Kirchenkunst oder Provokation? Fresko zeigt Engel mit Gesicht von Giorgia Meloni
Bruno Valentinetti tut so, als verstehe er die ganze Aufregung nicht: «Wie? Das soll Giorgia Meloni sein? Das sagen Sie. Aber es ist nicht Giorgia Meloni», betonte der 82-jährige Kirchendiener und Dekorationsmaler das ganze Wochenende über. Er hat in der Kirche San Lorenzo in Lucina, einer der ältesten Kirchen Roms und damit des Christentums, die Restaurierung eines gemalten Engels zu verantworten. Je nach politischen Vorlieben echauffierte oder amüsierte sich halb Italien.
Denn die Ähnlichkeit des von ihm restaurierten Engelsgesichts mit dem Antlitz der Regierungschefin ist, auch wenn es Valentinetti selber nicht zugeben mag, verblüffend. Man könnte sogar sagen: Er hat Giorgia Meloni richtig gut getroffen.
Der Engel befindet sich in einer Seitenkapelle der Kirche und ist Teil einer Wanddekoration, in deren Zentrum sich eine Büste von Umberto II. von Savoyen (1904 bis 1983) befindet, dem letzten König Italiens. Der in Ungnade gefallene Monarch wird flankiert von zwei Engeln, von denen nun der rechte die Gesichtszüge Melonis trägt.
Valentinetti verneint gegenüber den zahlreichen Reporterinnen und Reportern, die ihn nun in der Kirche belagern, politische Sympathien für Meloni zu haben. «Ich muss mit einer Rente von 600 Euro überleben. Meloni hat mir nichts gegeben. Sie gefällt mir nicht. Ich habe nichts mit ihr zu tun.» Er bestreitet auch, einmal für die rechtsextreme Splitterpartei La Destra für den Römer Gemeinderat kandidiert zu haben. «Diese Kandidatur erfolgte ohne mein Wissen.»
Stellvertreter des Papstes ist alarmiert
Wie dem auch sei. Jedenfalls hat der Engel mit Melonis Gesicht längst die Behörden auf den Plan gerufen – und zwar gleich von zwei Staaten, nämlich jene des Vatikans und jene Italiens. Kardinal Baldo Reina, als Generalvikar kein Geringerer als der Stellvertreter des Papstes als Bischof von Rom, erklärte in einer Note, dass Bilder der sakralen Kunst und der christlichen Tradition nicht für andere Zwecke missbraucht werden dürfen.
Von irgendwelchen geplanten Änderungen und Ergänzungen sei das Bistum nie in Kenntnis gesetzt worden. Es handle sich ganz klar um eine Initiative des Künstlers, betonte Reina – um dann mit drohendem Unterton zu ergänzen, dass man sich nun überlegen werde, welche Initiativen ergriffen werden sollen.
Im weltlichen Rom reagierte Kulturminister Alessandro Giuli, langjähriger Parteifreund der Regierungschefin, auf den Frevel und schickte einige Experten des Ministeriums und die Chefin der Römer Kulturgüterbehörde, Daniela Porro, an den Tatort, also in die Kirche. Porro versuchte abzuwiegeln und betonte, bei dem Engel handle es sich um eine Wandmalerei jüngeren Datums, nämlich aus dem Jahr 2000, die nicht unter Denkmalschutz stehe.
Aber die Kirche als solche natürlich schon. Man werde das jetzige Aussehen des Engels mit alten Fotos vergleichen und gegebenenfalls verlangen, dass der Originalzustand wiederhergestellt werde, sagte Porro.
Der Pfarrer von San Lorenzo in Lucina, Daniele Micheletti, gibt offen zu, dass der Engel Giorgia Meloni ähnele. Aber er verteidigt seinen betagten Kirchendiener und Dekorationsmaler Valentinetti: «Ich vermag nichts Schlimmes darin zu erkennen, wenn man die Regierungschefin porträtiert.» Es bedeute jedenfalls nicht, «dass wir Meloni-Fans» seien.
In der Kapelle befinde sich ja auch die Büste von Umberto II., und die Pfarrei sei deswegen auch nicht monarchistisch gesinnt. In den Kirchen seien immer wieder Personen des öffentlichen Interesses abgebildet worden, «und das waren nicht immer anständige Menschen».
Die Protagonistin, die im Zentrum der ganzen Aufregung steht, hat sich im Unterschied zu allen anderen Beteiligten relativ kurz gefasst: Regierungschefin Meloni setzte am Wochenende auf Instagram einen Post mit einem lachenden Smiley ab und schrieb: «Nein, ich ähnele definitiv keinem Engel.» (aargauerzeitung.ch)
