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Vernichtender Angriff auf Russen-Kaserne – in Russland herrscht Entsetzen

Video: twitter/tendar

Vernichtender Angriff auf Russen-Kaserne – in Russland herrscht Entsetzen

03.01.2023, 16:2804.01.2023, 16:37
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In der Ukraine geht der russische Angriffskrieg auch im neuen Jahr weiter. Der vermeintliche Blitzkrieg wurde zu einem Zermürbungskrieg, der seit über 10 Monaten Opfer um Opfer auf allen Seiten fordert.

Gleich zu Jahresbeginn – in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar – gelang den Ukrainern ein grosser Coup gegen die Aggressoren: Ein Gebäude in der besetzten Stadt Makijiwka in der Ostukraine wurde dem Erdboden gleichgemacht. Es war einer der tödlichsten Angriffe in der Ukraine bisher. Dutzende bis hunderte russische Soldaten sind gestorben.

Es ist ein Debakel für die russische Militärspitze, eine Blamage für Putin. Auch, weil russische Propagandisten plötzlich Kritik an der Strategie des Kreml äussern. Das sagen sie:

Die offiziellen Statements

Bei einem Einschlag durch HIMARS-Raketen in eine provisorische Kaserne, die im Gebäude der Berufsschule Nr. 19 untergebracht war, seien 63 russische Soldaten in der besetzten Stadt Makijiwka in der Ostukraine getötet worden. Das vermeldete das russische Verteidigungsministerium am Montag.

Am Dienstagabend korrigierte der russische Generalleutnant Sergej Sewrjukow die Zahl dann nach oben. Nicht 63 Soldaten seien beim Angriff ums Leben gekommen, sondern 89. Sewrjukow räumte zudem eigene Fehler ein, die der Ukraine den vernichtenden Angriff ermöglicht hätten.

Demzufolge war der Hauptgrund für die «Tragödie», dass die Soldaten in der Neujahrsnacht trotz eines Verbots massenhaft ihre Mobiltelefone benutzt und damit die ukrainische Seite auf ihren Standort aufmerksam gemacht hätten.

Laut Sewrjukow will Russland die diensthabenden Offiziere zur Rechenschaft ziehen.

Der Generalleutnant bestätigte weiter, dass sechs Raketen von den Ukrainern abgefeuert worden waren, aber zwei der Geschosse noch vor dem Einschlag hätten abgeschossen werden können.

Es ist ein ungewöhnliches Eingeständnis für ein Militär, das schwere Verluste bislang nicht zugeben konnte.

Diese Vorgehensweise könnte darauf hindeuten, dass Russland die Oberhand über die Berichterstattung der Ereignisse behalten wolle, meint Dara Massicot, eine leitende Politologin bei der US-Denkfabrik Rand Corporation, gegenüber der «New York Times».

Das ukrainische Militär übernahm mittlerweile die Verantwortung für den Anschlag und gab an, dass «etwa 400» russische Soldaten starben – und «bis zu 10 Einheiten feindlicher Militärausrüstung» zerstört worden seien.

Wie hoch die Opferzahl tatsächlich ist, konnte bisher nicht unabhängig überprüft werden. Aber selbst die niedrigere Zahl von 89 würde einen der grössten russischen Verluste in einem einzigen Kriegsereignis im bisherigen Kriegsverlauf darstellen.

Videos, die in den sozialen Medien kursieren und Bilder, die von Nachrichtenagenturen mittlerweile verifiziert wurden, zeigen die Ruinen des Stützpunktes. Das ehemalige riesige Gebäude im Sowjetstil liegt in Trümmern.

Workers clean rubbles after Ukrainian rocket strike in Makiivka, in Russian-controlled Donetsk region, eastern Ukraine, Tuesday, Jan. 3, 2023. Russia's defense ministry says 63 of its soldiers ha ...
Aufräumarbeiten nach dem Angriff auf eine Berufsschule, die als Kaserne diente, 3. Januar 2023.Bild: keystone

Russland: Die Opfer waren selber schuld

In den sozialen Medien kursierte bereits unmittelbar nach dem Angriff die These, dass die russische Basis von den Ukrainern nur darum ausgemacht werden konnte, weil die ukrainischen Behörden an Silvester eine erhöhte Handyaktivität auf einem lokalen Funkmast in der Nähe des Gebäudes ausgemacht habe.

