Dieses Gift wurde bei der mutmasslichen Ermordung Nawalnys verwendet
Der russische Oppositionelle Alexei Nawalny ist in Haft vergiftet worden. Das haben fünf europäische Staaten Mitte Februar erklärt, nachdem sie Gewebeproben von Nawalnys Leichnam in Laboren untersuchen liessen. Die Regierungen von Grossbritannien, Frankreich, Deutschland, Schweden und den Niederlanden betonen weiter, dass nur der russische Staat die Mittel, den Zugang und das Motiv gehabt habe, Nawalny das Gift zu verabreichen.
Die Regierungen haben den Fall der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) gemeldet, weil ein solcher Einsatz von Toxinen ein Verstoss gegen internationale Abkommen ist. Russland streitet die Vergiftung des Oppositionellen ab und spricht von einer natürlichen Todesursache.
Nawalny ist im Jahr 2020 schon einmal vergiftet worden. Nachgewiesen wurde das damals unter anderem vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie der deutschen Bundeswehr. Der Oppositionelle überlebte den Anschlag durch das Gift Nowitschok, das der russische Geheimdienst schon in anderen Fällen angewendet hat. Belegt ist der Giftanschlag mit Nowitschok in London auf den Doppelagenten Sergej Skripal im Jahr 2018.
Zweite Vergiftung Nawalnys mit Epibatidin
Diesmal allerdings wurde in Nawalnys Gewebeproben nicht Nowitschok entdeckt, sondern Epibatidin, das Gift des südamerikanischen Pfeilgiftfrosches. «Epibatidin ist ein sehr starkes Nervengift», sagt Claudia Seidenschwanz, Sprecherin des Unterstützungskommandos der Bundeswehr.
In Russland lebt dieser tropische Frosch selbstverständlich nicht. «Epibatidin lässt sich in spezialisierten Forschungslaboren aber durchaus auch künstlich herstellen», sagt Seidenschwanz. Epibatidin könne man leicht kaufen, ergänzt Eva Ringler, ausserordentliche Professorin an der Universität Bern, die schon viele Jahre an Pfeilgiftfröschen forscht.
Epibatidin ist ein Nervengift, das direkt auf die Synapsen im Hirn wirkt und dort die Nervenzellen aktiviert. Anders gesagt: An den Nervenschaltstellen verursacht das Froschgift erst eine starke Überreizung, gefolgt von einem vollständigen Abbruch der Nervenüberleitung. Deshalb ist die Wirkung extrem schnell. «Nicht so wie zum Beispiel beim langsam wirkenden, zellauflösenden Gift vieler Schlangen», sagt Ringler, und Seidenschwanz ergänzt, dass Epibatidion extrem giftig sei: «Bereits sehr kleine Mengen können tödlich sein.»
Schnell eintretende starke Symptome
Typische Beschwerden bei einer Vergiftung sind zuerst Unruhe, hoher Blutdruck, schneller Puls, starker Speichelfluss, Zittern und Muskelzuckungen. Daraufhin können schwere Krampfanfälle, Bewusstlosigkeit, Muskellähmungen und Kreislaufprobleme auftreten.
Der Tod tritt meist durch Atemstillstand ein, weil sowohl die Atemmuskulatur wie auch der zentrale Atemantrieb im Gehirn gelähmt werden. Zusätzlich kann das Herz-Kreislauf-System versagen, wenn der Körper durch Krämpfe und Sauerstoffmangel überlastet wird. Theoretisch gäbe es ein Gegenmittel gegen das Gift, das müsste allerdings sehr schnell zur Verfügung stehen, was unrealistisch ist.
