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Trump und die Waffenruhe im Iran: Einordnung vom Experten Nico Lange

epa12921900 Iranians take part in a rally to show their support and solidarity with new Iranian Supreme Leader Ayatollah Mojtaba Khamenei in Tehran, Iran, 29 April 2026. The demonstration follows an a ...
Der Iran hat in den Verhandlungen mit den USA nur ein Ziel, wie Sicherheitsexperte Nico Lange sagt.Bild: keystone

Sicherheitsexperte: «Damit schiessen sich die Amerikaner ins eigene Knie»

Nico Lange erklärt, warum Trump im Krieg mit Teheran auf Zeit spielt – und warum das Mullah-Regime trotzdem am längeren Hebel sitzen könnte.
01.05.2026, 17:2201.05.2026, 17:22
Natasha Hähni
Natasha Hähni

Seit dem 8. April herrscht im Iran-Krieg offiziell eine Waffenruhe. Verhandelt wird laut Donald Trump aktuell per Telefon. Haben Sie noch Hoffnung auf eine Einigung?
Nico Lange: Ich habe Hoffnung auf eine Einigung, aber nicht auf einen schnellen Deal. Da treffen zwei sehr unterschiedliche Verhandlungskulturen aufeinander. Trump, der immer sagt: «So, jetzt zack, muss ein Deal her». Und die Iraner, von denen man weiss, dass sie zäh und langsam verhandeln. Trump hat mit seinem Krieg einiges erreicht, aber er hat nicht erreicht, dass die Vertreter des iranischen Regimes handlungsunfähig geworden sind. Sie können weiterhin die Strasse von Hormus blockieren und die Golfstaaten sowie Israel mit Drohnen und Raketen angreifen. Deswegen muss sich Trump jetzt auf diese zähen Verhandlungen einlassen.

Welche Partei sitzt am längeren Hebel?
Die USA sind viel stärker als der Iran. Den finanziellen Druck zu erhöhen, ist eine aussichtsreiche Vorgehensweise, denn das iranische Regime hat nur ein Ziel: Machterhalt. Und dafür brauchen sie Geld. Insofern ist das schon möglich, dass das zu einer Veränderung der iranischen Position führt. Nur geht das nicht schnell. Wir sind alle in Geiselhaft dieser Situation mit der Strasse von Hormus. Die könnte sich noch lange hinziehen. Was dann am Ende inhaltlich für eine Einigung zustande kommt, das kann man jetzt noch gar nicht sagen.

Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat diese Woche gesagt, der Verhandlungsstil der iranischen Führung sei «unglaublich gut». Wie sehen Sie das?
Ich habe Probleme damit, die iranische Führung zu loben. Der Iran hat mit der Blockade der Strasse von Hormus ein wichtiges Machtinstrument. Ich würde an deutscher Stelle lieber überlegen, wie ich selbst mithelfen kann, den Druck auf den Iran zu erhöhen, weil ehrlicherweise – Trump hin oder her – alle Interesse daran haben, dass das gelingt, freie Schifffahrt durch die Strasse von Hormus wieder möglich ist und der Iran keine Atombombe hat.

In the picture, from left: Nico Lange, political scientist and security expert, GER, Berlin, studio, guest on Caren Miosga s political talk show, TV, format, with presenter, Das Erste, from Adlershof  ...
Nico Lange ist Gründer und Direktor des Instituts für Risikoanalysen und Internationale Sicherheit (IRIS).Bild: www.imago-images.de

Wie sollte Europa konkret vorgehen?
Aus ökonomischer Sicht wäre es billiger, den USA so gut wie möglich zu helfen, zu einer Einigung mit dem Iran zu kommen. Das nicht zu tun und stattdessen nur zu kommentieren, aber dann mit viel Steuergeld oder Schulden zu versuchen, die Auswirkungen dieser Krisen zu dämpfen, könnte sehr teuer werden. Wir sollten nicht den Eindruck erwecken, dass Europa und die USA sich da spalten lassen.

Die Spannungen zwischen Europa und den USA werden immer grösser. Nun droht Trump damit. Truppen aus Deutschland abzuziehen. Was würde das bedeuten?
Na ja, Friedrich Merz hat, wie man im Tennis, sagen würde, einen «Unforced Error» begangen. Er hat bei einem Schulbesuch geplaudert, dass Trump keinen Plan hat. Und Trump ist eben Trump. Der schiesst dann zurück und hat das Gefühl, er muss den Deutschen sofort eins auswischen deswegen. Als deutscher Kanzler könnte man sich diese Bemerkung von vorneherein sparen, dann müsste man sich auch nicht mit den Folgen auseinandersetzen. Was den Truppenabzug der USA aus Deutschland betrifft, würde ich mit den Drohungen gelassen umgehen. Die US-Streitkräfte in Deutschland sind nicht hier, um Deutschland zu verteidigen. Sie dienen den strategischen Interessen der USA. Die Amerikaner würden sich ins eigene Knie schiessen, wenn sie die Truppen abziehen.

Wladimir Putin hat dem Iran diese Woche öffentlich seine Unterstützung zugesichert. Wie sehen Sie seine Rolle?
In der heissen Phase des Krieges hat Putin nichts für den Iran gemacht, auch nicht für Venezuela. Und die russischen Luftverteidigungssysteme waren sowohl in Venezuela als auch im Iran schnell erledigt. Jetzt, wo die USA Schwierigkeiten haben und es Spannungen zwischen den Amerikanern und den Europäern gibt, versucht er ein bisschen zu stänkern. Das ist typisch für Putin. Dahinter steckt keine grosse Iran-Strategie der Russen.