Das Ganze beruhte zuerst wohl auf einem Telegram-Post des russischen Staatsmediums TASS. Dort heisst es, dass durch die «aktive Nutzung von Mobiltelefonen durch die neu eingetroffenen Soldaten» die ukrainischen Streitkräfte den Standort der Russen hätten bestimmen können. Einige im Zuge der Teilmobilmachung einberufenen Reservisten hätten sich in dem Gebäude versammelt, um Neujahr zu feiern.

Die Schuld wurde also seitens des russischen Regimes auf die Opfer abgewälzt. Die Aussagen des russischen Generalleutnants Sewrjukow bestätigten diese Darstellung in der Folge.

Das führt zu harscher Kritik. Sogar Grey Zone, ein Telegram-Kanal, der mit den russischen Wagner-Söldnern in Verbindung steht, ist wegen dieser Unterstellung empört:

«Wie erwartet wurde die Schuld für das, was in Makijiwka geschah, den Soldaten selbst angelastet.»
This satellite photo from Planet Labs PBC shows a vocational school in the Russian-occupied town of Makiivka, Ukraine, Dec. 20, 2022. Satellite photos analyzed by The Associated Press on Tuesday, Jan. ...
Auf diesem Satellitenfoto steht die Berufsschule noch (Mitte). Aufgenommen am 20. Dezember 2022 von Planet Labs PBC.Bild: keystone

Kritik aus den russischen Reihen

Der Angriff sei «ein schwerer Schlag», schrieb der Sprecher der von Russland eingesetzten Regierung in Donezk, Daniil Beschonow. Und er zeigt sich reuig:

«Der Feind hat uns die schwersten Niederlagen in diesem Krieg zugefügt, nicht wegen seiner Coolness und seines Talents, sondern wegen unserer Fehler.»

Ein Vorwurf der Kritiker ist, dass Menschen zu nahe an einem Munitionslager untergebracht worden seien. Dies, weil die enorme Zerstörung des Gebäudes sowie die menschlichen Verluste nicht nur auf die HIMARS zurückzuführen seien, sondern auch darauf, dass Munition in demselben Gebäude gelagert wurde, in dem auch die zerstörte Kaserne war.

So schrieb der ehemalige Separatisten-Führer der Region Donezk, Igor Girkin, auf Telegram, dass hunderte von russischen Soldaten «noch unter den Trümmern liegen». Und er beschuldigte die russischen Generäle, unbelehrbar zu sein:

Ich habe bereits davor gewarnt, dass sich so etwas jederzeit wiederholen könnte, denn es war nicht die einzige derartige (extrem dichte) Anordnung von Personal und Ausrüstung in der Abschusszone von HIMARS-Raketen. Und ja, dies ist nicht der erste Fall dieser Art – auch im letzten Jahr gab es einige.

Girkin, der Drahtzieher hinter dem Abschuss des Fluges MA17 war, ist mittlerweile als Kritiker Putins bekannt. Er ist allerdings kein Kriegsgegner.

Igor Girkin
THE HAGUE - Photo of Igor Vsevolodovich Girkin. The investigation team in the case of bringing down flight MH17 comes with four arrest warrants. These are rebel leader Igor Girkin, his rig ...
Igor Girkin. Während der Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Abschuss des Malaysia-Airlines-Fluges 17 kam er erstmals ins Rampenlicht der internationalen Presse. Von einem Gericht in den Niederlanden wurde er später zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt und international zur Verhaftung ausgeschrieben.Bild: imago

Neben diesen Stimmen aus den besetzten Gebieten gibt es mehrere russisch-nationalistische Blogger, die durch ihre grosse Followerzahl sehr einflussreich sind. In Russland sind sie zu einer beliebten Informationsquelle über die Kämpfe in der Ukraine geworden. Die Blogger bekommen oft Bilder oder Kampfberichte zugespielt, die (unabhängigen und russischen) Journalisten nicht zugänglich sind.

