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«Trump ist ein Freund von Zion» – die Einweihung der US-Botschaft in Jerusalem wurde von heftigen Protesten in Gaza überschattet.
«Trump ist ein Freund von Zion» – die Einweihung der US-Botschaft in Jerusalem wurde von heftigen Protesten in Gaza überschattet.
 Bild: EPA/EPA
Interview

«Eine deutliche Mehrheit hält die Reaktionen der israelischen Armee für gerechtfertigt»

Die Schweizerin Joëlle Weil berichtet seit mehreren Jahren für verschiedene Medien aus Israel. Trotz der jüngsten heftigen Prostete rund um die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem, glaubt die freischaffende Journalistin nicht, dass es in nächster Zeit zu einer Eskalation kommen wird.
14.05.2018, 19:1715.05.2018, 13:22

Sie waren gestern für eine Reportage in Jerusalem, wie hat sich die Stadt und ihre Bevölkerung einen Tag vor der Einweihung der US-Botschaft präsentiert?
Joëlle Weil: In Jerusalem ist alles immer normal, die Menschen dort kann eigentlich nichts erschüttern. Auch wenn es in Jerusalem oder in der Umgebung Ausschreitungen gibt, bleiben die Bewohner Jerusalems stressresistent. Derzeit herrscht absoluter Alltag.

«Jerusalem ist nicht dein Spielzeug, Trump! »– Demonstrationen bei der Einweihung der US-Botschaft in Jerusalem.
«Jerusalem ist nicht dein Spielzeug, Trump! »– Demonstrationen bei der Einweihung der US-Botschaft in Jerusalem.
Bild: EPA/EPA
Bild: zvg
Zur Person
Die Schweizerin Joëlle Weil lebt seit fünf Jahren in Tel Aviv und berichtet als freischaffende Journalistin aus Israel.

800 geladene Gäste nahmen heute an der Feier teil, Hunderte Sicherheitskräfte sind zusätzlich postiert worden im Botschaftsquartier im Süden der Stadt.
Ja, in unmittelbarer Nachbarschaft der Botschaft wurden heute auch für die Anwohner gewisse Strassen gesperrt. Aber ich habe mich problemlos mit dem Auto durch Jerusalem bewegt, ich musste nicht einmal die Scheiben herunterlassen, als ich durch den Westbank-Checkpoint in die Stadt gefahren bin.

Sie wohnen in Tel Aviv, reisen für Recherchen regelmässig durch Israel. Wie ist die Stimmung im Rest des Landes?
Man ist sich das ja alles gewohnt. Im Grossen und Ganzen ist man nicht erschüttert. Die Auseinandersetzungen in Gaza sind in ihrer Intensität zwar ungewöhnlich, generell sind Unruhen dort aber nichts Neues. Das Gleiche gilt für das Westjordanland und Ost-Jerusalem. Irgendeine Form von Konflikt ist ja immer latent vorhanden in Israel.

Botschafts-Eröffnung in Jerusalem

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Proteste nach US-Botschafts-Eröffnung in Jerusalem
quelle: ap/ap / sebastian scheiner
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Seit Ende März sind an der Gaza-Grenze mehr als 80 Menschen getötet und Tausende verletzt worden, alleine am Sonntag und am Montag wurden über 50 Demonstranten getötet. Das ist doch mehr als ein latenter Konflikt.
Ob die Reaktionen der israelischen Armee in ihrer Härte gerechtfertigt sind, ist ein Thema, das derzeit unter der israelischen Bevölkerung besprochen wird, auch wenn eine deutliche Mehrheit diese für gerechtfertigt haltet.

Über 50 Menschen wurden bei Demonstrationen an der Grenze des Gazastreifen getötet. 
Über 50 Menschen wurden bei Demonstrationen an der Grenze des Gazastreifen getötet. 
Bild: EPA/EPA

Also sind die Spekulationen über eine dritte Intifada nichts anderes als das: Spekulationen?
Eine mögliche dritte Intifada wird immer wieder von den Israelis herbeibeschwört oder von den Palästinensern angedroht. Auch letzten Dezember, als die Trump-Regierung die Verlegung der Botschaft verkündigte, war die Stimmung sehr aufgeheizt. Auch da sprach man von dem Beginn der dritten Intifada.

    Israel
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Trotz dem 70. Jahrestag der Gründung Israels, trotz der Botschaftsfeier, trotz der Nakba, der grossen Katastrophe, mit derer die Palästinenser am Dienstag dem Verlust ihrer Heimat gedenken?
Nakba findet jedes Jahr statt und jedes Jahr gibt es grosse Demonstrationen und Kundgebungen. Klar kommen dieses Jahr mehrere Ereignisse zusammen, aber alles in allem glaube ich nicht, dass es dieses Mal zu einer langanhaltenderen Eskalation, zu einem Flächenbrand von ganz anderem Ausmass kommen wird.

In der vergangenen Woche spitzte sich der Konflikt zwischen Israel und dem Iran zu. Wie erlebten die Menschen in Israel diese Tage?
Mittlerweile hat sich die Stimmung unter den Israelis wieder etwas beruhigt, aber während der letzten Wochen war die Stimmung doch etwas angespannter. Jede neue Mitteilung über Operationen auf iranische Stützpunkte in Syrien oder auch die 20 Raketen, die mutmasslich von iranischen Stützpunkten nach Israel abgefeuert wurden, heizten die Spekulationen über einen möglichen Krieg an.

Noch im Dezember lag Netanjahu in der Gunst der Wähler ganz tief: Ein Korruptionsskandal erschütterte das Vertrauen der Bevölkerung in den Premierminister massiv. Wie sieht das jetzt aus, ein halbes Jahr später?
Vor einigen Monaten war der Rothschild-Boulevard in Tel Aviv regelmässig mit Tausenden Menschen geflutet, die Netanjahus Rücktritt forderten. Jetzt zeigt sich dort höchstens noch versprengtes Grüppchen. Von den Korruptionsvorwürfen redet derzeit kaum jemand. Im Gegenteil. Das Vertrauen in Netanjahu steigt aktuell rasant. In zwei unabhängigen Umfragen würde die Likud-Partei momentan einen Sitzgewinn einfahren. Das liegt vor allem an der klaren Sprache, mit der Netanjahu und der Likud momentan auf die Bedrohung reagieren. «Wagt es, uns anzufassen, dann setzt es was.» Das wollen viele Leute hier hören. Eine Regierung, die Härte demonstriert in Krisenzeiten.

Wird die Verlegung der Botschaft langfristig das politische Gefüge in der Region verändern?
Alleine die Ankündigung hat schon einen Stein ins Rollen gebracht. Andere Staaten haben angekündigt, dem Beispiel der USA zu folgen. Es wird Auswirkungen haben, aber welche, ist zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Vielleicht muss man sich mit Ausschreitungen vor den jeweiligen Botschaften in Europa gefasst machen. Aber genau lässt sich das zum aktuellen Zeitpunkte nicht sagen.

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