Gefoltert und bombardiert: Was zwei Touristen im Horrorknast von Teheran durchlebten
Cécile Kohler und Jacques Paris erfüllten sich einen lang gehegten Wunsch, als sie im April 2022 in den Iran reisten und die schönsten persischen Stätten besuchten. Für die Rückreise im Mai nahmen sie ein Taxi zum Flughafen ausserhalb von Teheran. Plötzlich wurden sie von zwei Fahrzeugen ausgebremst. Ein Mann bedeutete ihnen: «Ihr reist nicht ab.»
1277 Tage sollten die beiden Bildungsreisenden darauf in der Folge in Haft verbringen, die meiste Zeit im verrufenen Evin-Gefängnis der iranischen Hauptstadt. Dort wurden der 72-jährige Rentner und die 41-jährige Literaturlehrerin sofort getrennt. Sie kamen in Isolierzellen in der Sektion 209.
In den folgenden siebzehn Monaten sollten sie sich nur einmal sehen – vier Minuten lang. Das erzählte das Paar am Dienstag dem Pariser Radiosender France-Inter, wenige Tage nach ihrer glücklichen Rückkehr nach Paris. «Zu Beginn war ich monatelang allein in einer leeren Zelle. Ich hatte keine eigenen Kleider, bekam nicht einmal eine Zahnbürste und musste auf dem Boden schlafen», berichtete Cécile Kohler.
Am schlimmsten war die Angst. Bei jedem der regelmässigen Verhöre wurden sie mit dem Tod bedroht. «Wenn ihr nicht macht, was wir wollen, werden wir euch hängen», bekam das Paar immer wieder zu hören. «Später wird man nur noch das Pulver eurer Knochen finden.»
Totale Entmenschlichung
Dazu kam die Ungewissheit. Kohler und Paris waren gewöhnliche Touristen, doch sie wurden als Spione bezeichnet, die «Terroristen» getroffen hätten. «Das Regime braucht Sündenböcke», erklärt sich Jacques Paris das Verhalten des iranischen Geheimdienstes, der die gefürchtete Evin-Sektion 209 leitet. «Es ist ein Prozess der totalen Entmenschlichung. Um die Gefangenen zu Geständnissen zu bringen, legen sie es darauf an, sie zu brechen.»
Dies geschieht nicht physisch – dafür dauerte die «weisse Folter», wie Cécile Kohler die psychische Quälerei nennt, mehrere Jahre. «Es gab in meiner Zelle kein Tageslicht, nur Neonlampen, die auch in der Nacht brannten, sodass man nicht schlafen konnte.» Die Elsässerin bekam ihr eigenes Gesicht mehr als ein halbes Jahr lang nicht zu sehen. Destabilisiert, geschwächt, durcheinander, musste sie mit ihrem Partner ein Geständnis ablegen, dessen Inhalt ihr vorgesprochen wurde.
Das alles ist laut Kohler das Ziel der iranischen Geiseldiplomatie: beliebige Reisende und Ausländer festzunehmen und als Faustpfand gegen Zugeständnisse verfeindeter Staaten zu benützen. Lange wurden die beiden Franzosen gar nicht angeklagt. Erst 2025 wurden sie in einem Scheinprozess mit islamischen Recht wegen Korruption und «Vergehen gegen die nationale Sicherheit» verurteilt. Beweise gab es nicht.
Zu jener Zeit war Cécile Kohler nicht mehr in Isolierhaft. Sie teilte eine Zelle von neun Quadratmetern mit einer wechselnden Zahl von Iranerinnen. Manchmal seien sie zu viert gewesen, manchmal neun – und dann nicht einmal fähig, sich zum Schlafen am Boden auszustrecken.
Die Französin begann Farsi zu lernen, um sich mit den anderen Frauen unterhalten zu können. Daneben lernte sie Homers Odyssee auswendig, um die Gesänge für sich zu rezitieren, bis sie einschlief. Dazu habe sie viel Sport getrieben, vor allem Jogging, erzählte die Frau mit fester Stimme. Auf die Journalistenfrage, wie sie in der überfüllten Gefängniszelle joggen konnte, sagte sie: «Ich bin auf der Stelle gelaufen.»
Bombenangriff neben dem Gefängnis
Den Krieg im Iran erlebte vor allem Jacques Paris hautnah mit: Eine Bombe explodierte nur wenige Meter von seiner Zelle entfernt. 79 Menschen kamen dabei um; Paris erstickte fast am Rauch. Aber auch darüber kam der ehemalige Lehrer hinweg. Überlebt habe er letztlich, weil er gehört habe, dass die Angehörigen und Freunde für die Freilassung mobilisiert hätten.
Auf einmal war es so weit, und wie immer ohne jede Vorankündigung: Die beiden letzten von sieben französischen Geiseln im Iran kamen frei. Zumindest halbwegs: Sie wurden an die französische Botschaft überwiesen, wo sie noch fünf Monate unter Hausarrest blieben. Erst letzte Woche konnte der Botschafter seine Landsleute persönlich über die Grenze nach Aserbaidschan und dort an den Flughafen von Baku fahren.
In Paris trafen sie Präsident Emmanuel Macron. Ob Frankreich Lösegeld bezahlt hat, ist unklar. Der Zeitpunkt der Freilassung legt eher nahe, dass das Regime in Teheran zu einer Geste bereit war, weil Frankreich auf Distanz zum amerikanisch-israelischen Angriff bleibt.
Das Paar äussert sich nicht zur Politik. Sie ist glücklich über den «Duft der Freiheit»; er sagt: «Wir haben uns nicht brechen lassen. Denn wir wollten Zeugnis ablegen.» (fwa)