Und auch einige dieser Blogger forderten nun öffentlich, dass die Kommandeure in Donezk bestraft werden müssen, da sie Soldaten neben einem Munitionslager untergebracht hatten. АРХАНГЕЛ СПЕЦНАЗА Z («Erzengel Spezialkräfte Z») schrieb an seine 700'000 Follower auf Telegram:

«Wer ist auf die Idee gekommen, Personal in grosser Zahl in einem Gebäude zu platzieren, wo selbst ein Narr versteht, dass es viele Verwundete oder Tote geben wird, sollte es selbst von Artillerie getroffen werden.»

Der «Erzengel» unterstellt den russischen Kommandeuren also, dass sie den Tod der Soldaten in Kauf nahmen, als sie sie in der Berufsschule unterbrachten, «obwohl sie wussten, dass sie sich in Reichweite ukrainischer Raketen befanden». Der Blogger schlussfolgert, dass der Kreml es versäumt habe, «kluge Kommandeure» in die Ukraine zu schicken.

Wladlen Tatarsky wurde noch deutlicher. Der Militärblogger, der sich noch im September an der Seite von Putin im Kreml hat ablichten lassen, forderte auf Telegram ein «Tribunal für die russische Militärführung» und bezeichnete Moskaus Spitzenoffiziere als «unerfahrene Idioten».

In einem weiteren Post rügt Tatarsky die Kommandeure, dass sie die Soldaten nicht in unterirdischen Räumen unterbrachten. Er fragt:

«Es sickern immer wieder Informationen über Unterkünfte durch (...). Ganze Städte wissen Bescheid. Ist es wirklich möglich, dass es nicht genügend unterirdische Einrichtungen gibt, um die Truppen im Untergrund unterzubringen?»
Vladlen Tatarsky
Wladlen Tatarsky.Bild: Screenshot Twitter @pampam698

In dasselbe Horn bläst Andrey Medwedew, ein kremltreuer Journalist und stellvertretender Vorsitzender des Moskauer Stadtparlaments:

«Die Unterbringung von Personal in Gebäuden statt in Bunkern hilft dem Feind direkt. Aus der Situation in Makijiwka muss man die härtesten Schlüsse ziehen.»

Putin hat in seiner Neujahrsrede – die nur wenige Stunden vor dem Angriff ausgestrahlt wurde – geschworen, die eklatanten Fehler und Schwächen seiner Streitkräfte zu korrigieren, die der Krieg ans Licht gebracht habe. Ganz im Zeichen dieser Entwicklung schreibt das Verteidigungsministerium: «Die Angehörigen und Freunde der toten Soldaten werden mit aller notwendigen Hilfe und Unterstützung versorgt.»

Der Journalist Alexander Newsorow – gegen den zurzeit ein Strafverfahren läuft, da er den Krieg mehrfach kritisiert hatte – glaubt aber nicht an die Worte des Kreml. Er beschrieb plastisch, warum wahrscheinlich nie abschliessend geklärt werden kann, wie viele Soldaten tatsächlich in Makijiwka unter den Trümmern der Berufsschule den Tod fanden:

«Ungezählte Leichen werden zurückbleiben, um unter Betontrümmern zu verrotten.»
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167 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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wasihrnichtsagt
03.01.2023 17:02registriert April 2018
Ich gratuliere der Ukraine für diese Treffer. Auch wenn es mich traurig stimmt, dass viele Junge Menschen sterben mussten. Offenbar müssen schlimmer Dinge passieren, dass im Russland die Stimmung sich klar gegen den Krieg wendet.
Ich wünsche allen betroffenen Menschen, dass der Krieg dieses Jahr endet.
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Blanda
03.01.2023 17:05registriert Mai 2015
Nichts gelernt aus 39-45 .. schlimmer noch..
Den Krieg glorifizieren, die Methoden kritisieren..
Ausser, es ist ein Sieg.. dann ist alles "nach Plan gelaufen"

da wird man immer wieder ohnmächtig.. auch nach 10 Monaten!
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Kommissar Rizzo
03.01.2023 17:04registriert Mai 2021
Wenn Inkomptentenz und Gleichgültigkeit auf Ignoranz und Naivität treffen...
Mir tun die zwangsrekrutierten Soldaten leid. Das einzig Positive daran ist, dass es wohl ein Nagel mehr in Sarg von Putin ist. Oder zumindest die Hoffnung darauf...
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