Der ehemalige iranische Staatschef, Mahmud Ahmadinedschad, will erneut Präsident seines Landes werden. Am Sonntag kündigte der Hardliner seine Kandidatur für die am 28. Juni geplante Wahl an. Diese war eigentlich für 2025 geplant, findet nun aber bereits Ende Monat statt, weil der Präsident Ebrahim Raisi bei einem Helikopterabsturz am 19. Mai ums Leben gekommen war.
«Ich bin zuversichtlich, dass alle Probleme des Landes gelöst werden können, wenn wir die nationalen Kapazitäten maximal nutzen», sagte Ahmadinedschad im Innenministerium in Teheran vor einem Meer an Mikrofonen.
Vor 66 Mikrofonen, um genau zu sein. Wir haben nachgezählt und uns gleichzeitig gefragt, zu welchen Medien die wohl alle gehören. Hier das Resultat unserer Recherche – die doch etwas zeitintensiver war als zunächst gedacht:
Bei so vielen Mikrofonen einheimischer Medienanstalten könnte man meinen, dass es um die Medienvielfalt und Pressefreiheit im Iran gut bestellt sein muss. Doch das Gegenteil ist der Fall: Im alljährlichen Ranking von Reporter ohne Grenzen zur Pressefreiheit liegt der Iran auf dem 176. Rang von 180 bewerteten Ländern.
Alle Medien unterliegen einer systematischen staatlichen Kontrolle, das Internet wird umfassend zensiert, überwacht und – etwa während regierungskritischer Demonstrationen – immer wieder für längere Zeit abgeschaltet.
Kritische Medienschaffende werden zudem ständig drangsaliert, immer wieder willkürlich inhaftiert oder in unfairen Verfahren gar zu langen Haftstrafen verurteilt. Ihre Haftstrafen sind oft lebensgefährlich. Die Verfolgung erstreckt sich dabei nicht nur auf einheimische, sondern auch auf ausländische Medien sowie auf Journalistinnen und Journalisten im Exil und ihre im Iran lebenden Verwandten.
Die kritische iranische Bevölkerung hat sich jedoch längst an die Propaganda gewöhnt. «Im Iran glaubt kaum jemand den Staatsmedien», sagte die iranische Autorin Gilda Sahebi während der letztjährigen Proteste der deutschen Tagesschau. Die meisten Menschen wüssten, dass dort nur Propaganda verbreitet werde.
Stattdessen würden Informationen über ausländische Medien oder die sozialen Netzwerke eingeholt werden – trotz Zensur. «Die iranische Gesellschaft ist schon seit Jahrzehnten darin geübt, die Regeln der Islamischen Republik zu umgehen», sagt Sahebi. «Es gibt das Alkoholverbot, also brennen sie Alkohol zu Hause. Es gibt das Verbot, ausländisches Fernsehen zu schauen, also haben sie Satellitenschüsseln auf den Dächern. Es gibt das Verbot, soziale Netzwerke wie Instagram zu nutzen, also nutzen sie VPNs.»
Ein grösseres Problem aus Sicht vieler Experten ist, dass im Ausland die iranische Propaganda nicht immer als solche erkannt wird. So komme es immer wieder vor, dass die Sichtweise des Regimes sich auch in westlichen Medienberichten wiederfinde. Lassen wir uns also nicht zu sehr beeindrucken von der Mikrofon-Flut auf dem Tisch vor Mahmud Ahmadinedschad. (pre)