Es mag sie geben, die Spezies, die nichts lieber macht, als tagelang Ferien zu planen. Zu optimieren, zu sparen, zu buchen. «So steigert sich meine Vorfreude», habe ich schon gehört. Bei mir ist das definitiv nicht der Fall.
Hinzu kommt eine zunehmende Überforderung ob des verfügbaren Ferienangebots. Selbst wenn man sich nur auf Ferien am Meer in Südeuropa beschränkt und nicht in 5-Sterne-Hotels logiert, gibt es unendlich viele Möglichkeiten.
Italien, Frankreich, Spanien, Portugal, Kroatien, Slowenien, Griechenland, Zypern, Malta, Türkei und weitere Länder stehen zur Auswahl. Und damit Zehntausende von Stränden, Hotels und Airbnbs.
Nach einigen Stunden der Destinationssuche sitzen meine Freundin und ich mental erschöpft und entnervt vor unseren Laptops. Immer, wenn wir eine Auswahl an Optionen zusammenhaben, entdeckt einer von uns ein neues Urlaubsziel, «das schon auch noch schön wäre».
Vorwärts kommen wir so nicht und die Tatsache, dass wir unsere Ferien aufgrund eines unglücklichen Zwischenfalls maximal kurzfristig planen – wir hätten theoretisch am selben Tag abreisen können –, lässt unseren Frust und Ärger exponentiell ansteigen.
Irgendwann sehe ich, wie meine Freundin auf ChatGPT herumklickt. Dass sich das Leben mit künstlicher Intelligenz trotz diverser Nachteile da und dort einfacher gestalten lässt, ist mir auch ohne vertiefte KI-Expertise bewusst. Aber Ferien planen mithilfe eines Chatbots? Darauf wäre ich nicht gekommen.
So kommt es, dass wir folgende Frage in die ChatGPT-Maske eintippen:
Wir fragen also artig, ob es denn in Europa einen nicht von Touristen überlaufenen Ort an der Wärme und am Meer gebe, erreichbar mit dem Auto oder dem öffentlichen Verkehr. Fliegen wollen wir aus ökologischen Gründen nicht.
Doch irgendwie schämen wir uns für die Art und Weise, wie wir unsere Frage formulieren.
Denn es ist wohl eine der grössten Eigenheiten unserer Zeit, an eine Destination in die Ferien reisen zu wollen, die «nicht so touristisch» ist. Die beliebten Hotspots dieser Erde sind aufgrund zahlreicher Faktoren – Bevölkerungswachstum, Globalisierung, steigender Wohlstand, Social Media – nun mal überlaufen.
Klar, sämtliche partywütigen Mallorca-Gänger streben wohl nicht danach, an einem Ort ihre Ferien zu verbringen, der nicht mit Touristen vollgestopft ist. Da spielt der Preis für eine 5-Liter-Säule Wodka Lemon im Mega Park wohl eine relevantere Rolle.
Wenn man sich jedoch vor Augen führt, wie viele Travel-Internetseiten existieren, die einem exotische Urlaubsziele abseits der grossen Touristenströme schmackhaft machen, scheint ein Bedürfnis nach dieser Art von Ferien vorhanden zu sein.
Auch ich ertappe mich jeweils beim Gedanken, die Ferien so planen zu wollen, dass sich am Ort meiner Wahl nicht Badetuch an Badetuch reiht.
Dass alle von uns an jedem Urlaubsziel selbst zu den «nervigen Touristen» gehören, die es in der eigenen Optik zu vermeiden gilt, ist ein Paradox, das geflissentlich ignoriert wird.
Trotz unserer Scham drücken wir auf Enter.
Eine Nanosekunde später spuckt ChatGPT sechs Strandferienorte aus. Sie alle befänden sich abseits der Menschenmassen, seien weniger bekannt und verkehrstechnisch wie gewünscht zu erreichen.
Im kroatischen Teil Istriens könne man versteckte Buchten entdecken, der nördliche Abschnitt der Costa Brava überzeuge mit einer atemberaubenden Küstenlandschaft.
Auch die albanische Riviera («ein verstecktes Juwel»), Ligurien («charmante Dörfer») und die Region Okzitanien in Frankreich («wunderschöne Mittelmeerstrände») seien einen Besuch wert.
Die letzte Empfehlung der ChatGPT-Liste ist die italienische Insel Elba. Auch sie wird in drei Abschnitten kurz und bündig präsentiert, was meiner durch Kurzvideos auf Social Media stark verkürzten Aufmerksamkeitsspanne zugutekommt.
Elba ist uns sofort sympathisch. Die verfügbaren Bilder zeugen von einer charmanten, überschaubaren Insel. Die 700 Auto-Kilometer nach Piombino und die knapp einstündige Überfahrt mit der Fähre scheinen uns gut machbar.
Weil wir uns in den Ferien gerne Zeit nehmen, etwas ausgiebiger zu kochen, entscheiden wir uns für eine Airbnb-Wohnung. Auch wenn Elba eine relativ kleine Insel ist – sie hat ungefähr die Fläche des Kantons Zug –, gibt es mehrere Orte, die infrage kommen. Auch diese Aufgabe delegieren wir an den Chatbot und wollen wissen: «Wo auf Elba sollte man am besten übernachten?»
