Panik auf Zypern: Die Mullah-Drohne kam kurz nach Mitternacht
«Es hörte sich an wie ein schnelles Motorrad», beschreiben Einwohner des zyprischen Dorfes Akrotiri die anfliegende Drohne, die kurz nach Mitternacht auf der Landebahn der gleichnamigen britischen Militärbasis auf Zypern einschlug. Der Flugkörper, bei dem es sich um eine im Iran hergestellte Schahid-136 Drohne handeln soll, verursachte nur «geringfügigen Schaden», erklärte ein britischer Militärsprecher. Die auf Zypern stationierten Streitkräfte seines Landes seien in «höchste Alarmbereitschaft» versetzt worden.
Das Personal auf dem Stützpunkt wurde aufgefordert, «sich von Fenstern zu entfernen und hinter oder unter massiven, stabilen Möbeln» Schutz zu suchen, weil weitere Angriffe drohen könnten. Bunker zum Schutz vor Angriffen gäbe es auf der Airbase «leider nicht».
Nur eine Stunde vor dem Drohnenangriff hatte der britische Premierminister Keir Starmer den USA die Nutzung britischer Stützpunkte gestattet, um, wie er sagte, «die Abschussvorrichtungen iranischer Raketen zu zerstören». Man habe diese Entscheidung getroffen, «um zu verhindern, dass der Iran unschuldige Zivilisten tötet, britische Leben gefährdet und Länder trifft, die nicht am Krieg gegen den Iran beteiligt sind».
«Tatsächlich erreicht hat der feine Herr das genaue Gegenteil», schimpften auf Zypern lebende britische Pensionäre. Sie hatten sich am Montagmorgen auf ein Kaffee in der Ortschaft Kolossi, dem Heimatort des Korrespondenten von CH Media, getroffen, der nur wenige Kilometer von dem Stützpunkt entfernt liegt. Dort wurde inzwischen «das nicht unbedingt erforderliche Personal evakuiert».
Erster Luftangriff seit halbem Jahrhundert
Auch viele Einwohner des unmittelbar an der Militärbasis liegenden Dorfes Akrotiri hatten noch in der Nacht ihre Häuser verlassen, um sich bei Freunden in Limassol in Sicherheit zu bringen. In der Nacht zum Montag hatten in der Hafenstadt mehrfach die Sirenen geheult, was Angst und Panik unter der Bevölkerung auslöste. Stunden später wurden alle Schulen im Umkreis der britischen Militärbasis geschlossen.
Tatsächlich sei es das erste Mal seit der türkischen Militärinvasion von 1974 gewesen, dass «Zypern aus der Luft angriffen wurde», betont der in der Hauptstadt Nikosia lebende Journalist Michalis Gregoriades. Der damalige Angriff führte zur Teilung der Mittelmeerinsel. «Rechtlich» besitze Grossbritanien zwar die Hoheitsrechte über den Stützpunkt Akrotiri und einen weiteren im Osten des Landes. Trotzdem würden die Drohnen oder Raketen-Schläge «natürlich als Angriffe auf unsere Heimat Zypern wahrgenommen werden», stellt Gregoriades klar.
Entsprechend alarmiert reagierte auch die Regierung der Inselrepublik. Staatspräsident Nikos Christodoulides sagte, dass sich Zypern «in keiner Weise an den Militäroperationen (gegen Iran) beteilige und auch nicht die Absicht habe, dies zu tun».
Feuerte die Hisbollah die Drohne ab?
Iran hat sich zu dem Drohnenangriff auf Zypern bisher nicht geäussert. Europäische Militärexperten halten es für möglich, dass die pro-iranische Hisbollah «im Auftrag der Iraner oder möglicherweise sogar eigenmächtig den Drohnenangriff gestartet hat». Schliesslich seien es vom Libanon bis nach Zypern nur um die 150 Kilometer.
Die Attacken passten in die «iranische Vergeltungsdoktrin, die sich offenbar gegen alle Staaten in der Nahostregion richte, die direkt oder indirekt an den seit Samstag andauernden Angriffen auf Iran beteiligt sind». Weitere Angriffe auf die britischen Militärstützpunkte auf Zypern seien daher möglich, «wenn nicht sogar wahrscheinlich».
Für die Ferieninsel im östlichen Mittelmeer sind Angriffe sowie vor allem die Berichterstattung darüber eine Katastrophe. Vor dem Beginn der Frühjahrssaison muss die Tourismusindustrie mit Stornierungen rechnen. Die Fluggesellschaft Easy-Jet stornierte am Montagmorgen sämtliche Flüge von Grossbritanien nach Zypern bis zum kommenden Donnerstag. Weitere Airlines könnten folgen. (aargauerzeitung.ch)
