild: imago
Interview

«Eine Massenkapitulation der Nordkoreaner wäre für Putin eine riesige Schmach»

Tausende nordkoreanische Soldaten sind auf dem Weg in den Ukraine-Krieg. Welche Ziele Putin damit verfolgt und welche unerwartete Hilfe nun auf die Ukraine zukommen könnte, hat watson mit Militärexperte Marcel Berni besprochen.
29.10.2024, 05:0029.10.2024, 12:31
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Herr Berni, nordkoreanische Truppen unterstützen Russland im Ukraine-Krieg. Warum lässt Putin lieber andere für sich kämpfen, anstatt mehr Russen zu mobilisieren?
Marcel Berni:
Putin setzt seit Kriegsausbruch auf Söldnertruppen und auf ausländische Kämpfer. Das kann bedeuten, dass Russland Rekrutierungsprobleme hat oder dass Putin zurückhaltend ist, wenn es um die Mobilisierung von russischen Wehrpflichtigen geht. Denn bereits die nordkoreanischen Soldaten ermöglichen es ihm, den Krieg länger zu führen. Sicher will Putin damit russische Personalengpässe lösen und die eigenen Verluste verkleinern.

Wie kampferfahren sind die Nordkoreaner?
Praktische Kampferfahrung haben Kim Jong-uns Truppen keine. Der letzte Krieg fand in den 50er-Jahren gegen Südkorea statt. Die Soldaten sind sicher trainiert und sehr diszipliniert, doch auch vorbelastet, bis sie einsatzfähig sind.

Marcel berni
Militärexperte Marcel Berni. Bild: zvg
Zur Person
Dr. Marcel Berni studierte von 2008 bis 2013 Geschichte, Politikwissenschaft und Ökologie an der Universität Bern. Seit 2014 forscht und lehrt er als wissenschaftlicher Assistent an der Dozentur Strategische Studien der Militärakademie an der ETH Zürich. 2019 promovierte er mit einer Arbeit über kommunistische Gefangene im Vietnamkrieg an der Universität Hamburg. Die Studie, die im Herbst 2020 in überarbeiteter Form erschienen ist, gewann den André-Corvisier-Preis für die beste militärhistorische Dissertation. Im Jahr 2022 vertrat Berni die Dozentur Strategische Studien in Forschung und Lehre.

Warum?
Sie müssen in kurzer Zeit eine weite Distanz zurücklegen, um gegen die Ukraine zu kämpfen. Die Soldaten werden über 6000 Kilometer von ihrer gewohnten Realität entfernt sein. Sie werden mit russischen Pässen und Waffen ausgestattet, und obwohl Dolmetscher geplant sind, werden sie auf Sprach- und Kulturbarrieren treffen.

Gewisse Spannungen gibt es bereits in den ersten Tagen seit der Ankunft der Nordkoreaner. Laut von der Ukraine abgefangenen Nachrichten von russischen Soldaten haben die keine Freude an den Nordkoreanern und bezeichnen sie als «verwirrt und schlecht ausgebildet».
Gemessen am nordkoreanischen Ausbildungsniveau werden sicher gut trainierte Soldaten entsandt, die von einer ausserordentlich hierarchischen Befehlstaktik geprägt sind. Das kann eine Stärke sein, wenn man willige und loyale Soldaten an die Front schicken kann. Alternativ könnten die nordkoreanischen Truppen auch im Hinterland eingesetzt werden, um russische Soldaten für die Front verfügbar zu machen.

Apropos loyal: Im Westen ist man der Meinung, dass kein Nordkoreaner gerne in Nordkorea lebt. Stünde nordkoreanischen Soldaten kein besseres Leben bevor, wenn sie desertieren und sich der ukrainischen Armee ergeben würden?
Für Putin wäre eine Massenkapitulation von nordkoreanischen Soldaten eine riesige Schmach, weshalb er das sicher verhindern möchte. Ich glaube, es werden in diesem ersten Schritt nur nordkoreanische Soldaten geschickt, die durch und durch ideologisiert wurden und bei denen keine Gefahr der Fahnenflucht besteht.

Unklar ist, ob die Nordkoreaner an der Front in der Ukraine eingesetzt werden oder um ukrainische Vorstösse auf russischem Territorium zurückzuschlagen. So wurden Truppen in der russischen Region Kursk gesichtet, die zum Teil von den Ukrainern besetzt wird.
In einem ersten Schritt werden die Nordkoreaner dafür eingesetzt, die für Russland blamable Situation bei Kursk zu bereinigen. Das Ziel ist, die Ukrainer vor Wintereinfall zu vertreiben. Sollte dieser Plan aufgehen, wäre der Weg offen für den Einsatz der Nordkoreaner im Donbass und an anderen Frontabschnitten in der Ukraine.

