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Trump lässt Selenskyj abblitzen: Das ist schlecht für die Ukraine

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Trump lässt Selenskyj abblitzen – weshalb sich die Ukraine ernsthaft Sorgen machen muss

Das Treffen zwischen Wolodymyr Selenskyj und dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump kommt wohl nicht zustande. Das ist nicht die einzige schlechte Nachricht für die Ukraine.
26.09.2024, 05:3726.09.2024, 06:40
Renzo Ruf, Washington / ch media
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Der republikanische Präsidentschaftskandidat hat Wolodymyr Selenskyj diese Woche als den «grössten Verkäufer der Welt» bezeichnet. Jedes Mal, wenn der ukrainische Präsident in die USA komme, schnödete Donald Trump, verlasse er das Land mit Milliarden von Dollars.

September 25, 2019 , New York, New York, USA: President DONALD J. TRUMP, right, participates in a bilateral meeting with Ukraine President VOLODYMYR ZELENSKY, left, Wednesday, at the InterContinental  ...
Zu einer solchen Szene dürfte es anno 2024 nicht kommen: Selenskyj und Trump bei einem Treffen 2019. (Archiv)Bild: www.imago-images.de

Das war kein Kompliment von gleich zu gleich, obwohl Trump doch eigentlich ein höchst talentierter Selbstvermarkter ist. Vielmehr ist der Republikaner wütend auf Selenskyj. Er wirft dem Ukrainer, der sich diese Woche in Amerika aufhält, eine ungebührliche Einmischung in den Wahlkampf um das Weisse Haus vor. Selenskyj besuchte am Sonntag eine Waffenfabrik im politisch umkämpften Bundesstaat Pennsylvania und liess sich dabei von führenden Demokraten begleiten. Damit stiess er angeblich viele Republikaner vor den Kopf. Aus diesem Grund kommt wohl auch ein mit Spannung erwartetes Treffen zwischen Selenskyj und Trump, das erste seit September 2019, nicht zustande.

Auf den ersten Blick ist das nicht weiter erstaunlich. In der Beziehung zwischen Selenskyj, Präsident seit Frühjahr 2019, und Trump, Präsident von 2017 bis 2021, ist schon lange der Wurm drin. Vor fünf Jahren stand der Ukrainer im Zentrum des politischen Feuersturms, der im ersten Amtsenthebungsverfahren gegen den damaligen Präsidenten Trump endete.

Und seit Beginn der russischen Invasion vor zweieinhalb Jahren äusserten sich führende Vertreter der Republikanischen Partei skeptisch über eine anhaltende finanzielle Unterstützung der Ukraine. Einer dieser Skeptiker, der Senator J.D. Vance aus Ohio, ist nun der Vize von Donald Trump.

Trump lobt russische Kampfkraft

Der Ex-Präsident wiederum mag konkrete Vorstellungen haben, wie er den Krieg nach einem Wahlsieg beenden möchte. Öffentlich macht er dazu aber nur Andeutungen. So sagte er diese Woche während einer Wahlkampfrede in Savannah, Georgia:

«Ich werde es erledigen, ich werde darüber verhandeln, ich werde rausgehen.»

Wie so häufig, wenn Trump über ein Thema spricht, das nicht zu seinen Kerninteressen zählt, ist die Bedeutung dieser Worte interpretierbar. Klar ist, dass ihm ein Verhandlungsfrieden vorschwebt, ein historischer Händedruck zwischen Selenskyj und Russlands Präsident Wladimir Putin. Und klar ist auch, dass Trump der Meinung ist, er besitze die notwendigen Druckmittel, um eine solche Lösung zu erzwingen. Nötigenfalls würde er wohl ganz einfach die amerikanischen Waffenlieferungen an Kiew einstellen und die Ukraine zu Gebietsabtretungen zwingen.

