Ungarns Jugend beendet die Ära des «Viktators» und feiert eine historische Nacht
«Das ist der schönste Tag in meinem Leben», ruft der junge Ungar Zoli durch die hämmernden Beats. Es ist Sonntagnacht in Budapest. Jugendliche liegen sich in den Armen, andere schwenken Fahnen – und einige klettern überall hoch, wo sie nur können. In dieser Nacht gehört die Stadt den Jungen – und einem Gefühl, das in Ungarn für viele lange verloren schien: der Hoffnung, dass sich nun alles ändern könnte.
Noch vor wenigen Stunden schien ein solcher Moment unvorstellbar. Viktor Orban, seit 16 Jahren ununterbrochen ungarischer Ministerpräsident, hatte nochmals alle Register gezogen, um sein Amt zu verteidigen. Denn als klar wurde, dass Oppositionsführer und Tisza-Parteichef Péter Magyar immer populärer wird und eine Gefahr werden könnte, liess das Orban-Lager seltsame Skandale fabrizieren.
Die Bevölkerung hat genug von den ständigen Foulspielen
Zunächst versuchten anonyme Kriminelle, den Tisza-Oppositionsführer mit einem heimlich aufgenommenen Sexvideo zu erpressen. Dann verbreiteten Orbans Parteifreunde die Behauptung, Magyar sei ein kokainabhängiger Frauenschläger. Als das nicht ausreichte, um Magyars Popularität zu bremsen, folgten immer groteskere Vorwürfe. Orban-nahe Influencer behaupteten, Magyar sei schwul und habe vor Jahren betrunken vor seinen Kindern masturbiert. Sogar der Tod des Familienhundes wurde ihm zugeschrieben – angeblich habe er ihn in eine Mikrowelle gesteckt und so getötet.
In diesem rhetorischen Klima spielte sich der Wahlkampf ab – ein Wahlkampf, indem sich Viktor Orban auch weigerte, überhaupt mit seinem Herausforderer eine Fernsehdebatte zu führen. Entsprechend angespannt war die Stimmung in Ungarn bis zum Wahltag. Niemand wusste, wer überhaupt vorne lag. Regierungsnahe Institute veröffentlichten ausschliesslich Umfragen mit Vorteilen für Orbans Fidesz-Partei – im Widerspruch zu allen unabhängigen Erhebungen. Das Resultat war ein Umfrage-Wirrwarr.
Doch dann gingen die Ungarn am Sonntag scharenweise an die Urne. Die Wahlbeteiligung erreichte 79,5 Prozent – den höchsten Wert seit der Wende. Und sie bescherten dem Oppositionsführer Péter Magyar einen Erdrutschsieg. Seine Tisza-Partei gewinnt aus dem Stand 138 von 199 Sitzen und erreicht damit die nötige Zweidrittelmehrheit, um Verfassungsreformen durchzusetzen.
Der Sieger streckt den verfeindeten Wählern die Hand aus
Diesen Sieg erringt die Tisza-Partei mit einem Team von Leuten, die kaum Politikerfahrung mit sich bringen. Es sind Lehrer, Ärzte, Apotheker – Menschen aus der Zivilgesellschaft, die nun ins Parlament einziehen. Das markiert in der ungarischen Politiklandschaft eine historische Umwälzung. So treten diese neuen Tisza-Parlamentarier an die Stelle von Orbans Karrierepolitikern, die in einem bisher ungekannten Ausmass abgewählt wurden. Von 135 Fidesz-Parlamentariern bleiben nach diesem Sonntag noch 55 übrig.
Als dieses Resultat in der späten Sonntagnacht im ungarischen Fernsehen verkündet wird, brechen bei den Unterstützern der Tisza-Partei alle Dämme. Das Wahlkampfzentrum, direkt gegenüber dem Parlament auf der anderen Seite der Donau, verwandelt sich in einen Hexenkessel.
Unter tosendem Jubel tritt Magyar vor seine Anhänger. Nach einem ungarischen Schlager erklingt Frank Sinatras «My Way», bevor der Tisza-Chef am Rednerpult ankommt.
Dort schlägt er trotz des aggressiven Wahlkampfs versöhnliche Töne an. «Ich will ein Präsident für alle Ungarn sein, auch für jene, die mich nicht gewählt haben», sagt Magyar in Richtung der Fidesz-Wähler. Es sei Zeit, dass die Ungarn wieder zusammenfänden – als stolze Europäer. «Meine erste Reise wird nach Polen sein, um die historische Freundschaft wiederzubeleben. Danach gehe ich nach Österreich und als Drittes nach Brüssel.» Ein Hinweis darauf, dass er auch die schwierige Beziehung des Landes zur Europäischen Union neu ordnen will.
