Schildkrötenvolk vom Aussterben bedroht – wegen toxischer Männchen
Mitten im Dreiländereck von Nordmazedonien, Albanien und Griechenland liegt eine winzige Insel mit dramatischem Namen: Golem Grad, übersetzt «Grosse Stadt». Tatsächlich ist sie gerade einmal 18 Hektar klein. Das Eiland im Prespasee ist unbewohnt, bewaldet, von steilen Klippen umgeben und berüchtigt für seine vielen Wasserschlangen.
Doch die eigentliche Tragödie spielt sich nicht im Wasser ab, sondern an Land. Denn auf der sogenannten Schlangeninsel leben rund 1000 Exemplare der Griechischen Landschildkröte – und ihre Population steuert auf ein düsteres Ende zu.
19 Männchen kommen auf ein Weibchen
Die Art gilt eigentlich als langlebig. Doch auf Golem Grad ist das Geschlechterverhältnis völlig aus dem Gleichgewicht geraten: Auf ein Weibchen kommen 19 Männchen. Was erst einmal nur wie eine statistische Kuriosität klingt, hat fatale Folgen.
Seit 2008 beobachtet der Ökologe Dragan Arsovski von der Macedonian Ecological Society die Tiere, weiss der «Standard». Anfangs wirkte die Population dicht und stabil. Doch was sein Team in den folgenden Jahren dokumentierte, ist erschütternd.
Gruppen paarungswilliger Männchen verfolgen einzelne Weibchen regelrecht. Wenn diese erschöpft sind, stürzt sich die Gruppe auf sie. Die Männchen beissen – teils bis zum Blut –, besteigen und stossen die flüchtenden Weibchen mit ihren spitzen Schwanzenden. Laut der im Fachjournal Ecology Letters veröffentlichten Studie weisen rund drei Viertel der Weibchen Verletzungen im Genitalbereich auf.
Schildkrötenweibchen stürzen sich von Klippe
Die Dauerbelastung hinterlässt Spuren: Die Weibchen sind abgemagert, pflanzen sich seltener fort, legen kleinere Eier und haben deutlich geringere Überlebensraten als Artgenossinnen auf dem Festland.
Besonders verstörend: Forschende beobachteten mehrfach, wie sich Weibchen von den steilen Felsen ins Leere stürzten – obwohl die Tiere eigentlich gut klettern können. Ein Experiment brachte Klarheit. Arsovski simulierte eine Klippe in einem Aussengehege.
Weibchen vom Festland mieden den Abgrund. Viele Insel-Weibchen hingegen stürzten sich hinunter – besonders dann, wenn mehrere aggressive Männchen im Gehege waren. Manche wurden gedrängt. Doch nur die Insel-Weibchen sprangen freiwillig.
Prognose: Aussterben bis 2083
Mehr als 16 Jahre sammelte Arsovski Daten. Das Ergebnis ist bitter, denn wenn sich nichts ändert, wird das letzte Weibchen auf Golem Grad im Jahr 2083 sterben.
Die Forschenden sprechen laut Standard von einem «demografischen Suizid». Kein Lebensraumverlust, keine Raubtiere, kein direkter menschlicher Eingriff – die Population kollabiert allein durch das extreme Ungleichgewicht der Geschlechter. So ein Fall wurde in freier Wildbahn bislang noch nie dokumentiert.
Warum es auf der Insel so viele Männchen gibt, ist unklar. Auf dem Festland überwiegen eigentlich die Weibchen. Möglich wäre eine zufällige Entwicklung – oder ein menschlicher Eingriff. Besonders rätselhaft: In die Panzer der ältesten Männchen sind Zahlen eingeritzt. Woher sie stammen und was sie bedeuten, weiss niemand.
Selbst Arsovski tappt im Dunkeln. Trotz Gesprächen mit zahlreichen Menschen aus der Region gibt es keine Erklärung. Und während das Rätsel ungelöst bleibt, läuft für die Schildkröten die Zeit davon.
