Queen-Hype zum 100. Geburtstag: «Wir verkaufen immer noch mehr von ihr als vom König»
Im Souvenirladen «Cool Britannia» gegenüber dem Buckingham Palace steht Königin Elizabeth II. auch vier Jahre nach ihrem Tod noch im Mittelpunkt. Das Geschäft mit Tassen, Geschirrtüchern und Schlüsselanhängern, die das Konterfei der am längsten regierenden Monarchin Grossbritanniens zeigen, brummt. Natürlich auch an ihrem 100. Geburtstag am Dienstag. Artikel mit dem Bild ihres Sohnes, König Charles III.? Eher weniger nachgefragt.
«Wir verkaufen immer noch mehr von ihr als vom König», sagt Geschäftsführer Ismail Ibrahim. Das Andenken an die verstorbene Königin ist nach wie vor allgegenwärtig im Land. In ihrer 70-jährigen Regentschaft wandelte sie sich von der glamourösen jungen Monarchin, die Grossbritannien in den düsteren Nachkriegsjahren Mut machte, zur geliebten Nationalheldin, die das Land während der Corona-Pandemie zusammenhielt.
Als Elizabeth im September 2022 starb, war sie für die meisten Briten die einzige Monarchin, die sie je gekannt hatten. Noch heute weckt die Erwähnung von «der Queen» eher den Gedanken an Elizabeth als an Charles' Ehefrau Camilla.
Doch der Lauf der Zeit hat auch das Andenken an die verstorbene Monarchin getrübt. Zwar wird sie als Symbol für Tradition und Kontinuität gefeiert, aber Enthüllungen über die Verbindungen ihres Sohnes, des ehemaligen Prinzen Andrew, zum US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein liessen auch Kritik laut werden.
Eine zentrale Figur für die Monarchie
«Trotz ihres Todes bleibt Elizabeth II. eine zentrale Figur, wann immer wir an die Monarchie denken», sagte Ed Owens, Autor des Buches «After Elizabeth: Can the Monarchy Save Itself?». «Sie ist zweifellos die bedeutendste Persönlichkeit in der Geschichte der Institution der letzten 100 Jahre und verdient daher meiner Meinung nach die Aufmerksamkeit, die ihr anlässlich ihres 100. Geburtstags zuteilwerden wird.»
Zu den Feierlichkeiten gehörten ein Empfang im Buckingham-Palast, bei dem Charles den Hundertjährigen gratulieren wird, die mit der verstorbenen Monarchin Geburtstag haben, sowie die Einweihung eines Gedenkgartens im Regent's Park im Zentrum Londons. Eine Ausstellung der Mode der Königin hat bereits begonnen. In einer am Dienstag veröffentlichten Videobotschaft würdigte Charles den Einfluss seiner Mutter auf Menschen weltweit.
Elizabeth wurde nach dem Tod ihres Vaters am 6. Februar 1952 mit nur 25 Jahren Königin. Jahrzehntelang eröffnete sie jährlich das Parlament in Krone und Hermelinmantel, empfing Staatsgäste im Buckingham-Palast und absolvierte Tausende Auftritte im Vereinigten Königreich, oft in farbenfrohen Kostümen, damit die Menschen sie besser sehen konnten, wie sie erzählte.
Die Königin ging mit der Zeit
Noch im hohen Alter wurde die Queen zum Internetstar, als sie mit James-Bond-Darsteller Daniel Craig die Olympischen Spiele 2012 in London eröffnete und und gemeinsam mit dem Paddington-Bär ihr 70-jähriges Thronjubiläum feierte.
«In einer Welt des unaufhörlichen Wandels ging sie mit der Zeit – sie würdigte die Erfolge der Nation und tröstete die Briten in schwierigen Zeiten, während sie sich aus den politischen Auseinandersetzungen heraushielt», sagt Robert Hardman, Autor von «Elizabeth II.: Privat. Öffentlich. Die ganze Geschichte.»
Doch gerade diese Erfolge lassen ihr Versagen, den Skandal um ihren zweiten Sohn zu beenden, umso deutlicher hervortreten. Trotz Bedenken hinsichtlich seines Benehmens, fragwürdiger Geschäftspraktiken und zwielichtiger Freunde war Andrew zehn Jahre lang britischer Sondergesandter für internationalen Handel und behielt seinen Prinzentitel, bis die Details seiner Beziehung zu Epstein im vergangenen Jahr bekannt wurden. Um die Monarchie zu schützen, entzog Charles seinem jüngeren Bruder schliesslich den Titel. Er heisst jetzt einfach nur noch Andrew Mountbatten-Windsor.
Während Historiker über das Vermächtnis der Königin debattieren, bildet sich die Öffentlichkeit ihre eigene Meinung. Wie Sylvie Deneux und ihre Tochter Clara aus dem französischen Lille, die «Cool Britannia» besuchen. Sie loben die verstorbene Monarchin für ihre Eleganz und bezeichnen sie als Ikone.
Doch es sei ein Fehler gewesen, den Skandal so schnell unter den Teppich zu kehren, findet die 49-jährige Sylvie. Dennoch hat sie Verständnis für die Queen. Sie habe Entscheidungen als Mutter getroffen und nicht als Königin. «Können wir ihr einen Vorwurf machen?», fragt sie. «Ich bin mir nicht sicher.» (AP/aargauerzeitung.ch/fwa)