ChatGPT präsentiert uns erneut eine ganze Auswahl an Optionen.
Unsere Wahl fällt auf Portoferraio. In Elbas Hauptort legen die meisten Fähren an, mit dem Auto sind wir, was das Erreichen von abgelegeneren Stränden betrifft, flexibel. Hinzu kommt, dass Portoferraio mit rund 12'000 Einwohnern einen städtischen Charakter besitzt.
Auf Airbnb werden wir verhältnismässig rasch fündig. Wir buchen eine nicht ganz günstige, aber stilvoll eingerichtete, geräumige Wohnung mit grosser Küche und Blick auf das Meer. Strand, Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants sind in Gehdistanz, die öffentlichen Parkplätze vor dem Haus gratis.
Drei Tage später sitzen wir vorfreudig, aber auch etwas angespannt, im Auto und fahren auf der A2 Richtung Süden. Wir haben unser Sommerferienglück in die Hände eines Chatbots gelegt und sind plötzlich unsicher.
Ist Elba tatsächlich das nicht überlaufene, abseits der grossen Touristenströme existierende, idyllische Urlaubsziel, so wie es ChatGPT anpreist?
...
Ja, und zwar zu 100 Prozent.
Elba erfüllt von A bis Z, was der Chatbot versprochen hat. Die Anreise ist abgesehen von etwas Stau am Gotthard aushaltbar. Weil wir nicht 700 Kilometer an einem Tag fahren möchten, übernachten wir einmal in Mailand und nehmen am Abend des zweiten Tages in Piombino die Fähre.
Die herrliche Überfahrt bei einsetzendem Sonnenuntergang entschädigt für die einstündige Wartezeit am Hafen bei über 30 Grad. In Portoferraio angekommen, fahren wir eine Minute zur Airbnb-Wohnung. Die Übergabe ist unkompliziert, die Aussicht vom Balkon fast schon kitschig.
Die folgenden neun Tage verbringen wir hauptsächlich am Meer. Die Auswahl an Stränden auf Elba ist grenzenlos. Der erste, den ChatGPT uns empfiehlt – ja, auch nach ruhigen Stränden auf Elba kann man den Chatbot fragen –, ist bereits ein Volltreffer.
Zehn Autominuten und einen kurzen Fussmarsch von unserer Wohnung entfernt liegt die Spiaggia di Sansone. Das Wasser ist wie versprochen türkis und kristallklar, die weissen Kieselsteine tragen zum wunderschönen Gesamtbild bei.
Gewiss, die zentraler gelegenen Strände – die Spiaggia di Sansone gehört dazu – sind ab Mittag gut gefüllt. Für mehr Ruhe empfiehlt sich ein Besuch am Morgen oder am späteren Nachmittag. Verfügt man jedoch über ein Auto, ist es lohnenswert, sich etwas Zeit zu nehmen, um abseits der grösseren Orte die echten Perlen zu entdecken. Und mit Taucherbrille und Schnorchel auch deren Unterwasserwelt.
Auf Elba gibt es einige Spazier- und Wanderrouten, darauf haben wir bei 33 Grad jedoch verzichtet. Sehr zu empfehlen sind jedoch Besuche in italienischen Cafés. Sitzen als Erkennungsmerkmal einheimische Büezer an den Tischen, gibt es für 1,20 Euro garantiert den besten Espresso.
Portoferraio verfügt über eine pittoreske Altstadt und einen hübschen Hafen mit zahlreichen Bars und Restaurants. Da trifft man am Abend nebst Bewohnern Elbas und Italienern vom Festland auch viele Touristen an. Die Durchmischung ist aber perfekt und es wird uns nie zu viel.
Das Museum im ehemaligen Haus von Napoleon Bonaparte – der Gute wurde vor über 200 Jahren für einige Monate nach Elba verbannt – ist deutlich in die Jahre gekommen. Die 5 Euro Eintritt kann man sich sparen.
Fischliebhaber und Fans von Meeresfrüchten kommen in Portoferraio voll auf ihre Kosten. Es finden sich zahlreiche, sehr gut bewertete Restaurants.
Für uns als Vegetarier ist es an den wenigen Abenden, an denen wir auswärts essen, etwas komplizierter. Doch auch hier hilft es, darauf zu achten, wo die Einheimischen Platz nehmen. In der Pizzeria il Castagnacciaio gibt es hervorragende Pizzas und ein grosszügig gefülltes Glas Aperol Spritz für sechs Euro.
Selten waren Ferien so zufriedenstellend wie diese knapp 10 Tage auf Elba. Wetter, Strände, Stimmung, Unterkunft, Gastronomie und Preisniveau, es war alles perfekt. ChatGPT hat uns zu einer Destination geführt, die fraglos ganz vielen Menschen ein Begriff ist, wir aber bei der Planung nicht auf dem Radar hatten.
Natürlich ist es möglich, auch ohne künstliche Intelligenz einen gelungenen Urlaub zu verbringen. Wenn es wie in unserem Fall aber schnell gehen muss, kann ein Chatbot durchaus hilfreich sein.
Jedoch würde ich die Türkei so lange von der Liste streichen, bis Erdo nicht mehr Präsident ist.
Von Islamisten regierte Länder sind KEINE Feriendestination.
Immerhin standen Ägypten, Dubai, Saudiland, etc nicht auf der Liste. 👍