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Nikolai Alexeyew (rechts) wird an der Moskau Pride 2015 von einem Gegendemonstranten angegriffen.
Nikolai Alexeyew (rechts) wird an der Moskau Pride 2015 von einem Gegendemonstranten angegriffen.
Bild: EPA/EPA

«Biggest Pain in the Ass» – der russisch-schweizerische Homo-Aktivist, der Putin verklagt 

Ein gebrochener Finger, Dutzende Verhaftungen, eine Entführung: Nikolai Alexeyew nimmt vieles in Kauf, um die Rechte von Homosexuellen und Transgender in Russland zu verbessern. Dabei ist er selbst nicht unumstritten. Treffen mit einem Unbeugsamen.
05.10.2017, 20:0906.10.2017, 11:49

Das erste Bild, das man von Nikolai Alexeyew im Netz findet, zeigt ihn in einer unvorteilhaften Lage: das Gesicht frontal in die Kamera gerichtet, die Augen geschlossen, die Backenmuskeln unnatürlich angespannt, die Unterlippe zur Seite geschoben. Es ist 2013, Gay Pride in Moskau, und Alexeyews Gesicht wird gerade mit der Kraft von 1000 Newton deformiert.

Faustschlag gegen den Schwulenaktivisten Alexeyew bei der Moskau Pride 2013.
Faustschlag gegen den Schwulenaktivisten Alexeyew bei der Moskau Pride 2013.
Bild: imgur

In echt sieht Alexeyew entspannter aus. Wir treffen uns in der Lobbybar eines anonymen Hotelkomplexes im Oerliker Industriegürtel, etwas ausserhalb von Zürich-City. Mannshohe Fenster schotten die Hotelgäste ab, draussen herrscht Volksfeststimmung, Schweine quieken, Halbstarke umringen den Hau-den-Lukas; Landwirtschaftsmesse, das Land ist zu Gast in der Vorstadt. Nicolai Alexeyew schaut müde aus kleinen Augen, am Morgen ist er mit dem Flugzeug von Moskau angekommen, am Mittag hatte er einen Termin beim SRF. Jetzt fläzt er sich im Sessel, das Handy vor sich auf dem Tisch, bestellt eine Cola und beginnt zu erzählen. Die druckreifen Sätze zeugen von einem halben Erwachsenenleben vor der Kamera, Alexeyew weiss, was er sagen muss, um die Medien hellhörig werden zu lassen. Und er weiss, was er sagen muss, um sie zu besänftigen. Meistens provoziert er.

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Schwul sein in Russland ist eine Normabweichung. Und es ist gefährlich. Zwischen 2011 und 2016 wurden laut Angaben der Medienplattform «Opendemocracy» 149 Menschen wegen ihrer sexuellen Ausrichtung getötet und 214 weitere körperlich verletzt. Die russisch-orthodoxe Kirche bezeichnet Homosexualität als «Satanswerk» und warnt vor den schädlichen Einflüssen von «Gayropa», führende russische Politiker brüsten sich damit, anti-homosexuelle Gesetze zu erlassen, und wer schwul ist und in den Kurven der grossen Moskauer Fussballklubs steht, sollte das besser niemandem ins Ohr flüstern. Der typische Tagesablauf eines Schwulen? «Du gehst am Morgen aus dem Haus und weisst nicht, ob du am Abend wieder zurückkehren wirst.»

Nikolai Alexeyew in einem Hotel in Zürich Oerlikon.
Nikolai Alexeyew in einem Hotel in Zürich Oerlikon.
bild: watson

Seit 2005 kämpft Alexeyew für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transgender in Russland. Damals wollte er die erste Pride in Moskau veranstalten, ein Umzug von Schwulen, Lesben und Transgender. Was in anderen europäischen Staaten im 21. Jahrhundert längst eine fest im Kulturkalender verankerte Massenveranstaltung ist, kann in Russland zu Knochenbrüchen, Verhaftungen oder Schlimmerem führen. Fünf Jahre lang schmetterte der Moskauer Bürgermeister alle Begehren Alexeyews und seiner Mistreiter ab. Eine Klage in Strassburg war derweil hängig. Die Prides wurden illegal abgehalten, ein paar Dutzend Homosexuelle und Transsexuelle trafen sich in den Strassen der russischen Hauptstadt, Spalier standen organisierte Neonazi-Schlägertrupps, die aus ihrer Verachtung gegenüber den «gottlosen Schwuchteln» keinen Hehl machten, im zweiten Kordon die Polizeikräfte, welche die Schläger erst gewähren liessen und die Aktivisten dann unsanft in Einsatzwagen bugsierten.

