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Finnland: Interview mit Offizier zu Nato-Beitritt und Russland

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«Unsere einzige Aufgabe war schon immer die Vorbereitung auf einen Kampf gegen Russland»

Niko* ist Unteroffizier in der finnischen Armee im Rang eines Hauptfeldwebels. Seine Zeit im Militär dauert schon 18 Jahre. Mit watson spricht er über den NATO-Beitritt seines Landes und das Verhältnis der finnischen Bevölkerung zu Russland.
19.04.2023, 05:1919.04.2023, 06:21
Joanna Oulevay
Joanna Oulevay
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Niko, wie hat die finnische Armee den NATO-Beitritt des Landes erlebt?
Niko*: Ich möchte zu Beginn betonen, dass meine Aussagen nur für mich gelten. Soweit ich mich erinnern kann, war die Stimmung in der finnischen Armee immer sehr NATO-freundlich. In den letzten Wochen hat das Personal einfach auf die türkische und ungarische Ratifizierung gewartet, manche geduldig, manche weniger, wie der Rest der Bevölkerung.

Wie haben Sie und Ihre Kollegen in der Armee reagiert, als Finnland schliesslich grünes Licht für einen Beitritt bekam?
Es gab es keine grossen Feiern oder Feste. Einige Leute tranken alleine ein Gläschen, während andere sich mit einem «Feier-Kaffee» begnügten, was sehr finnisch ist ... Andererseits teilten viele ihre Freude in den sozialen Netzwerken, auf Facebook oder in Whatsapp-Gruppen. Auch das ist sehr finnisch, denke ich.

Denmark's Foreign Minister Lars Lokke Rasmussen, center left, shakes hands with Finland's Foreign Minister Pekka Haavisto as they attend the NATO-Ukraine Commission during a meeting of NATO  ...
Der dänische Aussenminister Lars Lokke Rasmussen (Mitte links) schüttelt am Tag der NATO-Aufnahme Finnlands die Hand des finnischen Aussenministers Pekka HaavistoImage: sda

Unterstützt die Mehrheit der Finnen diese strategische Annäherung?
Meine grobe Schätzung ist, dass weit über 50 Prozent der Finnen seit dem Beginn der russischen Invasion den Beitritt zur NATO unterstützen. Dies ist eine grosse Veränderung: Laut einigen offiziellen Quellen waren im Jahr 2021 noch nur 26 Prozent der Finnen für einen Beitritt in die NATO.

Wie nahm die finnische Bevölkerung vor 2022 die Beziehung zu Russland wahr?
Die Bevölkerung hatte die Einstellung aus der Sowjetzeit beibehalten: Wir müssen uns mit den Russen arrangieren und sie nicht verärgern. Sie glaubte, dass wir auf diese Weise in Frieden leben könnten, wie es Jahrzehnte lang der Fall war. Der 24. Februar 2022 hat die Lage aber grundlegend verändert. Die Menschen haben erkannt, dass das, was in der Ukraine passiert, auch hier passieren könnte. Und dass die Entscheidung für die NATO uns die besten Chancen bieten würde, einen Konflikt mit den Russen zu vermeiden. Oder, im schlimmsten Fall, die Hilfe und Unterstützung zu erhalten, die wir brauchen, um gegen die Russen zu kämpfen, falls es dazu kommt.

Der NATO-Beitritt Finnlands
Finnland trat am Dienstag, 4. April 2023, offiziell der NATO bei und wurde damit das 31. Mitglied des Bündnisses. Nach jahrzehntelanger militärischer Bündnisfreiheit hatte sich das skandinavische Land, dessen Grenze zu Russland über 1300 km lang ist, im Mai 2022 um die Mitgliedschaft beworben. Die zur gleichen Zeit eingereichte Bewerbung Schwedens wird noch von der Türkei blockiert.

Haben Sie Kollegen oder Freunde, die gegen eine Annäherung zwischen Finnland und der NATO waren?
Ich habe in der finnischen Armee nie jemanden getroffen, der sich gegen die NATO ausspricht. Nie. Wir sind seit vielen Jahren Teil des Programms «Partnerschaft für den Frieden» (PFP). Aus diesem Grund haben wir während meiner gesamten militärischen Laufbahn an NATO-Übungen und an gemeinsamen Trainings teilgenommen. Es erwarten uns also keine radikalen Änderungen.

epa10336192 Soldiers participate in the Finnish army's main exercises in Nurmes, Finland, 29 November 2022. Kontio 22 is the Army?s main exercise of 2022. The objective of the exercise is to enha ...
Finnische Soldaten bei einer Übung im November.Bild: keystone

