In den nächsten 24 bis 48 Stunden wird Iran einen Grossangriff auf Israel starten. Diese Voraussage machte am Montag ein israelischer Journalist, der sich dabei auf Informationen von US-amerikanischen und israelischen Regierungsbeamten berief. Noch ist die Situation nicht eskaliert. Trotzdem: Glauben Sie auch, ein Grossangriff Irans auf Israel steht kurz bevor?
Joachim Krause: Natürlich ist das möglich. Aber es kann auch sein, dass der Iran einen direkten Angriff auf Israel vermeiden will.
Weshalb?
Im April hat Israel mehrere hochrangige Generäle der iranischen Revolutionsgarde bei einem Angriff auf die iranische Botschaft in Syrien getötet. Iran wollte daraufhin zeigen, was es kann und beschoss Israel mit Drohnen und Raketen. Israel konnte diese Angriffe relativ mühelos abwehren und wurde dabei von den USA, Grossbritannien und arabischen Staaten unterstützt.
Iran wäre für einen direkten Krieg mit Israel also gar nicht gewappnet?
Das kann man so nicht sagen. Aber die iranische Führung ist sich bewusst, dass Israel Atomwaffen hat und sich nicht scheuen würde, diese einzusetzen, wenn Iran mit einem Grossangriff hohe Verluste und Schäden in Israel verursachen würde. Es ist auch schwer vorstellbar, wie es wirklich zu einem direkten Krieg zwischen Iran und Israel kommen soll. Dafür sind die beiden Länder viel zu weit voneinander entfernt – sie können höchstens Schläge mit weitreichenden Waffen austauschen. Deshalb hat der Iran ja diese vielen Proxy-Armeen rund um Israel aufgestellt. Die Hisbollah im Libanon, die Huthi im Jemen, die Hamas im Gazastreifen oder die vielen pro-iranischen schiitischen Milizen im Irak und in Syrien.
Können es diese Proxy-Armeen mit Israel aufnehmen?
Selbst wenn sie alle zusammen aufmarschieren würden, wären sie Israel noch unterlegen. Aber: Sie können israelische Kräfte binden. Sie können grosse Verluste verursachen. All das wäre für Israel schmerzhaft. Das Land ist klein. Es hat weniger als zehn Millionen Einwohner. Es hält seine Armee seit letztem Oktober in Mobilisierungsstärke. Auf Dauer ist diese Ausnahmesituation nicht auszuhalten. Auch wirtschaftlich nicht.
Spielt Iran auf Zeit?
Das ist gut möglich. Andererseits ist Iran innenpolitisch nicht sehr stabil. Israel hat mutmasslich vergangene Woche den politischen Führer der Hamas, Ismail Hanija, in einem Gästehaus der Revolutionsgarde umgebracht. Für die iranische Führung bedeutete das innenpolitisch einen Gesichtsverlust. Sie konnte gar nicht anders, als mit Drohungen zu reagieren. Und sie muss eigentlich auch handeln. Aber wie? Das ist das Problem, wenn man sich selbst als Staatsziel die Vernichtung Israels setzt, aber dieses nicht realisieren kann. Iran ist sozusagen Opfer seiner eigenen Staatsdoktrin. An Irans Stelle würde ich mich aber fragen, ob ich mit einem Grossangriff in eine Falle Israels tappe.
Wie meinen Sie das? Glauben Sie, Israel hat mit der Tötung des Hamas-Chefs und eines hochrangigen Hisbollah-Kommandeurs vergangene Woche bewusst versucht, Iran und die Hisbollah zu provozieren?
Der Zeitpunkt, zu dem der politische Führer der Hamas, Ismail Hanija, getötet wurde, wirft für mich auf jeden Fall viele Fragen auf. Er starb, während Israel und die Hamas in indirekten Verhandlungen über ein weiteres Geiselaustausch-Abkommen standen. Hanija war bei diesen Verhandlungen führend. Welche politische Logik steht da dahinter? Indem man ihn ausschaltete, rückte ein Abkommen wieder in weite Ferne. Das sorgte im In- und Ausland für viel Kritik. Premierminister Benjamin Netanjahu wird nun vorgeworfen, er habe das Leben der Geiseln aufs Spiel gesetzt. Warum sollte er dies tun, ausser um Iran und die Hisbollah zu einem Angriff zu provozieren? Dieser Anschlag wirkt auf mich wie ein bewusster Stich ins Wespennest.
Israel hat bislang aber nicht bestätigt, für den Tod des Hamas-Chefs verantwortlich zu sein.
