Krimiautor Jo Nesbø sah die Probleme in Minnesota voraus
Gute Thriller-Autoren erfinden Schreckensszenarien, in denen sie reale Ereignisse und Entwicklungen voraussehen. Sie sind genauer am Puls der Zeit als ihre Kolleginnen und Kollegen von der ernsten Literatur, die oft nur ihre persönlichen Probleme ausbreiten. Krimischriftsteller wollen zuerst einmal gut unterhalten und schmuggeln ihre brisanten sozialen und politischen Diagnosen wie beiläufig in die Story hinein.
Einer, der das meisterhaft beherrscht, ist der 65-jährige norwegische Thriller-Gott Jo Nesbø. Mit seinem jüngsten Roman «Minnesota» (2025), der soeben auf Deutsch erschien, sticht er ins amerikanische Herz der Finsternis. Er, der teilweise in den USA aufgewachsen ist und sich immer wieder dort aufhält, erzählt davon, was die aktuellen Ereignisse im Bundesstaat Minnesota und speziell in Minneapolis ermöglicht hat.
ICE-Truppen treten wie Trumps Gestapo auf
Seit einem Monat macht die Abschiebebehörde ICE ihrem Schimpfnamen als Trumps Gestapo alle Ehre. In diesem Januar erschossen ICE-Agenten zwei unbescholtene US-Bürger. In Razzien gegen Immigrierte geht die Behörde äusserst brutal vor. Sogar einen fünfjährigen Jungen steckte sie ins Gefängnis. Erst nach heftigen Protesten zog der US-Präsident einen Kommandanten aus Minneapolis ab. Auch konservative Stimmen in den Vereinigten Staaten haben Angst vor einem Bürgerkrieg und diktatorischen Verhältnissen.
Jo Nesbø ist überzeugt, dass Demokratie und Meinungsfreiheit in Trumps USA keinen hohen Stellenwert mehr besitzen. Gewalt sei in viel grösserem Ausmass präsent als in Europa. Im Roman lässt er einen Einwohner von Minneapolis sagen: Nach dem, was in der Stadt vorgefallen sei, «ist hier nichts mehr so wie früher».
Unter Trump kriegt die Mittelklasse «auf die Fresse»
Er meint die Ermordung des schwarzen Einwohners George Floyd durch einen Polizisten im Jahr 2020. Das Ereignis habe die Stadt, in der viele Immigrierte leben, «zerrissen» und die Menschen extrem polarisiert. Dann sei gleich die Covid-Pandemie gekommen. In den 80ern litt die Stadt bereits an der Crack-«Pest». Hinzu kommt, dass längst nicht mehr nur die Ärmsten und Wehrlosen «auf die Fresse» kriegen, wie es im Buch heisst, sondern auch die Mittelklasse, die einst «das Rückgrat dieses Landes waren, jetzt der Dreck in der Mitte sind».
Sowohl unter den Immigrierten als auch unter den Weissen hoffen zwar viele auf den amerikanischen Traum, doch der erfülle sich vorwiegend für die Reichen und Mächtigen, die immer reicher und mächtiger werden. Wie Nesbø im Roman schreibt, würden die USA, was den amerikanischen Traum angeht, «ziemlich weit abgeschlagen auf der Liste der sozialen Mobilität rangieren», noch hinter ehemaligen Ostblock-Ländern.
Der Erzähler ist ein norwegischer Schriftsteller, der viel mit Nesbø gemeinsam hat und eine fiktive Mordserie in Minneapolis recherchiert, die 2016 stattfand, als noch alle glaubten, Hillary Clinton werde gegen das Grossmaul Donald Trump siegen. Minnesota wählt seit 50 Jahren verlässlich demokratisch, auch Minneapolis wird von einem Demokraten regiert. Dennoch gibt es viele, vor allem Weisse, die konservativ und rassistisch denken.
Als eine der grössten Freiheiten gilt in Minnesota das Recht auf Waffenbesitz. Die National Rifle Association RFA ist allmächtig. Der Bürgermeister von Minneapolis ist im Roman ihr grösster Lobbyist und schafft es, dass die gigantische Jahreskonferenz der RFA in der Stadt abgehalten wird. Allerdings hat es der Serienmörder genau auf Waffenhändler und -lobbyisten abgesehen, und es verdichten sich die Indizien, dass er an der Jahreskonferenz einen Anschlag auf den Bürgermeister plant.
Wie und warum Polizisten die Kontrolle verlieren
Das ist unglaublich spannend und atmosphärisch dicht erzählt. Aber noch mehr zieht einen in den Bann, wie der Autor Polizisten beschreibt, die völlig die Kontrolle verlieren. Sie schlagen schnell zu, wieder und wieder, bis das Nasenbein des Opfers gebrochen ist. Und noch auf den zusammengesackten Körper prügeln sie ein, bis das Blut aus dem Gesicht pumpt. Erst dann wird der Polizist von den Kollegen weggezogen.
Nesbø zeigt, wie und warum die Gewalt unter Beamten eskaliert. Private Desaster und Polizeiarbeit geraten durcheinander. Rivalitäten und rassistische Vorurteile im Corps führen dazu, dass man einander torpediert statt unterstützt. Manche fühlen sich von Trump bestätigt, der schon im Wahlkampf 2016 den Standpunkt vertrat, die Polizei müsse bei Verhaftungen härter zu Werke gehen. Zudem stecken etliche Beamte mit Kriminellen unter einer Decke. Wer wissen will, wie aus guten Menschen Monster werden können – im brillanten Thriller «Minnesota» von Jo Nesbø erfährt man es.
Jo Nesbø: Minnesota. Kriminalroman. Ullstein, 416 Seiten. (bzbasel.ch)
