Dieser Mann hat die besten Chancen auf die Khamenei-Nachfolge
Alireza Arafi hat sich beharrlich in der Hierarchie der Islamischen Republik Iran nach oben gearbeitet – jetzt ist der 67-jährige Ajatollah der aussichtsreichste Kandidat für die Nachfolge von Revolutionsführer Ali Khamenei, seinem bisherigen Mentor. Im obersten Staatsamt würde der Hardliner Arafi vor der Aufgabe stehen, das theokratische System aus der schwersten Krise seines Bestehens zu führen.
Das Regime wird von Israel und den USA angegriffen, hat viele führende Politiker und Militärs verloren und die Unterstützung vieler Iraner verspielt. Arafi könnte zum Totengräber des Regimes werden, dem er seine Karriere verdankt.
Arafi ist Vizevorsitzender des so genannten Expertenrates, einem 88-köpfigen Gremium, das den neuen Revolutionsführer wählen soll, und sitzt ausserdem im zwölfköpfigen Wächterrat, der Kandidaten für Parlaments- und Präsidentschaftswahlen auf ihre Linientreue prüft. Diese Ämter und die Tatsache, dass Khamenei grosse Stücke auf ihn hielt, bringen ihn nach dem Tod des 86-jährigen Regimechefs ins Zentrum der Macht.
Laut Verfassung bildet ein Mitglied des Wächterrats nach dem Tod des Revolutionsführers zusammen mit dem Präsidenten und dem Chef der Justiz einen Übergangsrat, der das Land bis zur Neuwahl des Regimechefs regiert. Massud Peseschkian als Präsident und Justizchef Gholam-Hossein Mohseni-Ejei waren also gesetzt. Dass der Wächterrat Arafi als seinen Vertreter in den Rat schickte, steigert seine Chancen auf das Amt des Revolutionsführers.
Spezialist in islamischem Recht
Arafi stammt aus der zentraliranischen Provinz Yazd. Sein Vater soll ein Freund von Ajatollah Ruhollah Khomenei gewesen sein, dem Gründer der Islamischen Republik. Ob das stimmt, ist umstritten – es könnte auch eine Legende sein, die Arafis Nähe zur islamischen Elite unterstreichen soll, wie der Iran-Experte Alex Vatanka vom Nahost-Institut in Washington einmal schrieb.
Schon als Kind begann Arafi mit islamischen Studien in der Stadt Qom, einem Zentrum der schiitischen Geistlichkeit. Er spezialisierte sich auf islamisches Recht und erreichte den Rang eines Mudschtahids, eines hohen Rechtsgelehrten mit der Befugnis, eigene Rechtsauslegungen zu erarbeiten. Als Khamenei nach dem Tod von Khomeini im Jahr 1989 das Amt des Revolutionsführers antrat, begann Arafis Aufstieg.
Khamenei hob Arafi auf immer höhere Posten. Darunter war das Amt des Rektors der Internationalen Universität Al-Mustafa in Qom, die ausländische Studenten zu schiitischen Geistlichen ausbildet. Arafi gehört dem Experten Vatanka zufolge zu einer kleinen Gruppe jüngerer Geistlicher, die von Khamenei gefördert wurden, weil er ihnen zutraute, seine konservative Vision für die Islamische Republik weiterzuführen und deren Ideologie in andere Länder zu exportieren.
Später betraute Khamenei seinen Schützling mit der Aufsicht über alle geistlichen Seminare im Iran. In dieser Funktion besuchte Arafi vor vier Jahren den damaligen Papst Franziskus in Rom.
Arafi spricht neben Persisch auch Arabisch und Englisch. Sein Alter macht ihn zum Vertreter einer neuen Generation iranischer Spitzenfunktionäre, die anders als Khamenei nicht mehr an der Gründung des neuen Staates 1979 beteiligt waren. Khamenei ernannte Arafi im Jahr 2019 zum Mitglied des Wächterrates.
Machtkampf hinter verschlossenenTüren
Nun hat Arafi mit Präsident Peseschkian und dem obersten Richter des Landes, Mohseni-Ejei, seine Arbeit im neuen Übergangsrat aufgenommen. Das Triumvirat muss sich die Macht mit anderen Akteuren teilen. Die Revolutionsgarde und Politiker wie der Chef des iranischen Sicherheitsrates, Ali Laridschani, mischen ebenfalls mit. So fiel auf, dass es Laridschani war, und nicht der Übergangsrat, der am Montag für den Iran neue Gespräche mit den USA ablehnte.
Auch im Rennen um das Amt des Revolutionsführers ist Arafi nicht allein. Khameneis Sohn Modschtaba, Justizchef Mohseni-Ejei und Khomeinis Enkel Hassan werden als Mitbewerber genannt. Wenn Arafi seinen Mentor Khamenei beerben sollte, wird seine erste Aufgabe darin liegen, das Überleben des islamistischen Staates zu sichern.
Der Krieg und der gewaltige innenpolitische Widerstand gegen das Regime wären dabei nicht die einzigen Hindernisse. Anders als Khamenei, der 37 Jahre lang regierte und loyale Seilschaften aufbauen konnte, müsste sich Arafi im Regime erst eine Gefolgschaft heranziehen.
Die Wahl des neuen Regimechefs soll laut Verfassung «so schnell wie möglich» stattfinden. So lange der Krieg andauert, dürfte es schwierig sein, die Versammlung zu organisieren, ohne israelisch-amerikanische Luftangriffe auf die 88 Mitglieder des Expertenrates zu ziehen. (aargauerzeitung.ch)