Das stimmt. Solche Angriffe weder abzustreiten noch zu bestätigen, hat lange Tradition in Israel. Das gibt dem Iran immerhin die Möglichkeit, zu sagen: «Es waren ja vielleicht doch nicht die Israelis, die den Hamas-Chef in Teheran getötet haben.»
Diese Möglichkeit hat Iran nicht genutzt. Die iranische Führung beschuldigte nach dem Angriff in Teheran umgehend Israel.
Genau. Und das meinte ich mit der Falle. Iran beschuldigt Israel und droht nun mit Vergeltung. Nach den Erfahrungen vom April weiss Iran, dass es keine grossen Schäden in Israel verursachen kann, solange es nicht selbst Atomwaffen besitzt. Was bleibt also übrig? Einerseits kann ich mir vorstellen, dass Iran Terrorangriffe auf israelische Botschaften im Ausland oder auf israelische und jüdische Zivilisten in der ganzen Welt unternehmen wird. Andererseits könnte Vergeltung auch bedeuten, dass die Hisbollah aus Südlibanon einen Grossangriff auf Israel startet, zumal Israel bestätigt hat, vergangene Woche Hisbollah-Kommandeur Schukr bei einem Angriff in Beirut getötet zu haben.
Und für Israel käme ein Angriff der Hisbollah gelegen?
In gewisser Weise ja, denn das könnte ein Grund sein, sehr viel gründlicher gegen die Hisbollah vorzugehen als bislang. Die Hisbollah im Südlibanon verfügt über mehr als 100'000 Raketen unterschiedlicher Reichweite und Schlagkraft. Sie stellt für Israel seit vielen Jahren ein zentrales Sicherheitsproblem dar. Vor allem seit Oktober 2023 schiesst die Hisbollah immer wieder Raketen auf Israel ab. Viele Menschen, die im Norden Israels wohnen, können seit längerem nicht mehr in ihre Häuser zurückkehren, weil die Risiken zu gross sind. Israel muss dieses Problem auf die eine oder andere Weise langfristig lösen.
Die eine oder andere Weise bedeutet: Die komplette Zerstörung der Hisbollah, so wie es sich die israelische Regierung bei der Hamas im Gazastreifen zum Ziel gesetzt hat?
Entweder das oder die Israelis versuchen, die Hisbollah wenigstens bis zum Litani-Fluss zurückzudrängen. Das kann militärisch oder diplomatisch erfolgen.
Israel will im Südlibanon also eine Pufferzone errichten?
Man will eine vorgezogene Verteidigungslinie, ja. Die Anwohnerinnen und Anwohner im Norden Israels könnten so wieder in ihre Häuser zurückkehren. Das würde innenpolitisch etwas Druck von Premierminister Benjamin Netanjahu nehmen. Im Übrigen hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen diese Zone 2006 als entmilitarisiert erklärt. Daran hält sich die Hisbollah nicht im Geringsten.
Würde der südlibanesischen Zivilbevölkerung damit dasselbe Schicksal drohen wie der palästinensischen Zivilbevölkerung im Gazastreifen?
Das Gelände im Südlibanon unterscheidet sich stark von jenem im Gazastreifen. Es ist gebirgig und weitläufiger. Und die Bevölkerungsdichte ist geringer als im Gazastreifen. Aber: Auch die Hisbollah ist mit der überwiegend schiitischen Bevölkerung eng verwurzelt und nutzt zivile Einrichtungen als Tarnung für militärische Aktivitäten. Von daher wird ein militärisches Vorgehen für Israel auch sehr kompliziert und für die Bevölkerung eine Belastung. Ich will jedoch nicht ausschliessen, dass es zu einer diplomatischen Lösung kommt, an deren Ende sich die Hisbollah aus der Zone südlich des Litani-Flusses zurückzieht. Zumindest bemühen sich die US-Regierung und die jordanische Regierung darum.
Zusammengefasst: Kommt es zu einer weiteren Eskalation in Nahost?
In diesem Konflikt ist leider alles möglich. Es kommt nun vor allem darauf an, ob Iran und die Hisbollah auf die israelische Provokation militärisch reagieren wollen oder ob sie sich auf eine diplomatische Lösung einlassen, die auf die Entmilitarisierung des Gebietes südlich des Litani-Flusses hinausläuft. So oder so lässt sich aber sagen: Israel befindet sich schon längst in einem Mehrfrontenkrieg. Daran ändern auch die neusten Entwicklungen nichts.