Weil Trump solche Aussagen häufig mit Lob für die Russen verbindet – «sie schlugen Hitler, sie schlugen Napoleon, das ist es, was sie tun» -, vermittelt er den Eindruck, das Schicksal des überfallenen europäischen Landes interessiere ihn nicht. Vielmehr behauptet er, Joe Biden sei für den Krieg verantwortlich. Zudem umgibt Trump sich mit Einflüsterern wie Viktor Orbán oder Elon Musk, die sich in den vergangenen Monaten und Jahren nicht unbedingt als Freunde der Ukraine profiliert haben.

Selenskyj will Biden und Harris «Siegesplan» präsentieren

Aber vielleicht spricht der Republikaner auch ganz einfach aus, was viele Politiker in Washington denken: Nach zweieinhalb Jahren haben viele Amerikanerinnen und Amerikaner das Interesse am blutigen Konflikt in Europa verloren. Sie wollen keine weiteren Mittel für den Krieg in der Ukraine bewilligen, nachdem der Kongress bisher grünes Licht für Kredite von rund 174 Milliarden Dollar gegeben hat. Und sie finden, dass die grossen europäischen Länder mehr Verantwortung übernehmen müssten.

In this image provided by the Office of the Ukrainian Presidency, Ukrainian President Volodymyr Zelenskyy, left, is watched by Rich Hansen, the commander's representative for the Scranton Army Am ...
In einer Waffenfabrik in Scranton, Pennsylvania, setzte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski am Sonntag seine Unterschrift auf den Stahlmantel eines Haubitzen-Geschosses.Bild: keystone

Selenskyj scheint bemerkt zu haben, dass die amerikanische Kriegsmüdigkeit sich nicht nur unter Republikanern breitmacht, sondern auch bei Demokraten langsam spürbar wird. Deshalb trifft er am Donnerstag in Washington Präsident Biden und Kamala Harris, die Präsidentschaftskandidatin der Regierungspartei. Er will den führenden Demokraten seine Ideen für die nächsten Kriegsmonate präsentieren, die er als «Siegesplan» bezeichnet.

Natürlich werden Biden und Harris bei dieser Gelegenheit versichern, dass sie die Ukraine weiterhin unterstützten und Russlands Aggression verurteilten. Sie können nicht anders, schliesslich kann kein aufrechter Demokrat das Vorgehen Putins gutheissen. Aber einer Präsidentin Harris würde es wohl schwerfallen, im nächsten Jahr Mehrheiten für ein neues Waffenpaket im Kongress zu organisieren. Das muss Selenskyj zu denken geben. (aargauerzeitung.ch)

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93 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Roli4ka
26.09.2024 06:08registriert April 2023
Schön, nur weiter so und Signale nach Richtung Moskau senden, dass sich der Angriffskrieg gegen die Ukraine sich doch noch lohnen wird für Putin, er sich einfach noch ein wenig in Geduld üben muss! Dann wird sich China nicht zweimal überlegen, gegen Taiwan vorzugehen, wenn sich der Wertewesten so sehr von Atomdrohungen abschrecken lässt! Tolle neue Weltordnung!
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In vino veritas
26.09.2024 06:45registriert August 2018
Diesem Töpel fehlt schlichtweg die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen. Wenn die Ukraine verliert wird sich China nicht zweimal bitten lassen und in Taiwan einfallen. Das wird dem Trumpel wohl auch egal sein, zumindest solange bis er kapiert, dass wir alle Taiwans Chips benötigen und alle davon profitieren, dass die Nachkriegsordnung eingehalten wird. Die USA sind auf dem absteigenden Abst und Trump wird das massiv beschleunigen! Wir Europäer täten gut daran, die Ukraine ausreichend zu unterstützen und uns von den USA zu emanzipiert. Ansonsten wird es ein böses Erwachen, sollte Trump siegen!
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Oliver M
26.09.2024 06:27registriert Dezember 2014
Die Amis wollen also zeigen, dass ihre Verträge nichts wert sind? Was ist mit den Sicherheitshgarantien, die sie der Ukr im Gegenzug für Aufgabe der Atomwaffen gegeben haben?
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