Pyongyang citizens visit the statues of their late leaders Kim Il Sung, left, and Kim Jong Il on Mansu Hill on the occasion of 79th anniversary of Korea's liberation in Pyongyang, North Korea Thu ...
Abgeschottet durch den Diktator: Nordkorea, die Hauptstadt Pjöngjang.Bild: keystone

Fallen die 12’000 nordkoreanischen Soldaten, die Kim Putin bis Dezember schickt, überhaupt ins Gewicht?
Es ist wie ein Tropfen Wasser auf den heissen Stein. Militärisch betrachtet werden die Nordkoreaner den Krieg nicht entscheiden. Aber aus diplomatischer Sicht ist der Entscheid durchaus von Bedeutung, da er zeigen wird, wie die internationale Gemeinschaft darauf reagiert. Diese erste Entsendung von nordkoreanischen Soldaten betrachte ich darum als Testlauf für Putin und Kim.

Und was folgt, wenn der Testlauf erfolgreich ist?
Dann dürfte die Kooperation zwischen Putin und Kim weiter vertieft werden und künftig mehr nordkoreanische Soldaten in die Ukraine entsandt werden. So tasten sich beide Diktatoren nach vorne und versuchen, eine Win-win-Situation zu schaffen.

Wie stark ist die Koalition zwischen Wladimir Putin und Kim Jong-un wirklich?
Das ist schwer abzuschätzen. Einerseits haben Nordkorea und Russland seit diesem Jahr ein Abkommen, das beide Staaten verpflichtet, dem anderen im Falle eines Krieges zu helfen. Doch Russland ist nicht gerade bekannt, solche Versprechen einzuhalten. So hatten sie in der Vergangenheit Armenien im Bergkarabach-Konflikt gegen Aserbaidschan im Stich gelassen.

Und andererseits?
Beide Staaten profitieren von dem Abkommen. Russland erhält Waffen, Munition und Soldaten von einer der grössten Armeen der Welt. Und Nordkorea erhält Geld und russisches Öl und Gas. Zudem erhofft sich Kim Jong-un russische Unterstützung bei der Umgehung der westlichen Sanktionen und beim eigenen Atomprogramm.

FILE - In this photo provided by the North Korean government, Russia's President Vladimir Putin, right, drives a car with North Korean leader Kim Jong Un sitting in front passenger seat at a gard ...
Zweckfahrgemeinschaft oder für immer vereint? Kim und Putin. Bild: keystone

Spannend wird nun, wie Südkorea auf die nordkoreanischen Truppen in Europa reagiert. Wie sicher ist es, dass Südkorea, welches einer der grössten Rüstungsproduzenten der Welt ist, die Ukraine jetzt tatkräftiger unterstützen wird?
Das ist die grosse Unbekannte. Südkorea könnte genau gleich reagieren wie Nordkorea und ebenfalls Truppen nach Europa schicken – aber zur Unterstützung der Ukraine. Ich denke aber, dass Südkorea eher die Lieferung letaler Waffen in Betracht ziehen könnte. Südkorea hat nämlich ein grosses Arsenal an Waffen, insbesondere Artillerie und Schützenpanzer, welche den Ukrainern viel helfen könnten.

Südkorea könnte der Ukraine nützlicher sein als Nordkorea Russland?
Im Extremfall ja. Abgesehen von Atomwaffen hätte Südkorea der Ukraine technologisch mehr zu bieten als Nordkorea Russland. Aber so weit ist es noch nicht.

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103 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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November Alfa Foxtrot Oscar
29.10.2024 06:23registriert September 2024
Auch ich halte diese erste Entsendung für ein Probing. Reagiert der Westen nicht bzw. zu schwach, wird der Fettsack das nächste Mal vermutlich nicht mehr 10'000 Soldaten schicken, sondern 100'000. Es wäre nun an der Zeit, dass der Westen selbst mit Härte reagiert. Mit den heutigen Chamberlains sehe ich da aber eher schwarz, weshalb Putain immer stärker an der Eskalationsschraube drehen wird, bis der Westen gezwungen ist zu handeln.
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Martin Baumgartner
29.10.2024 05:43registriert Juni 2022
So wie ich das nordkoreanische Regim einschätze, würden wahrscheinlich alle Angehörigen von Soldaten die überlaufen von Kims "reizender" Schwester eingehändig ermordet!
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Pebbles F.
29.10.2024 06:20registriert Mai 2021
Die Kombi Putin/Kim ist wohl das, was man gemeinhin als unheilige Allianz bezeichnet.
Noch als weiterer Schrecken: Trump findet beide supi 🥺
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