In verschiedenen Ländern Europas gehen die Emotionen seit 2022 hoch. Welche Gefühle hegt die finnische Armee gegenüber Russland?
Die finnische Armee war in Bezug auf Russland nie gespalten, im Gegenteil. Jeder, der hier dient, hat nur eine einzige Aufgabe: sich auf den Kampf gegen die Russen vorzubereiten. Das ist alles, was wir tun. Das ist es, was wir immer getan haben. Für die Bevölkerung mag der Angriff auf die Ukraine eine Überraschung gewesen sein, für die Armee war es das nicht wirklich. Man hatte immer damit gerechnet, dass die Russen genau das tun könnten, was sie in der Ukraine getan haben. Wir waren nur ein wenig überrascht, dass es den Russen so sehr an Training, Taktik und allgemeiner Leistung mangelt. Das ist eine gute Nachricht für uns.

Und in der Bevölkerung?
Die Gefühle gegenüber Russland sind in der finnischen Bevölkerung sehr negativ. Sie ist gegen die russische Invasion, wir unterstützen die Ukraine mit wirtschaftlicher und militärischer Hilfe. Viele Freiwilligenorganisationen leisten Unterstützung. Ich selber habe zusammen mit meinem Kollegen einen Generator und diverse Benzinkanister für ukrainische Zivilisten gekauft, die in einer Schule leben müssen. Ich habe auch militärische Ausrüstung nach Kiew geschickt. Einige Leute haben sogar alte Militärlastwagen repariert und dann mit Material beladen verschickt.

Der NATO-Beitritt Finnlands könnte die Spannungen in der Region erhöhen und die Fronten verhärten. Befürchten Sie nicht, dass es an der Grenze zu Reibereien kommen könnte?
Ich persönlich rechne nicht damit, dass in naher Zukunft etwas an den Grenzen passieren wird. Jetzt nicht mehr. Jeder Konflikt mit Finnland ist nun ein Konflikt und ein Krieg mit der NATO. Im Moment haben die Russen nicht die Ressourcen, um sich auf einen solchen Kampf einzulassen. Die meisten der grossen russischen Militärstützpunkte entlang der Grenze wurden geräumt. Die Truppen wurden in die Ukraine geschickt und erlitten dort schwere Verluste. Einige Stützpunkte haben mehr als die Hälfte ihrer Leute verloren. Normalerweise weiss das finnische Militär, wo sich diese Russen aufhalten und wie stark sie sind. Und derzeit sind die Russen nicht in der Lage, einen Überraschungsangriff durchzuführen, ohne dass die gesamte NATO darüber informiert wird. Noch vor dem Beitritt flog ein Flugzeug der US-Luftwaffe, das elektronische Informationen sammeln sollte, zum ersten Mal in den finnischen Luftraum. Die Botschaft war eindeutig: Finnland und die NATO können nun tief in das russische Territorium blicken. Wir können sie im Auge behalten.

Wie hat sich die Armee in den letzten Monaten auf den Beitritt vorbereitet?
Ich darf nicht zu viel verraten. Die finnische Armee wird weiterhin das tun, was sie schon immer getan hat. Seit dem letzten Frühling haben Truppen der NATO oder der USA mit verschiedenen Einheiten in Finnland kontinuierlich trainiert, und die Medien haben ausführlich darüber berichtet.

Welche Veränderungen werden erwartet?
Zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir nicht, wie und in welchem Ausmass sich der Beitritt auf unsere Armee auswirken wird. Die finnische Armee hat bereits vor dem Beitritt ihre grösste militärische Anschaffung getätigt (F-35-Kampfjets), und wir gaben bereits fast 2 Prozent unseres BIP für Militär- und Verteidigungsausgaben aus. In Zukunft wird die finnische Armee ihre Aufgabe, die Grenzen zu schützen und die territoriale Integrität zu wahren, wie gewohnt fortsetzen, und wir werden unsere landesweite Wehrpflicht beibehalten. Wir erwarten nicht, dass sich viele Dinge ändern werden. Sicherlich werden wir an mehr gemeinsamen Übungen teilnehmen. Wir könnten Teil der Luftpolizei der Allianz in den Ländern des Baltikums und Osteuropas werden, aber offiziell wurde noch nichts bestimmt. Aber ich bin sehr optimistisch und freue mich darauf, mit den Verbündeten innerhalb der finnischen Grenzen und in anderen Ländern zu trainieren.

