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«Ein häufig verwendetes Mordmittel» – wurde bei Nawalny das KGB-Gift verwendet?

Die Ärzte der Berliner Charité haben Hinweise auf eine Vergiftung des Kreml-Kritikers Nawalny festgestellt. Auch die Wirkstoffgruppe des Gifts haben sie identifiziert – zu ihr gehört unter anderem das Sowjet-Gift Nowitschok.
25.08.2020, 10:2526.08.2020, 06:05
Jonas Mueller-Töwe / t-online
Nawalny kämpfte lange gegen Putin.
Nawalny kämpfte lange gegen Putin.Bild: AP

Der russische Oppositionelle Alexej Nawalny ist offenbar vergiftet worden. Ärzte der Berliner Charité führen seine plötzliche Erkrankung auf «eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer» zurück, wie die Klinik mitteilte.

Der deutsche forensische Toxikologe Thomas Daldrup ist überrascht, dass die Diagnose nicht bereits in Omsk gestellt wurde, wo Nawalny zunächst notbehandelt wurde. «Ärzte sollten die Symptome kennen», sagte Daldrup, der lange an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität gelehrt hat. «Krämpfe, Speichelfluss, feuchte Haut, enge Pupillen.»

Nicht nur, dass diese Symptome bei Nawalny zu beobachten gewesen seien, ein Test zur Bestimmung der Aktivität der Cholinesterase sei zudem Routine – aus gutem Grund. «Das als Insektizid verwendete E-605 oder Parathion ist ein Cholinesterase-Hemmer», sagte Daldrup.

Bis in die Achtziger Jahre sei es ein häufig verwendetes Mord- und Suizidmittel gewesen, nicht nur in Deutschland. Auch zu Unfällen damit kam es regelmässig. Da dieses Risiko auch weiterhin bestehe, sollte laut Daldrup das Gegenmittel Atropin in jedem Krankenhaus vorrätig gehalten werden.

Kreml warnt vor schnellen Rückschlüssen
Die russische Regierung hat die Einschätzung der Berliner Charité, dass der Regierungskritiker Alexej Nawalny vermutlich vergiftet wurde, als vorschnell bezeichnet.

«Wir verstehen nicht, warum es unsere deutschen Kollegen so eilig haben, das Wort »Vergiftung« zu verwenden», sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Dienstag in Moskau der Agentur Interfax zufolge. «Diese Version war eine der ersten, die unsere Ärzte in Betracht gezogen haben.» Um welche Substanz es sich handele, sei aber noch unklar, sagte Peskow.

Nach Angaben von Peskow «stimmt die medizinische Analyse der deutschen Ärzte absolut mit unserer überein, aber die Schlussfolgerungen sind unterschiedlich». Mit Blick auf die Mitteilung der Charité vom Vortag sagte Peskow: «Wir haben nichts Neues erfahren.» Russische Ärzte seien aber bereit, Proben der ersten Analyse den Ärzten in Berlin zur Verfügung zu stellen. (sda/dpa)

Zur gleichen Wirkstoffgruppe wie E-605 zählen laut Daldrup auch noch stärkere Nervengifte wie Nowitschok, VX oder Sarin. «Nowitschok und Sarin weisen eine wesentliche höhere Potenz als Parathion auf.»

Allen Giften sei gemein, dass sie ein Enzym blockieren, das zur Muskelentspannung durch Abbau von Acetylcholin dient. «Die Stoffe können oral aufgenommen werden, aber auch über den Kontakt mit der Haut. Kampfstoffe werden überwiegend als Aerosol in der Luft verteilt und von den Opfern eingeatmet.»

Welches Mittel für den Angriff auf Nawalny konkret zur Anwendung kam, ist weiter offen. Das in der Sowjetunion entwickelte Nowitschok erlangte durch den folgenschweren Anschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergei Skripal im britischen Salisbury Berühmtheit.

Als Verdächtige gelten mehrere russische Geheimdienstler. Das Gift kann beispielsweise durch Hautkontakt übertragen werden, der Kampfstoff Sarin auch über die Atemwege. Sarin kam zuletzt bei den Angriffen des syrischen Regimes in der Region Ghuta zum Einsatz, bei dem zahlreiche Zivilisten starben.

Bild: keystone

Die verzögerte Diagnose im Fall Nawalny erschwere vermutlich die Behandlung, sagte Daldrup. Nawalny war am Donnerstag während eines innerrussischen Flugs zusammengebrochen und daraufhin zur Notbehandlung ins Krankenhaus im sibirischen Omsk eingeliefert worden.

Erst am Samstag durfte er nach Deutschland ausgeflogen werden. «Nun könnten die Nervenschäden und die Schäden des Gehirns schon sehr weit fortgeschritten sein», sagte Daldrup t-online.de. «Es dürfte vermutlich eine längere intensivmedizinische Behandlung und Gabe des Antidots Atropin notwendig sein.»

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Alexej Nawalny

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Russland ist «höchstwahrscheinlich» verantwortlich

Video: srf

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31 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Coffeetime ☕
25.08.2020 10:42registriert Dezember 2018
Wen wundert es, dass russische Ärtzte keine solche Vergiftung nachweisen, geschweige behandeln wollen?
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Magnum
25.08.2020 11:09registriert Februar 2015
Die Indizien für einen Giftanschlag gerinnen zum Beweis.

Dass im Krankenhaus in Sibirien diese Vergiftung nicht erkannt und das bekannte Gegenmittel nicht verabreicht wurde, lässt tief blicken: Der Wunsch der Kremls hatte für die behandelnden Ärzte ganz offensichtlich mehr Gewicht als der Eid des Hippokrates.

Russland ist ein noch viel fauligerer Mafiastaat als ohnehin schon befürchtet.
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Magnum
25.08.2020 13:34registriert Februar 2015
Es ist wahrlich ein Armutszeugnis, dass in den Kommentaren zu einem Artikel, in dem es um einen weiteren Giftanschlag gegen einen Regimekritiker in Russland geht, mehrere Foristen gegen die NATO zu pöbeln beginnen.

Brave Putin-Minions am Werk: Wenn der Mist zu offensichtlich ist, um ihn noch abstreiten zu können, wird zu Bothsides-Whataboutismen gegriffen. Es ist wirklich nur noch beelendend.

Diese Art von fünfter Kolonne zynischer Alleinherrscher ist zum Glück vor allem laut, aber nicht stark an Argumenten oder Zahl. Und diese Trolle müssen wir wohl aushalten, als Teil unserer Freiheit.
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