Jetzt ist Alexeyew wieder an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gezogen. Und hat einen ersten Sieg errungen. Der EGMR rügte Moskau im Juni für das Gesetz gegen sogenannte ‹Schwulenpropaganda›. Das Gesetz verstosse gegen die Meinungsäusserungsfreiheit und das Diskriminierungsverbot. Moskau erliess das Gesetz, das positive Äusserungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder über Medien unter Strafe stellt. Offiziell sollte es laut Regierungsangaben Schwule schützen. In der Realität führt es dazu, dass Homosexuelle zu einem Leben unter einer Käseglocke verurteilt sind. Moskau will, dass das so bleibt. Die russische Regierung ist gegen den Entscheid der Strassburger Richter in Revision gegangen.

Alexeyew wird bei der Moskau Gay Pride 2013 verhaftet.
Alexeyew wird bei der Moskau Gay Pride 2013 verhaftet.
Bild: AP/AP
    Russland
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Alexeyew kennt das Spiel. Er macht es schon seit zwölf Jahren mit. Der Zug durch die russischen Instanzen ist ihm so vertraut wie wohl kaum einem anderen Juristen. Er endet immer gleich: mit einer abschlägigen Antwort des Russischen Verfassungsgerichts. Dann geht es nach Strassburg, an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof, wo sich mittlerweile Hunderte Klagen von Alexeyew und seinen Mitstreitern häufen. 2010 hat er gewonnen, die Richter am EGMR erklärten das wiederholte Verbot der Moscow Gay Pride für unvereinbar mit der Versammlungsfreiheit und dem Diskriminierungsverbot. Und jetzt eben die Klage gegen das Schwulenpropaganda-Gesetz. Alexeyew ist sich sicher, dass sie auch vor der Grossen Kammer des EGMR gewinnen werden.

Umstritten in der Community

Unumstritten ist Alexeyew aber auch innerhalb der LGBT-Community nicht. Wo der 39-Jährige eine Mauer sieht, die niedergerissen werden muss, sehen andere Schwule einen Gartenzaun. Man kann sich arrangieren in Russland als Homosexueller. Man lebt dann in einem Käfig. Ein goldener Käfig, dessen Farbe langsam abblättert, auch, weil Leute wie Alexeyew immer wieder dagegen treten.

«Die 90er-Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs für Schwule und Lesben», sagt Alexeyew. 1993 wurde Homosexualität in Russland entkriminalisiert, in den grossen Städten im Westen schossen die Gay-Clubs und Gay-Magazine wie Pilze aus dem Boden. Der wilde Kapitalismus herrschte in Russland, niemand kümmerte sich darum, wer was genau tat. «Und inmitten dieser ganzen Euphorie haben die Schwulen und Lesben dann vergessen, dass man eben auch kämpfen muss für die Sache.» Der Mehrfrontenkrieg bricht dann manchmal auch auf Dating-Portalen aus: «Wenn ich bei ‹Grindr› oder ‹Hornet› jemanden anschreibe, bekomme ich nicht selten eine Message zurück wie ‹du bist doch der Typ, der uns das Leben so schwer macht, du zerstörst unsere Zukunft›». Alexeyew macht eine Pause, lehnt sich zurück und sagt dann ohne Pathos: «Aber ich weiss, dass ich auf der richtigen Seite der Geschichte stehe.»

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Politisch konservativ

Wo andere ihr Engagement für Homosexuellen-Rechte in den Dienst einer Partei oder politischen Bewegung stellen, bleibt Alexeyew bewusst im Ungefähren. «Es sind zwei verschiedene Sachen, Politik und Menschenrechte», er wolle beides voneinander trennen. Vor allem aus taktischen Gründen. «Wenn morgen Wladimir Putin anruft und mich zu einem Gespräch einladen würde – ich würde sofort zusagen. Das Gleiche gelte für die sogenannte Opposition.» Den Vorwurf des Opportunismus tut der 39-Jährige mit einem Schulterzucken ab. «Es ist ohnehin müssig, sich darüber Gedanken zu machen, keine politische Partei unterstützt die Rechte der Homosexuellen.»

Fragt man Alexeyew nach seiner politischen Ausrichtung, zögert er erst, dann gerät er in Fahrt. Europa sei daran, sich selber zu zerstören. «Die Flut an Migranten wird zum Niedergang des Westens führen.» In solchen Momenten tönt Alexeyew fast wie Putin, der die Schwäche und die Dekadenz des Abendlandes bei jeder Gelegenheit anprangert.

