Wie die Welt über das Versagen von Crans-Montana berichtet
Kaum hatte Gemeindepräsident Nicolas Féraud Fehler der Behörden eingeräumt, veröffentlichte die italienische Tageszeitung «La Repubblica» eine vernichtende Analyse zur Brandkatastrophe in Crans-Montana. Darin stellte sie das Selbstverständnis der Schweiz infrage: «Wir dachten, die Schweiz sei das Land der Regeln, der Präzision und der manischen Kontrollen.» Aber nein. «Sogar das tugendhafteste Land kann scheitern», schreibt der italienische Redaktor, der sich sonst mit Korruption und Mafia befasst.
Er stellt Italien, bekannt für lähmende Bürokratie und Ineffizienz, der Schweiz gegenüber. Und spricht von einer «verkehrten Welt, in der sich Italien als strenger und die Schweiz als zerbrechlicher erweist».
Das Bild eines «perfekten» Landes, das in sich zusammenfällt, zeichnen auch andere italienische Zeitungen. So schrieb die Mailänder Tageszeitung «Il Giornale» am Mittwoch von einem «schwarzen Loch», das in der Schweiz eigentlich unmöglich erscheine. Das Onlineportal «Globalist» hatte bereits Tage zuvor getitelt: «Ein Drama, das den Mythos der Perfektion zum Einsturz bringt.» Die Schweiz müsse der Realität ins Auge sehen, forderte das Portal.
Die Regierung hat den Tenor gesetzt
Die mediale Berichterstattung in Italien fügt sich in scharfe Worte der Regierung um Matteo Salvini ein, der am Freitag «in der zivilisierten Schweiz» harte Gefängnisstrafen «für mehrere Personen» gefordert hatte. Damit war der Tenor gesetzt – auch vor dem Hintergrund der inzwischen sechs bestätigten italienischen Todesopfer.
Nebst der Schweiz beklagt nur Frankreich mehr Verstorbene als Italien. Hier verzichteten die Medienhäuser nach dem Fehlereingeständnis der Behörden aber auf Rundumschläge. «Schwerwiegende Verstösse nachgewiesen», überschrieb der grösste französische Fernsehsender TF1 seinen Beitrag, der ausführlich auf die Pressekonferenz einging. Die Zeitung «Le Monde» sprach mit Einwohnerinnen und Einwohnern von Crans-Montana über das Behördenversagen und erhielt «Wut» und «Scham» als Reaktionen – beliess es jedoch bei dieser Reportage und einem Newstext.
Ähnlich sachbezogen fiel die Berichterstattung im nördlichen Nachbarland aus: «Über jahrelang versäumte Kontrollen herrscht Fassungslosigkeit», sagte die Moderatorin der deutschen ARD in der Tagesschau. Und die Frankfurter Allgemeine schrieb vom «zutiefst» betroffenen und «in vielerlei Hinsicht» ahnungslosen Gemeindepräsidenten, der Fehler eingestanden habe.
Auch die ganz grossen Medienhäuser der Welt – von der BBC bis zur New York Times – berichteten darüber, dass die Bar «Le Constellation» während fünf Jahren nicht kontrolliert worden war. Sie publizierten schon in den ersten Tagen nach der Brandkatastrophe täglich mehrere Artikel zu Crans-Montana und griffen auch die neuesten Wendungen auf.
Einordnende Analysen oder emotionale Kommentare blieben jedoch, mit Ausnahme der italienischen Presse, aus. Das Image der Schweiz scheint vor allem aus Sicht des südlichen Nachbarlandes angekratzt. Andernorts wird Crans-Montana dagegen bereits wieder von zig anderen Nachrichten aus aller Welt überlagert. (aargauerzeitung.ch)