«Epibatidin hat eine schmerzstillende und betäubende Wirkung, die 200 Mal so stark ist wie jene von Morphium», sagt Ringler. Deshalb wurde das Toxin in der Forschung zeitweise als mögliches starkes Schmerzmittel untersucht, wie Seidenschwanz erläutert. Die Entwicklung wurde aber wieder aufgegeben, weil die Möglichkeit der therapeutischen Anwendung extrem gering ist. «Die Dosis, die Schmerzen lindert, liegt sehr nah an der Dosis, die schwere Vergiftungen oder den Tod verursacht. Ein breiter Einsatz zur therapeutischen Schmerzlinderung liegt deshalb nicht in einem angemessenen Verhältnis von Risiko und Nutzen», erklärt Seidenschwanz.
Frösche nehmen Gift über Nahrung auf
Pfeilgiftfrösche, von denen die giftigen vor allem in Kolumbien und Ecuador leben, können das Nervengift gar nicht selbst herstellen. Sie nehmen die Giftstoffe aus ihrer Nahrung auf und speichern sie in der Haut. In ihren Lebensräumen in Mittel- und Südamerika fressen die nur wenige Zentimeter grossen Frösche Ameisen, Milben, Termiten, kleine Käfer, Schnecken und Würmer. «Viele dieser Tiere enthalten Alkaloide», sagt Ringler. Alkaloide sind zum Beispiel Nikotin oder Koffein. Ihre Tiere an der Uni Bern und jene im Zoo Zürich sind nicht giftig, weil sie diese Nahrung gar nicht erhalten.
Über die Verdauung werden die toxischen Substanzen in die Haut weitergeleitet. Dadurch werden die Frösche giftig und sondern das Epibatidin über spezielle Hautdrüsen wieder ab. Je nach Nahrung haben die Pfeilgiftfrösche einen unterschiedlichen Giftcocktail in der Haut. So gibt es nicht nur das Epibatidin, sondern auch Batrachotoxin und Pumiliotoxin. «Rund 200 bis 300 verschiedene Gifte sind bekannt, verschiedene Giftpfeilfroscharten können eine Vielzahl von Giften in der Haut einlagern», sagt Ringler.
Bei den giftigsten Arten reicht nur schon eine Berührung für die Vergiftung eines Menschen. Dafür braucht es keine offene Wunde, eine leichte Schürfung oder Verletzung reicht. Bei den natürlichen Fressfeinden der Pfeilgiftfrösche vergiften sich die Angreifer aber auch über die Schleimhäute, insbesondere im Mund. Dann, wenn ein Fressfeind in den Frosch beisst.
Das Gift haben sich die indigenen Völker vornehmlich in Kolumbien zu Nutze gemacht, welche ihre Pfeile über die Haut der Frösche gestreift haben, um diese mit Blasrohren auf Beute zu schiessen. Daher rührt der Name Pfeilgiftfrosch. Ein getroffenes Tier wird innert Sekunden gelähmt oder getötet.
Trotz allem haben die Pfeilgiftfrösche noch Fressfeinde. Verschiedene Vögel, Spinnen und Schlangen haben im Laufe der Evolution durch Mutationen Mechanismen entwickelt, die sie für das Gift unempfindlich machen.
Ringlers Forschung hat zum Ziel, zu zeigen, welche spannende Lebensweisen die über 300 Pfeilgiftfrosch-Arten haben. Diese Frösche zeigen eine erstaunliche Palette an komplexen Verhaltensweisen wie Brutpflege, räumliches Lernen und Territorialität. Leider sind viele Pfeilgiftfrösche in ihrem Bestand gefährdet durch Lebensraumverlust und Klimawandel.
Sie werde immer wieder gefragt, warum sich die Frösche mit ihrem Gift nicht selbst vergifteten, sagt die Uni-Professorin Ringler. Einer der Gründe sind Veränderungen in den molekularen Prozessen, wie zum Beispiel jene der Rezeptormoleküle, an die die Giftstoffe normalerweise binden. Bei den Fröschen sind die Bindungsstellen, also die Rezeptoren, verändert, so dass sie sich nicht mit dem tödlichen Toxin vergiften. (aargauerzeitung.ch)