Alte Antisemitismus-Vorwürfe

Einmal hätte er, der Unbeugsame, fast aufgegeben. 2013, kurz vor einer werbewirksamen Tour durch die USA, lieferte er sich auf Social Media einen Kleinkrieg mit einem anderen Journalisten. Er retweete Nachrichten antisemitischen Inhalts, postete auf Facebook Kommentare zu jüdischem Wodka, der aus Sperma hergestellt worden sei. Später verteidigte er sich damit, dass er jüdische Freunde habe und der Stiefvater seiner Mutter jüdisch sei. Aber da war es schon zu spät. «The Strange Sad Case of Nikolai Alexeyew», titelte ein bekanntes Online-Schwulenportal, «The Daily Beast» schrieb über den tiefen Fall des Schwulenrechtlers. Es war, als ob Alexeyew politischen Suizid begehen wollte.

So denkt Russlands Präsident Putin über Homosexuelle:

«Total lächerlich», sei das gewesen, «verrückt», sagt Alexeyew jetzt in der Hotellobby. Er könne sich nicht einmal mehr richtig daran erinnern, was der Anlass der Sache gewesen war, es sei wohl um den Palästina-Konflikt gegangen. Er habe nie die jüdische Identität beleidigen wollen, nur sage er halt die Dinge geradeheraus und komme so manchmal etwas schroff rüber. Und überhaupt: Er bezeichnet sich selber auch als «Schwuchtel», da könne doch «jüdisch» auch nicht beleidigend rüberkommen. Alexeyew macht eine Handbewegung, alte Geschichte, lange her, er will jetzt über etwas anderes reden. «Sie haben noch keine Frage zu Tschetschenien gestellt.»

Tschetschenien also. In diesem Frühjahr machten grausame Schlagzeilen aus der autonomen Republik im Nordkaukasus die Runde. Tschetschenien betreibe Konzentrationslager, in denen Schwule gefoltert und ermordet werden, berichteten nacheinander die regierunskritische «Nowaja Gaseta», «Vice», «Guardian» und «Spiegel Online». Auch watson hatte einen Bericht über die Lage in Tschetschenien aufgeschaltet. Belege, dass Konzentrationslager existierten, lieferte niemand. Eine Hilfsorganisation sammelte Geld, um Homosexuelle aus Tschetschenien die Flucht in den Westen zu ermöglichen. Alexeyew regt sich fürchterlich darüber auf. «Natürlich ist die Situation in Tschetschenien für LGBT katastrophal», aber mit solchen reisserischen Schlagzeilen sei niemandem geholfen. Der Westen übertreibe manchmal mit der Berichterstattung. «Schwul sein in Russland ist nicht immer angenehm, aber es ist kein Asylgrund.» Die Genfer Konvention äussere sich da unmissverständlich. Staatliche Verfolgung garantiere Asyl. «Aber wir werden nicht vom Staat verfolgt, er schützt uns bloss nicht vor Übergriffen durch Dritte.»

Gay Pride 2010

Alexeyew kritisiert auch die Arbeit von institutionalisierten LGBT-Organisationen, die «Millionen verschwendeten. Und wofür? Für endlose Sitzungen, Seminare, Meetings und Conference Calls». Er selber kämpft lieber weiter vor Gericht und mit aufsehenerregenden Aktionen für die Rechte der LGBT. Finanziert werde er alleine durch Spenden von Privatpersonen, alles unabhängig, die Moscow Pride habe noch keinen einzigen Cent durch ausländische Organisationen erhalten – «auch wenn meine Gegner nicht müde werden zu behaupten, dass ich vom Westen gesponsert sei.»

Die Mühlen der Justiz zu durchlaufen sei zwar langwierig, aber auf lange Frist die erfolgsversprechendste Strategie, sagt Alexeyew. «Es kann Jahrzehnte dauern, oder Jahrhunderte, aber ich will Gerechtigkeit.» Nach dem Termin beim Schweizer Fernsehsender wird Alexeyew nach Genf reisen zu seinem Partner, einem Schweizer Geschäftsmann. Die beiden sind seit mehreren Jahren zusammen, seit Dezember 2016 hat Alexeyew die Schweizer Staatsbürgerschaft. Wieso gibt er den russischen Pass nicht ab? «Nichts würde Russland mehr freuen, aber meine Mutter lebt in Moskau und ich kann ihr das nicht antun. Ausserdem will ich den Behörden weiterhin ‹the biggest pain in the ass› sein.»

Mit kleidertragenden Männern gegen Homophobie

Video: srf/SDA SRF
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