International
Natur

Forscher warnen vor Tourismus zu schmelzenden Gletschern

KEYPIX - The Basodino Glacier seen from above, with rocks emerging from the retreating ice, ?Basodino Glacier in the Bavona Valley, Switzerland, on Saturday, September 6, 2025, seen from above.?(KEYST ...
Der Basòdino-Gletscher im Tessin von oben.Bild: keystone

Gletscher können laut Forschern «zu Tode geliebt» werden

09.02.2026, 17:00

Der Ansturm auf schmelzende Gletscher wird zum Problem. Laut Forscherinnen und Forschern könnte der Tourismus die fragilen Eislandschaften bedrohen, die er den Menschen eigentlich näher bringen will.

Das internationale Forschungsteam unter Leitung der Universität Lausanne (Unil) beleuchtet die Widersprüche, die sich aus diesem Phänomen ergeben, in einem am Montag veröffentlichten Kommentar in der Fachzeitschrift «Nature Climate Change».

Die Forschenden warnen darin davor, dass die Gletscherlandschaften von Touristinnen und Touristen «zu Tode geliebt» werden könnten, die einfach zum nächsten angesagten Reiseziel weiterziehen, sobald die Gletscher verschwunden sind.

«Last-Chance-Tourism»

Seit dem 18. Jahrhundert ziehen Gletscher Touristen an. Doch die durch den Klimawandel beschleunigte Gletscherschmelze hat das touristisches Interesse in den letzten Jahren stark ansteigen lassen. «Das Bewusstsein für den Klimawandel hat Gletscher als Touristenattraktion in einem Ausmass befördert, wie es Jahrhunderte des Tourismus nie getan haben», schreiben die Forschenden.

Unterwegs auf dem schwindenden Feegletscher

Video: watson/david indumi

Mehr als 14 Millionen Menschen besuchen jährlich die zehn bekanntesten Gletscherstandorte. Der Begriff «Last-Chance-Tourism» benennt dieses Verhalten, das laut den Forschenden von Alaska bis in die Alpen zu beobachten ist: Man will das Eis «noch einmal» sehen, bevor es verschwindet.

Touristische Anbieter reagieren laut den Forschenden darauf, indem sie das Narrativ erweitern: Wo früher vor allem die Schönheit der Gletscher im Zentrum stand, treten heute Information und Bildung stärker hinzu. So stehen vor vielen Gletschern etwa Tafeln, die ihren Rückzug quantifizieren.

Technische Flickarbeit

Um diesen Tourismusbetrieb aufrechtzuerhalten, greift die Branche zu technischen Anpassungen. Dazu gehört einerseits die Infrastruktur, die es braucht, damit Touristinnen und Touristen die Gletscher sehen können: Etwa Treppen und Stege, Seilbahnen oder Helikopterflüge.

Parallel versucht die Tourismusbranche, ihre wirtschaftliche Basis mit technischen Massnahmen zu sichern. So werden Gletscherzungen teils mit speziellen Geotextilien abgedeckt, um die Schmelze zu bremsen. Oder es wird «Snowfarming» betrieben: Schnee wird über den Winter gelagert, um ihn im Sommer nutzen zu können.

Solche Massnahmen sehen die Forschenden kritisch. Sie seien oft profitorientiert und würden die grundlegenden Ursachen des Klimawandels nicht angehen. So könnten sie laut den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern notwendige Veränderungen verzögern. Zudem bergen sie Risiken einer Fehlanpassung, also von Lösungen, die kurzfristig helfen, langfristig aber neue Probleme schaffen. So können Geotextilien zu Mikroplastikverschmutzung führen, und Helikopterflüge erhöhen den CO2-Fussabdruck.

Ausserdem stellt sich laut den Forschenden die Frage danach, wer von diesem «Gletscherboom» profitiert. Es bestehe die Gefahr, dass lokale Gemeinschaften mit den negativen Folgen wie Wasserknappheit oder Naturgefahren alleingelassen werden, während die Gewinne an externe Akteure fliessen.

Starke Symbole für den Klimaschutz

Neben den Risiken betont das Team aber auch: Gletscher entwickeln sich auf globaler Ebene zu starken politischen Symbolen für den Klimaschutz. Als Beispiele nennen die Forschenden die «Gletscher-Initiative» in der Schweiz, oder eine Petition in Indien, die zum Schutz eines fragilen Ökosystems ein Kletterverbot an einem Berg durchsetzte.

Die Konfrontation mit den schwindenden Gletschern löse bei vielen Menschen emotionale Reaktionen aus. Die Forschenden sprechen von einer «ökologischen Trauer». Dieses Gefühl des Verlusts vertrauter Landschaften führe auch zu neuen Ritualen. So fanden in den letzten Jahren in Island, der Schweiz und weiteren Ländern «Gletscher-Beerdigungen» statt.

Diese Zeremonien verbinden Gedenken mit Protest und sollen das öffentliche Bewusstsein schärfen. Ob diese Erlebnisse aber zu einem dauerhaft umweltfreundlicheren Verhalten führen, ist laut den Forschenden noch unklar.

Die Forschenden betonen, dass die Entwicklung des Gletschertourismus sorgfältig beobachtet werden müsse. Es brauche mehr Forschung, um gerechte und nachhaltige Lösungen für die betroffenen Regionen zu finden. (hkl/sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
13 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
SK R.I.P
09.02.2026 17:08registriert Dezember 2025
Sehr interessant! Ein weiteres Problem der Wohlstandsgesellschaft..
207
Melden
Zum Kommentar
13
Bad Bunny ist das, was die Welt jetzt braucht
Bad Bunny berührt mit seiner Halftime-Show des Super Bowl die Welt. Sein mächtigster Kritiker entlarvt sich derweil selbst.
«Das Einzige, was stärker ist als Hass, ist Liebe», leuchtete am Sonntag zum Ende der Halftime-Show des Super Bowl vom grossen Bildschirm im Stadion in die Welt hinaus. Der puerto-ricanische Künstler Bad Bunny hatte soeben Super-Bowl-Geschichte geschrieben und ein riesiges lateinamerikanisches Fest auf dem Footballfeld gefeiert.
Zur Story