Putin will den Iranern also gar nicht wirklich helfen?
Jede Spaltung zwischen Amerikanern und Europäern nützt Putin. Insofern wird er immer versuchen, diese Spaltung zu fördern. Und wenn er ein doppeltes Spiel spielen kann, also einerseits den Iran unterstützen und andererseits Trump anbieten, ihm beim Iran zu helfen, dann macht Putin sich relevant in dieser ganzen Geschichte. Ich glaube, darum geht es ihm.

Aktuell scheint es nicht, als würden sich die Amerikaner und die Iraner bald einigen. Wer wird dieses Geduldspiel länger aushalten?
Meine Befürchtung ist, dass der Iran bei diesem Spiel einen Vorteil hat, weil es diesem Mullah-Regime schlicht völlig egal ist, wie es den Leuten geht. Der iranischen Bevölkerung geht es ohnehin schon schlecht. Wenn es ihnen noch schlechter geht, ist das für das Regime nicht weiter von Bedeutung. Sie interessieren sich nur dafür, an der Macht zu bleiben, während der US-Präsident auf steigende Preise und aufgeregte globale Märkte reagieren muss.

Kann die Stimmung im Iran nicht mehr überschwappen, wie sie es Anfang Jahr tat?
Die Menschen im Iran haben leider keine Möglichkeiten, das Regime zu stürzen. Ich würde meine Strategie also nicht darauf aufbauen, so bitter das auch ist. Und was den finanziellen Druck betrifft: Es könnte sein, dass das Ganze noch dauert. Denn die Devise der iranischen Regierung lautet: Hauptsache, die andere Seite leidet mehr.

Haben die Amerikaner ausreichend Raketen für einen langen Krieg?
Wir haben alle ein Problem mit der Raketen- und der Drohnenabwehr. Wenn man in den ersten Wochen des Krieges viel Munition verbraucht und nur langsam produziert, dann entsteht natürlich eine Knappheit. Das ist ein Problem, das wir, glaube ich, auf der ganzen Welt haben. Wie viele Raketen der Iran noch hat und ob der Iran Raketen produzieren kann, ist schwer einzuschätzen, weil sehr viele Anlagen unterirdisch sind. Was wir aber gesehen haben, ist, dass der Iran über lange Strecken dieses Krieges in der Lage dazu war, jeden Tag zumindest eine gewisse Anzahl von Drohnen und Raketen weiter abzuschiessen. Das ist ja das Problem für die USA.

Nehmen wir an, Trump erklärt in den nächsten Wochen einseitig den Sieg im Iran und zieht seine Truppen ab. Der Iran würde gestärkt zurückgelassen. Was würde das für die Welt bedeuten?
Also erst mal wäre das vielleicht gar nicht so unklug, wenn Trump das schon längst gemacht hätte, da er gar keine guten militärischen Optionen mehr hat. Ich würde die Option auch noch nicht ausschliessen. Vielleicht gibt es keinen Deal. Der Iran wird die Blockade der Strasse von Hormus als neues Machtinstrument kaum wieder aus der Hand geben. Internationales Engagement wird notwendig sein.

Wie würde dieses aussehen?
Die Rückkehr zum vorherigen Zustand wird es nicht geben, weil der Iran immer versuchen wird, das Erpressungsinstrument Blockade weiter ins Spiel zu bringen. Wie die Situation nach dem Krieg aussehen wird, hängt von den Verhandlungen ab. Es sind im Moment verschiedene Dinge denkbar, und keins davon ist wirklich richtig gut: Man wird den Iran dafür bezahlen müssen, um durch die Strasse von Hormus zu fahren. Es könnte ein Verbot für israelische Schiffe geben. Denkbar wäre auch, dass künftig militärische Absicherungen für Schiffe nötig sein werden. Dann wird sich die Frage stellen, welche Länder sich das leisten können? Werden mehrere Länder zusammenarbeiten und sich organisieren? Schliesslich sind neben den Europäern auch Indien, Japan und viele andere Länder an der sicheren Durchfahrt von Schiffen interessiert. Wir sind bestenfalls am Anfang der Überlegungen. Klar ist, die Golfstaaten werden eine grosse Rolle spielen.

Was heisst das für die Region?
Dass alle Staaten in der Region sich hochrüsten: die Vereinigten Arabischen Emirate oder Saudi-Arabien, die werden sich nicht vom Iran beschiessen lassen, sondern sich so ausstatten, dass sie sich besser verteidigen können. Höchstwahrscheinlich in einem Ausmass, sodass sie selbst auch gegen den Iran zurückschlagen können, sollten sie erneut mit Drohnen und Raketen angreifen, wie es zu Beginn des Iran-Kriegs der Fall war.

Weitere Eskalationen wären dann wohl zu befürchten.
Wir müssen uns aber klarmachen, dass die Hauptursache dieser regionalen Probleme das Mullah-Regime des Irans ist. Wir haben alle ein Interesse daran, dass die Mullahs wegkommen, die Menschen im Iran frei leben können und dieser Drang nach der Atombombe aufhört. (fwa)

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quelle: keystone / maya levin
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