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Jegliche Anzeichen von Fröhlichkeit untersagt: Nordkorea verbietet für 11 Tage das Lachen

17.12.2021, 08:4317.12.2021, 14:41

Man stelle sich vor: Der Bundesrat verbietet für elf Tage das Lachen oder das Weinen an einer Beerdigung. Und zwar, weil ein ehemaliger Bundesrat vor zehn Jahren gestorben ist. Unvorstellbar.

Doch in einer Diktatur kann genau das Realität werden: Den Nordkoreanern wurden elf Tage lang jegliche Anzeichen von Fröhlichkeit untersagt, um dem zehnten Todestag von Kim Jong-il zu gedenken. Die staatliche Trauer dauert bis zum 28. Dezember.

Der damalige Diktator Kim Jong-il während einer Militärparade mit seinem Sohn Kim Jong-un. (10. Oktober 2010).
Der damalige Diktator Kim Jong-il während einer Militärparade mit seinem Sohn Kim Jong-un. (10. Oktober 2010).Bild: AP/Kyodo News

So dürfen Nordkoreaner während dieser landesweiten Trauerzeit weder Lachen noch Alkohol trinken. Am 17. Dezember, dem Todestag von Kim Jong-il, ist es sogar untersagt, Lebensmittel einzukaufen. Ein Nordkoreaner aus der nordöstlichen Grenzstadt Sinuiju beschreibt die Realität in der Diktatur Nordkorea gegenüber Radio Free Asia (RFA) so:

«Während der Trauerzeit dürfen wir keinen Alkohol trinken, nicht lachen und keinen Freizeitaktivitäten nachgehen. Selbst wenn ein Familienmitglied während der Trauerzeit stirbt, darf man nicht laut weinen, und die Leiche muss nach der Trauerzeit weggebracht werden.»

Kollektive Trauer

Kim Jong-il regierte Nordkorea von 1994 bis zu seinem Tod im Jahr 2011. Er war der Vater des derzeitigen Obersten Führers Kim Jong-un.

Kim Jong-il (rechts) und dessen Vater Kim Il-sung (links) auf zwei Porträts während einer Trauerfeier (15. Dezember 2021) in Pyongyang.
Kim Jong-il (rechts) und dessen Vater Kim Il-sung (links) auf zwei Porträts während einer Trauerfeier (15. Dezember 2021) in Pyongyang.Bild: keystone

Die Trauerzeit für Kim Jong-il und dessen Vater Kim Il-sung, der als «Vater der Nation» gilt, wird jährlich abgehalten. Normalerweise dauert die Trauerzeit aber nur zehn Tage. In diesem Jahr wurde ein zusätzlicher elfter Tag Trauer verordnet, um den zehnten Todestag von Kim Jong-il gebührend zu zelebrieren.

Gebührende Trauer: Nordkoreaner legen Blumen nieder bei den überlebensgrossen Bronze-Statuen Kim Il-sung and Kim Jong-il auf den Mansu Hügel in Pyongyang (16. Dezember 2021).
Gebührende Trauer: Nordkoreaner legen Blumen nieder bei den überlebensgrossen Bronze-Statuen Kim Il-sung and Kim Jong-il auf den Mansu Hügel in Pyongyang (16. Dezember 2021). Bild: keystone

Gegenüber RFA erklärte der Nordkoreaner aus Sinuiju:

«In der Vergangenheit wurden viele Menschen, die während der Trauerzeit beim Trinken erwischt wurden, verhaftet und als ideologische Kriminelle behandelt. Sie wurden weggebracht und nie wieder gesehen.»

Auch dieses Jahr soll die Polizei angehalten worden sein, Personen, die nicht ausreichend verstört aussehen, zu verhaften. Dies berichtete RFA unter Berufung auf eine zweite Quelle aus der südwestlichen Provinz Süd-Hwanghae:

«Ab dem ersten Tag im Dezember werden Beamte die besondere Pflicht haben, gegen diejenigen vorzugehen, die der Stimmung der kollektiven Trauer schaden.»

Wegen Corona droht ein zweiter «Mühsamer Marsch»

Von den Nordkoreanern wird verlangt, dass sie sich während der Trauerzeit um Hungernde und Verarmte kümmern.

Allerdings leiden viele Nordkorea derzeit selber unter akuter Lebensmittelknappheit aufgrund der Coronavirus-Pandemie und der Wirtschaftssanktionen. Die Situation ist so prekär, dass bereits ein zweiter «Mühsamer Marsch» befürchtet wird.

In der Regierungszeit Kim Jong-ils starben Schätzungen zufolge innerhalb von vier Jahren (1994–1998) 3,5 Millionen Menschen während einer Hungersnot. Diese dunkelste Zeit der Geschichte Nordkoreas wird euphemistisch als «Mühsamer Marsch» bezeichnet.

«Unbeschreiblicher Traurigkeit»

Während ein Beamte der Stadt Tanchon gegenüber RFA verkündete, dass die diesjährige Trauerzeit von einer Kunstausstellungen, einem Gedenkkonzert und einer Ausstellung der Kimjongilia-Blume bestehen, sprachen sich einige wenige Einheimische auf RFA gegen die jährliche Tradition aus – anonym:

«Ich hoffe nur, dass die Trauerzeit für Kim Jong-il auf eine Woche verkürzt wird, so wie die Trauerzeit für Kim Il Sung. Die Einwohner leiden, da die Lebenden gezwungen sind, zwei Tote zu betrauern.»
Soldatinnen trauern um ihren Diktator Kim Jong-il (28. Dezember 2011).
Soldatinnen trauern um ihren Diktator Kim Jong-il (28. Dezember 2011).Bild: keystone

Als Kim Jong-il vor zehn Jahren verstarb, gingen Bilder um die Welt, auf denen zuckende, weinende und auf den Boden schlagende Bürger zu sehen waren. Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA meldete damals, dass Millionen Nordkoreaner von «unbeschreiblicher Traurigkeit» ergriffen seien. (yam)

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quelle: ap / evan vucci
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