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Julia Kristeva, 2014

Julia Kristeva, eine Stütze der Pariser Gesellschaft. bild: shutterstock

Codename «Sabina» – war sie die faulste Geheimagentin des Kalten Kriegs?

Julia Kristeva ist eine der prominentesten Intellektuellen der Welt. Aber ist sie nur das? Oder vielleicht eine Frau mit einem Doppelleben in ihrer Vergangenheit?



Der bulgarische Geheimdienst ist sauer: «Sabina wendet schon wieder die gleiche Taktik an – sie versucht, etwas von uns zu kriegen ohne uns etwas zurück zu geben.» Es ist 1976, die Frau mit dem Codenamen Sabina will eine Reisegenehmigung für ihre Eltern erwirken, sie haben ihren ein Jahr alten Enkelsohn noch gar nicht gesehen. 

Sabina heisst in Wirklichkeit Julia Kristeva, ist 1941 im bulgarischen Sliven als Tochter eines christlich-orthodoxen Buchhalters zur Welt gekommen und mit 24 Jahren und angeblichen fünf Dollar in der Tasche nach Paris ausgewandert, wo sie seither lebt und lehrt. Schnell wird sie in Paris zu einem Superstar der Intellektuellenszene, ist Philosophin, Psychoanalytikerin, Literaturkritikerin und heiratet den französischen Schriftsteller Philippe Solers. Sie kennen jeden hippen Denker und Dichter ihrer Zeit, verkehren mit allen politisch engagierten Intellektuellen von Simone de Beauvoir bis Roland Barthes und Jacques Derrida.

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Julia Kristeva, zur Zeit, als sie «Sabina» war. bild: youtube

Schon seit 1963 folgt der bulgarische Geheimdienst der schlauen, schönen Julia Kristeva auf Schritt und Tritt. Als sie nach Paris geht, heisst es, sie habe «gute Gelegenheiten, zu unseren Gunsten auf französische Kulturschaffende einzuwirken». 1967 trifft sich ein ehemaliger bulgarischer Spion mit ihr in Paris und versucht, sie psychologisch auf ihren künftigen Nebenjob vorzubereiten. 1970 schreibt die Staatssicherheit Darschawna Sigurnost (DS): «Die Rekrutierung von Kristeva kann als erfolgreich betrachtet werden, der vorgeschlagene Codename lautet Sabina.»

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Aus Kristevas Geheimakte. Bild: Aus dem Dossier der bulgarischen Lustrationskommission

1971 wird sie als Agentin der Staatssicherheit eingetragen. Obwohl sie aufregender schreibt als der Teufel auf Viagra, will sie ihren Mittelsmännern nur mündliche Berichte abgeben. Zwischen 1971 und 1973 gibt sie so Informationen über französische Politiker und Intellektuelle, bulgarische Emigranten, von denen einer unter starken Bauchschmerzen leide, oder über politische Bewegungen im arabischen Raum weiter. Alle Informationen werden als «uninteressant» eingestuft, dabei sind ihre Analysen präzise, 1976 wird sie den Wahlsieg von Jimmy Carter voraussagen.

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Bild: Aus dem Dossier der bulgarischen Lustrationskommission

1972 unterzeichnen sie und Sollers in der Zeitung «Le Monde» eine Petition gegen die Repressionen in der Tschechoslowakei. Die beiden hatten schon im Zuge des Prager Frühlings mit dem Kommunismus gebrochen, jetzt sympathisieren sie mit China und bezeichnen sich als Maoisten. Der Geheimdienst ist frustriert, hält aber bis 1978 an Kristeva fest.

Die bulgarische Nachrichtenagentur novinite schreibt, Kristeva habe zwar regelmässig ihre Auftraggeber kontaktiert, sich sonst aber allen Anweisungen widersetzt. Der Geheimdienst überlegte, die Familie der widerspenstigen Spionin unter Druck zu setzen, entschied sich aber dagegen. 

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Ein «Wo Is Who» der Pariser Intellektuellenszen von 1972: Die Petition in «Le Monde». Bild: Aus dem Dossier der bulgarischen Lustrationskommission

Vergangene Woche informierte eine Kommission der bulgarischen Regierung über das Dossier Kristeva und veröffentlichte am Karfreitag sämtliche Dokumente. Die Philosophin ist selbstverständlich not amused. Auf ihrer Webseite schreibt sie: 

«Ich habe nie einem Geheimdienst angehört – nicht dem bulgarischen, russischen, oder amerikanischen! Diese Archive zeigen perfekt, wie die Methoden der Polizei im Dienste des Totalitarismus funktionieren, den ich samt seiner Mechanismen in vielen meiner Publikationen zu entlarven geholfen habe.

Darüber hinaus habe ich nie angeboten, ein Regime, vor dem ich geflohen bin, zu unterstützen, und ich habe nie dafür Berichte geschrieben. Die noch immer viel zu wenig verstandenen Methoden totalitärer Regime – Leute ohne ihr Wissen zu benennen und Geheimakten über sie anzulegen – bleiben auch heute fabelhaft effizient ...

Die ganze Episode wäre komisch, vielleicht sogar etwas romantisch, wenn sie nicht total falsch und ihre Wiedergabe in den Medien so erschreckend wäre.»

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Bild: Aus dem Dossier der bulgarischen Lustrationskommission

Wie die «New York Times» und andere berichten, steht im Dossier kein einziges Statement, das direkt auf Kristeva zurück geführt werden könnte (der Geheimdienst würde sagen, klar, sie hat ja nur mündlich informiert), dafür Dutzende von Seiten, die eine minutiöse Bespitzelungen der Philosophin in Paris dokumentieren. So wurde etwa jeder Brief, den sie ihren Eltern schrieb, kopiert, und jeder Kaffeeaufenthalt ist festgehalten. Vielleicht war die Frau, der vorgeworfen wurde, aus dem Westen nichts Neues zu liefern und eine faule, störrische Agentin zu sein, am Ende tatsächlich keine. Wäre da nicht ihre rätselhafte Registrierung.

Der bulgarische Investigativjournalist Hristo Hristov ist sich sicher, dass es sich bei Kristevas Dossier um ein klassisches «gesäubertes Dossier» handle. Dass sie also durchaus auch relevante Informationen geliefert hätte, die jetzt aber alle nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht würden, um das Image der Vorzeigeintellektuellen nicht anzukratzen.

Julia Kristeva ist heute 76 Jahre alt. 2015, während der Terroranschläge auf Paris, öffnete sie ihr Haus und betreute traumatisierte Angehörige von Opfern. Als Psychoanalytikerin kümmert sie sich  vor allem um radikalisierte Kinder und Jugendliche. Neben Laufmetern an psychoanalytischen und poststrukturalistischen Publikationen – etwa «Geschichten von der Liebe» oder das legendäre «Fremde sind wir uns selbst» – schreibt sie jetzt auch noch Krimis. Einige davon sollen höchst kenntnisreich vom bulgarischen Geheimdienst handeln.

Von dieser Geheimarmee wussten nicht einmal alle Bundesräte

Video: srf

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