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Israel: EU-Borrell spricht von «Massaker an Zivilisten»

Israels Geiselbefreiung in der Kritik – EU-Borrell spricht von «Massaker an Zivilisten»

09.06.2024, 19:1510.06.2024, 12:44
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Am Samstag herrschte in Israel Freude: Vier Geiseln – drei Männer und eine Frau – wurden nach acht Monaten in Hamas-Gefangenschaft gerettet. «Wir sind überglücklich, euch zu Hause zu haben», sagte Israels Verteidigungsminister Joav Galant. Zudem sprach er von einer «heldenhaften Operation», mit welcher die Befreiung der Geiseln möglich war. Ebendiese Aktion sorgt nun aber international für Kritik – das ist passiert.

So lief die Befreiung ab

Die Befreiung erfolgte in der Stadt Nuseirat, wo die Geiseln festgehalten wurden. Laut dem israelischen Militärsprecher Daniel Hagari startete die Aktion gegen 11 Uhr: Während sich ein Teil der Einsatzkräfte um die Befreiung bemühten, griffen weitere Nuseirat an – um eine sichere Befreiung zu ermöglichen, so Hagari. Und weiter:

«Der Einsatz erfolgte im Herzen eines Zivilviertels, wo sich die Hamas absichtlich zwischen Häusern versteckt hatte, in denen sich Zivilisten befanden, und bewaffnete Militante die Geiseln bewachten.»

Zudem sagt Hagari, man habe sich beim Angriff gegen Palästinenser wehren müssen, welche Panzerfäuste gegen die Truppen eingesetzt hätten.

Palestinians look at the aftermath of the Israeli bombing in Nuseirat refugee camp, Gaza Strip, Saturday, June 8, 2024. (AP Photo/Jehad Alshrafi)
Die Schäden in Nuseirat am Tag des Angriffs.Bild: keystone

Viele Tote und Verletzte

Wie sowohl Israel als auch die Hamas-Behörden bestätigen, kamen dabei mehrere Personen ums Leben. Die genauen Zahlen variieren stark – während Israel von weniger als 100 Todesopfern spricht, geben die Hamas 274 Tote an. Wie viele davon Zivilisten sind, bleibt unklar.

Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht. Bilder auf den sozialen Medien zeigen blutüberströmte Menschen – Berichten zufolge waren zum Zeitpunkt der Aktion viele Menschen auf einem Markt in Nuseirat unterwegs.

epa11398510 Supporters of Palestine gather outside the White House to protest Israel?s ongoing incursion into Gaza in Washington, DC, USA, 08 June 2024. More than 36,000 Palestinians and over 1,400 Is ...
Nach dem israelischen Angriff gab es international Proteste – so auch vor dem Weissen Haus in Washington.Bild: keystone

Auch die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen spricht von prekären Verhältnissen. «Wir hatten die ganze Bandbreite an Kriegsverletzungen», so Mitarbeiterin Karin Huster. Die Rede ist von «Amputationen, Verstümmelungen und traumatischen Hirnverletzungen bis hin zu Knochenbrüchen und natürlich grossen Verbrennungen».

Internationale Kritik

Die grosse Anzahl Tote aufseiten der Palästinenser überschattet nun auch die Freude über die Geisel-Befreiung teilweise. Josep Borrell, Chefdiplomat der EU, freute sich über die Geisel-Befreiung, fand aber gleichzeitig deutliche Worte zu Israels Vorgehen. So schreibt er auf X:

«Die Berichte über ein erneutes Massaker an Zivilisten sind entsetzlich.»

Weiter sagt Borrell, man verurteile dies aufs Schärfste. «Das Blutbad muss sofort enden», schreibt er. Der Weg dazu sei der Plan von Joe Biden für einen dauerhaften Waffenstillstand.

Noch deutlichere Worte gab es aus der Türkei. Das Aussenministerium in Ankara erklärte in einer Mittelung, Israel habe «mit diesem jüngsten barbarischen Angriff die Liste der Kriegsverbrechen erweitert». Die befreiten Geiseln wurden nicht erwähnt.

Die Hintergründe

Bei den befreiten Geiseln handelt es sich um Noa Argamani, 25, Amog Meir Jan, 21, Andrey Kozlov, 27 und Shlomi Ziv, 40. Sie alle waren am 7. Oktober von den Hamas-Terroristen auf dem Nova-Musikfestival entführt worden.

Es befinden sich noch immer diverse Geiseln in der Gewalt der Hamas. Hagari zufolge befinden sich noch 120 Geiseln im Gazastreifen. «Wir werden alles tun, um unsere Geiseln wieder nach Hause zu bringen», sagte er. Es wird allerdings befürchtet, dass ein Grossteil der noch im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln nicht mehr am Leben ist. (dab)

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197 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Hosesack
09.06.2024 19:30registriert August 2018
Das Aussenministerium der Türkei, klar Fachleute wenn es um Kriegsverbrechen geht.
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St. Holmenolmendolmen
09.06.2024 20:13registriert Mai 2015
2 Fakten: Erstens, die Leute waren jetzt über 8 Monate gefangen.
Zweitens, die internationale "Gemeinschaft" findet kein Rezept zum Umgang mit einer Organsation, die sich hinter den eigenen Zivilisten versteckt, um aus deren Leid Kapital zu schlagen und genau solche Reaktionen zu provozieren.
Vielleicht hätte Israel die Geiseln ja herausbeamen sollen?!
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Matt1988
09.06.2024 19:24registriert Juli 2020
Und was macht die EU? damit die Geiseln endlich freikommen? - Wann wird von europäischer Seite die Hamas kritisiert? Ich bin einverstanden mit der Kritik an Israels Regierung ABER mir fehlt entschieden die Verurteilung der Hamas!
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