Warum China zum grossen Gewinner des Iran-Kriegs werden könnte
Es klingt makaber, doch Chen Dingding bezeichnet einen anhaltenden Iran-Krieg als «strategische Chance» für China. In einer viel beachteten Analyse schlussfolgert der Politikprofessor an der Jinan-Universität im Osten des Landes, dass die Volksrepublik der grosse Nutzniesser des Konflikts in Nahost sein könnte. Er führt dabei drei entscheidende Umstände an – aber auch ein grosses Risiko.
Amerika verliert Ressourcen und Ansehen
Zum einen würde der Krieg «systematisch die militärischen, diplomatischen und finanziellen Ressourcen der Vereinigten Staaten erschöpfen». Anders formuliert: Die USA, Chinas grösster Rivale im hegemonialen Wettbewerb des 21. Jahrhunderts, verbrauchen derzeit ihr Schiesspulver in Nahost, während man in Peking das angerichtete Chaos von der Seitenlinie aus beobachtet.
Und natürlich gewinnt die Volksrepublik insbesondere im globalen Süden an Strahlkraft, ohne dafür aktiv etwas zu leisten. Je mehr Kriege US-Präsident Donald Trump vom Zaun reisst, desto friedliebender und rationaler erscheint die alternative Weltmacht China – ein Narrativ, dass Staatschef Xi Jinping über seine Propagandamedien auch global hinausposaunt.
Peking profitiert von neuen Handelswegen
Gleichzeitig würde der Krieg laut Analyst Chen langfristig sowohl Kapital- als auch Energierouten und Lieferketten zugunsten Pekings umleiten. Wer etwa keine Sanktionen fürchten möchte, handelt künftig wohl stärker in Renminbi anstatt in Dollar. Und die kontinentale Landroute, die über China von Ostasien nach Europa führt, gewinnt angesichts der geschlossenen Strasse von Hormuz ebenfalls an Attraktivität. «Das ist keine Schadenfreude, sondern eine nüchterne strukturelle Realität», schreibt Chen.
Fakt ist: Iran war für China ein wichtiger Öllieferant, aber keineswegs essenziell. Zwar verkaufte Teheran kurz vor Beginn des Kriegs 80 Prozent seiner Ölexporte nach China. Doch machten die Lieferungen im Gegenzug nur 12 Prozent der chinesischen Gesamtimporte aus. Ein Drittel seines Öls fördert die Volksrepublik höchstselbst, darunter in der westlichen Region Xinjiang.
Tatsächlich sind die Nachbarstaaten in der Region deutlich stärker von der Ölkrise betroffen. Südkorea, dessen auf Halbleiter fokussierte Volkswirtschaft einen starken Energiebedarf hat, bezieht rund 70 Prozent seines Rohöls über die Strasse von Hormus. In Japan ist der Anteil der Importe, die über die derzeit geschlossene Handelsroute verschifft werden, sogar noch etwas höher. In China liegt der Wert bei ca. 40 Prozent.
Erneuerbare Energien und Ölvorräte: China hat vorgesorgt
Die Volksrepublik China hat zudem gleich mehrfach vorgesorgt. Zum einen macht sich bezahlt, dass Peking während der letzten Jahre massiv in den Ausbau von erneuerbaren Energien investiert hat. Diese generieren immerhin bereits über 40 Prozent des Strombedarfs.
Hinzu kommt, dass Chinas Staatsführung für den Ernstfall riesige, strategische Ölreserven angelegt hat. Laut einer Schätzung der Columbia University könnten diese bis zu 1,4 Milliarden Barrel umfassen. All dies dient derzeit als Puffer, um die Auswirkungen der Engpässe für mindestens vier Monate abzufedern.
Ein Risiko besteht weiterhin
Immun ist das Reich der Mitte allerdings nicht. «Für China besteht die Hauptbedrohung durch den Iran-Konflikt darin, dass er den weltweiten Konsum hemmen könnte, mit offensichtlichen Folgen für chinesische Exporte», argumentiert die Ökonomin Alicia García-Herrero für die europäische Denkfabrik «Bruegel». Denn die chinesische Volkswirtschaft leidet unter einem historisch schwachen Binnenkonsum und hängt gleichzeitig umso stärker von seinen Exporten ab – insbesondere in den EU-Raum. Wenn Europa also aufgrund einer drohenden Wirtschaftskrise weniger aus dem Reich der Mitte einkauft, dann wird das chinesische Wachstum deutlich ausgebremst.
Insofern ist China also nur bedingt Nutzniesser vom Iran-Krieg. Die eingangs erwähnte Analyse von Professor Chen, die auf den chinesischen sozialen Medien für Furore gesorgt hat, wurde übrigens schon bald vom Zensurapparat aus dem Netz gelöscht. Denn sie passt so gar nicht ins Selbstbild der chinesischen Parteiführung, die sich als neutrale, friedensliebende Grossmacht präsentiert – und nicht als Profiteur von Krieg und Elend auf der Welt. (aargauerzeitung.ch)
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