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So wappnet man sich im Baltikum gegen einen russischen Überfall

PABRADE, LITHUANIA - MAY 29: The crew of a Puma infantry fighting vehicle presents themselves during the NATO large-scale exercise Steadfast Defender and the German portion of the exercise, Quadriga 2 ...
Bleiben jetzt dauerhaft in Litauen: Deutsche Bundeswehrsoldaten (29. Mai 2024).Bild: Photothek

So wappnet man sich im Baltikum gegen einen russischen Überfall

Bis zum Jahr 2028 könnte Russlands Machthaber Wladimir Putin den westlichen Verteidigungswillen testen, warnen Geheimdienste. Aber vielleicht tut er es auch schon deutlich früher. In den osteuropäischen Staaten hat man sich schon vorbereitet. Eine Übersicht.
30.05.2026, 20:2730.05.2026, 20:30
Remo Hess, Brüssel / ch media

Russland zündelt immer mehr an der Nato-Ostflanke. In den vergangenen Wochen «entführte» es mehrmals ukrainische Langstreckendrohnen und leitete diese in die baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen um. In Rumänien schlug in der Nacht auf Freitag eine russische Angriffsdrohne in ein Wohnhaus ein.

Alles nur Psycho-Spiele? Oder bereitet Kreml-Machthaber Wladimir Putin tatsächlich das Feld für eine feindliche Operation gegen östliche EU-Länder vor? Dass er das wagen könnte, sagen westliche Geheimdienste schon länger. Bislang lag der Zeithorizont ungefähr bei Ende des Jahrzehnts. Aber vielleicht wagt es Putin auch schon früher.

Gerade, weil der Krieg in der Ukraine für die Russen im Moment nicht gut läuft. Um eine Massenmobilisierung zu rechtfertigen, könnte Putin eskalieren und unter einem Vorwand in eines der östlichen EU-Länder einmarschieren, so das aktuelle Szenario in Sicherheitskreisen.

Im Fadenkreuz stehen zuallererst die drei baltischen Staaten. Russland hat ihre Unabhängigkeit und Westorientierung bis heute nie wirklich verdaut.

Geografisch sind sie stark exponiert: Nur ein kleiner Landkorridor, die sogenannte Suwalki-Lücke, verbindet sie mit Polen und Nato-Territorium. Greift Putin an, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass er es hier tut.

Aber die Balten und die Nato haben sich vorbereitet. Das sind die vier wichtigsten Gegenmassnahmen:

Verstärkung

Früher hat die Nato in ihrem östlichen Bündnisgebiet eine «Stolperdraht»-Strategie verfolgt: Einige hundert, multinationale Truppen wurden an neuralgischen Stellen stationiert. Ihre Präsenz war vorwiegend symbolisch und als Abschreckung gedacht. Greift Putin trotzdem an, führt dies automatisch zum Krieg mit der ganzen Allianz. Doch in den vergangenen Jahren änderte die Nato ihren Ansatz. Jetzt geht es wieder um effektive Territorialverteidigung. Statt Bataillone werden Brigaden aufgestellt.

Exemplarisch dafür steht die deutsche Panzerbrigade 45 in Litauen. Sie wurde 2025 in Dienst gestellt und wird 2027 ihre volle Mannschaftsstärke von 5000 Soldaten erreichen. Sie ist ein voll einsatzfähiger Kampfverband, ausgerüstet mit Leopard-2-Kampfpanzern und Puma-Schützenpanzern. Historisch ist es ein Novum, weil es das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg ist, dass ein deutscher Grossverband permanent im Ausland stationiert ist.

Analog zur deutschen Panzerbrigade 45 ist in Lettland eine multinationale Nato-Brigade unter kanadischer Führung stationiert.

Strategische Absicherung

Während im Osten und im Süden der Blick auf die Grenze mit Russland gerichtet ist, hat das Baltikum im Rücken die Ostsee. Eine spezielle Rolle spielt dabei die nahe schwedische Insel Gotland. Würde sie Russland besetzen, könnte es den Nachschub ins Baltikum sowohl über die Luft als auch via Seeweg abschneiden. Umgekehrt kann die Nato von Gotland aus den Zugang der russischen Ostseeflotte zum Atlantik blockieren. Gotland gilt als «unsinkbarer Flugzeugträger» und hat eine enorme strategische Bedeutung.

Seit dem Beitritt Schwedens zur Nato vor zwei Jahren wird die Insel zu einer modernen Festung ausgebaut. Einst entmilitarisiert, hat Schweden das «Gotland Regiment» reaktiviert. Es soll bald 4500 Mann umfassen, dazu kommen rotierende Nato-Truppen. Modernste Flugabwehr und Antischiffsraketen sind auf der Insel installiert. Die 60'000 Einwohner proben den Katastrophenfall in ihrem Alltag, um gegen russische Sabotageaktionen gewappnet zu sein. Dass diese stattfinden, zeigen die zahlreichen Vorfälle rund um beschädigte Internetkabel in der Ostsee. Aber auch mit gezielten Luftraumverletzungen testet Russland die Nato in der Region immer wieder.

Befestigungen

Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen bauen zusammen eine Art «Verteidigungswall» an der 1700 Kilometer langen Grenze zu Russland und Weissrussland. Dieser ist gestaffelt und besteht aus Panzersperren, sogenannten «Drachenzähnen», Panzergräben, Minenfeldern und Bunkern. An anderer Stelle machen es natürliche Hindernisse wie Seen oder Sumpfgebiete den Russen schwer, einzumarschieren. Ziel ist es immer, einen russischen Vorstoss zu verlangsamen und Zeit zu gewinnen, bis Nato-Verstärkungen eintreffen. Auch Polen hat seine Grenze zu Weissrussland schon abgeschottet oder baut an Grenzbefestigungen.

https://www.aargauerzeitung.ch/international/ukraine-krieg-so-wappnen-sich-die-balten-gegen-putin-ld.4176395

suwalki baltikum
Polens verstärkte Grenze.

In Litauen rund um den Suwalki-Korridor werden Brücken und andere kritische Verkehrsinfrastruktur so vorbereitet, dass sie im Notfall schnell gesprengt oder blockiert werden können. Gleichzeitig wird an einer neuen Eisenbahnlinie «Rail Baltica» gebaut, welche die estnische Hauptstadt Tallinn von Nord nach Süd durch das Baltikum mit Warschau verbinden soll. Diese hat ebenso eine militärische wie wirtschaftliche Bedeutung.

Geistige Landesverteidigung

Alle Vorbereitungen nützen nichts, wenn die Bevölkerung nicht mitmacht. Das Stichwort lautet: gesamtgesellschaftliche Resilienz. Lettland hat im Jahr 2023 den «State Defence Service» für alle Männer ab 18 Jahren eingeführt. In Litauen, dem mit 2,8 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten der drei baltischen Länder, wurden 2024 sogenannte Kommandanturen eingerichtet, die die Strukturen der Armee auf lokaler Ebene ergänzen. Zudem wird Desinformation als konkretes Angriffsfeld betrachtet. Das Baltikum war schon immer ein Aktionsraum für russische Propaganda. Die Regierungen investieren viel in Aufklärung und Medienkompetenz.

Perfektioniert hat das Prinzip Sicherheit als gesamtgesellschaftlicher Ansatz aber wohl Finnland, wo der kokonaisturvallisuus schon eine Art Volkssport ist.

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