Ungarns Jugend organisiert spontan ein Fest der Euphorie
«Seid heute friedlich und feiert», ruft Péter Magyar der Menge zu. «Denn morgen beginnt die harte Arbeit, die Wunden der Ungarn zu heilen». Magyar erinnert seine Wähler auch an jene Helfer, die ihm in den schwierigsten Stunden zu Hilfe gesprungen sind. Da ist der Whistleblower Bence Szabó, ein Geheimpolizist, der aus Gewissengründen erst vor wenigen Wochen öffentlich gemacht hat, dass die Orban-Regierung den Geheimdienst nutzte, um die Tisza-Partei abzuhören und deren Computer wegen frei erfundenen Kinderpornografie-Vorwürfen zu konfiszieren.
Da ist auch der andere Whistleblower, Armee-Hauptmann Szilveszter Palinkas, der kürzlich enthüllte, wie Orbans Regierung die Armee politisiert. Und Soldaten dazu nötigt, im Dienst zu bleiben, auch wenn diese das nicht mehr wollen. «Diese beiden sind die Helden dieser Wahl», ruft Péter Magyar in die Menge. Und die Menge antwortet mit «Helden! Helden!»-Rufen.
Kurz nach 23.30 Uhr verabschiedet sich der künftige Ministerpräsident – und überlässt den Platz ganz seinen Anhängern. Aus den Lautsprechern dröhnt eine Mischung aus internationalen Hits und Techno. Der Platz beginnt zu tanzen. Immer mehr junge Menschen strömen ans Donauufer.
Einige von ihnen haben Tränen in den Augen. Liliana, eine junge Frau, die im Kulturministerium arbeitet, spricht von einem Moment, auf den sie jahrelang gewartet habe. «Jetzt hört der Streit mit der EU endlich auf! Wir brauchen nämlich die Fördermittel für Programme für Kinder.»
Sie sorgt sich um die Zukunft, und hofft, dass nun Schluss mit der Vetternwirtschaft im Land ist. «Und mehr Freiheit will ich».
Die grosse Hoffnung auf ein besseres Leben im korrumpierten Staat
Auch das Pärchen Ádám und Patricia ist ausser sich vor Freude. «Niemand hat geglaubt, dass wir es schaffen – und wir haben es geschafft», sagen sie. Jahrelang hätten regierungsnahe Medien die Opposition schlechtgeredet. Nun hoffen sie, dass sich auch das ändert.
Besonders kritisch sehen die beiden den Umgang der Regierung mit der Europäischen Union und dem Krieg in der Ukraine. «Es wurde ein Bild erzeugt, als würden wir die Ukraine hassen oder von ihr bedroht werden – das war Unsinn», sagt Ádám. Für das Paar ist der Unterschied klar: Während Magyar die Menschen zusammenführen wolle, habe Orban das Land gespalten.
Für die Zukunft wünschen sie sich vor allem eines: Konsequenzen. «Wir hoffen, dass die Verantwortlichen für Korruption zur Rechenschaft gezogen werden», sagt Patricia. Und dass jene EU-Gelder zurückkehren, die Ungarn zustehen. «Jetzt muss sich zeigen, dass sich wirklich etwas verändert.»
Es sind diese jungen Menschen, die Magyar zum Sieg verholfen haben. Umfragen zufolge holte seine Partei mehr als 60 Prozent der Stimmen der 18- bis 29-Jährigen. Orbans Fidesz dagegen bleibt eine Bastion der Älteren – nirgends ist sie so stark wie bei den Über-64-Jährigen.
Der Generationengraben ist der auffälligste bei dieser Wahl. Lange hatten Politikwissenschafter einen klassischen Stadt-Land-Gegensatz erwartet: Orban als Liebling der Landbevölkerung, Magyar als Favorit der Städte. Doch es kam anders. Auch auf dem Land entschied sich eine deutliche Mehrheit gegen Orban.
Der entscheidende Faktor waren – wie Magyar selbst in seiner Rede betont hat – die jungen Ungarn. Sie haben ihn über die Ziellinie getragen. Und sie haben ihre Zukunft mit dieser Wahl in die eigene Hand genommen.
Ungarns Jugend ist konservativ, aber nicht isolationistisch
Entsprechend gross ist die Freude in dieser historischen Nacht. Die Musik vom Donauufer ist bis in die frühen Morgenstunden in der ganzen Umgebung zu hören. Menschen liegen sich in den Armen, tanzen, lachen. Aussergewöhnlich viele tragen ungarische Flaggen, manche haben sie sich sogar ins Gesicht gemalt. Immer wieder werden auch EU-Fahnen geschwenkt.
Die ungarische Jugend hat sich an diesem Abend klar zu Europa bekannt. «Russen, ab nach Hause», rufen sie zwischendurch – ein Echo eines historischen Widerstand-Slogans. Die jungen Ungarn, oft als besonders die vielleicht konservativste Jugend in Europa beschrieben, haben offenbar genug vom Isolationismus und dem politischen Egoismus unter Viktor Orban.
Gegen halb drei gehen die Lichter der Fischerbastei hoch über Budapest aus. Die Stadt wird dunkler. Doch die jungen Ungarn feiern weiter. Sie brauchen heute Nacht kein Licht mehr. Die Musik – und die Aussicht auf die Zukunft, die sie sich in dieser Nacht selbst erkämpft haben – trägt sie noch mindestens bis in die frühen Morgenstunden weiter.