Sie klingen sehr zugrieden!
Ich freue mich sehr über den Beitritt zur NATO. Ich persönlich habe mein ganzes Erwachsenenleben lang auf diesen Tag gewartet. Ich denke, dass dies das Beste ist, was Finnland seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1917 passiert ist. Die Beziehungen zwischen Russland und der westlichen Welt, einschliesslich Finnland, sind auf einem Tiefpunkt angelangt, und ich glaube nicht, dass sich dies in nächster Zeit ändern wird. Die Russen haben unsere Mitgliedschaft in der NATO selbst verursacht, und diese schlechten Beziehungen sind ihre Schuld.

Finnland verfügt über eine sehr starke Armee. Denken Sie also, dass die NATO von Ihrer Erfahrung und Ihren Stärken profitieren kann?
Zunächst einmal ist Finnland eines der wenigen europäischen Länder, die ihre Wehrpflicht nie abgeschafft haben. Wir verfügen über eine Armee, die in Kriegszeiten sehr schlagkräftig ist. Sie umfasst mehr als 280'000 Soldaten, 900'000 sind in Reserve. Unsere Artilleriekorps sind die schlagkräftigsten in Europa. Wir verfügen über eine der stärksten und modernsten Luftstreitkräfte Europas mit 62 F/A-18-Kampfflugzeugen. Zwischen 2026 und 2030 werden neue F-35-Kampfflugzeuge eintreffen, ein echter Vorteil gegenüber den baltischen Staaten, die überhaupt keine Kampfflugzeuge haben. Also ja, ich denke, die NATO kann froh sein, dass sie uns hat. Meine persönliche Meinung ist, dass die NATO in der skandinavischen Region ein zuverlässiges und starkes Mitglied gefunden hat, dessen Armee darauf ausgelegt ist, einen grossen Landkrieg in Nordeuropa gegen die Russen zu führen, und dessen Volk den festen Willen hat, sein Land zu verteidigen. Und ich denke, dass Finnland einen starken Partner mit vielen militärischen Ressourcen und militärischer Hilfe gefunden hat, die im Bedarfsfall durch Artikel 5 der NATO bereitgestellt wird. Ich persönlich glaube, dass der Beitritt Finnlands Nordeuropa und Skandinavien für die nächsten Jahre stabilisieren wird und dass die Russen es sich zweimal überlegen werden, bevor sie sich feindselig zeigen.

Das sind grosse Worte ...
Ich könnte etwas übertreiben und sagen, dass der Beitritt Finnlands zur NATO wahrscheinlich Hunderttausenden Menschen auf beiden Seiten das Leben gerettet hat, weil es jetzt viel unwahrscheinlicher ist, dass es in naher Zukunft zu einem grossen Krieg mit den Russen kommt. Auf jeden Fall wird die finnische Armee stärker werden und mehr mit den NATO-Verbündeten trainieren. Generell wird Finnland sein Bestes tun, um den Frieden und die Stabilität in Skandinavien zu erhalten. Ich hoffe wirklich, dass dies alles so bleibt. Wir werden «nie wieder allein sein», wie General Adolf Ehrnrooth, ein Veteran des Winterkriegs, sagte.

*Name der Redaktion bekannt

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40 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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N. Y. P.
19.04.2023 07:48registriert August 2018
Finnland hat eine klare Politik. Neutralität ist in der heutigen Zeit einfach keine Lösung mehr. Wenn man westliche Werte lebt und sich gegenseitig solidarisch schützen will, ist ein NATO - Beitritt einfach richtig.

Es gibt Länder, die ihre Schwurblerneutralität (hilft RUS) nicht mal richtig erklären können. Gerne würde ich Finnlands Politik bei uns auch sehen.
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Yoldi
19.04.2023 08:17registriert Juni 2021
Die Neutralität ist und war angebracht, als sich noch die grossen Länder, alle ohne Demokratie, gegensseitig an die Gurgel geganngen sind. Wobei die Neutralität eigentlich nicht wirklich schützt, dass ist ein Irrglaube. Wir hatten einfach Glück.
Fragt Finnland, wie weit sie die Neutralität im 2. Weltkrieg gebracht hat.

Heute haben wir das Glück von Freuden umgeben zu sein, die uns schützen. Wir sind einfach kein guter Freund, weil wir tun nichts für diesen Schutz.
Gerade wir Schweizer sollten für Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat und Anstand einstehen, dass geht nicht alleine, nur gemeinsam.
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felixJongleur
19.04.2023 08:18registriert Dezember 2014
Ich bin ehrlich gesagt neidisch auf die Bürgerinnen und Bürger dieser Länder, welche sich eindeutig der Unterstützung der Ukraine verschrieben haben. Aktuell wird grad Berset auf DW News etc. auseinander genommen - und es ist einfach nur beschämend als freiheitsliebender Schweizer wie wir uns hinter unserer sogenannten Neutralität verstecken.
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