«Vertrau mir» – «Das tu ich zu 100 Prozent»: Das lief zwischen dem WEF-Chef und Epstein
«Ich hatte nichts mit Jeffrey Epstein zu tun», beteuerte WEF-Chef Børge Brende im November 2025 gegenüber der norwegischen Zeitung «Aftenposten». Zu diesem Zeitpunkt hatten andere mächtige Personen ihre Kontakte mit dem Sexualstraftäter längst zugegeben – manche traten zurück.
Und so klang der SMS-Verkehr mit dem Mann, mit dem Brende «nichts zu tun» hatte:
«Ich freue mich wirklich», schrieb Brende an Epstein, und schlug für ein Essen bei ihm 20.30 Uhr vor. Antwort: «Perfekt». Brende fragte nach der genauen Adresse. Epstein witzelte: «Himmel. Erste Tür rechts.» Brende reagierte mit «Hehe», bevor Epstein die Adresse angab. In diesem Stil ging es weiter. Allein dieser Chat-Austausch umfasste 42 Nachrichten. Er stammt aus dem Juni 2019, im Monat danach wurde Epstein verhaftet. Er war bereits vorbestraft.
Brende war schon früher bei Epstein zuhause, wollte aber beim schwerreichen Banker mit mehreren Wohnadressen auf Nummer sicher gehen und fragte danach.
Das erste dokumentierte Treffen von Brende in Epsteins Haus datiert vom 15. März 2018. Brende war begeistert. Er schickte ihm danach über seine Schweizer 079-Handynummer 16 SMS, und Epstein sendete 15 zurück. Die Konversation begann mit einem Kompliment von Brende an Epstein: Er sei ein «brillanter Gastgeber». «Danke, mein Freund.»
Die Nachrichten sind in den vom US-Justizministerium veröffentlichten Epstein-Files dokumentiert. Als Brende im November 2025 noch alles abstritt, war bereits absehbar, dass die Akten publik werden würden.
Darum gab auch bereits dann ein WEF-Stammgast, der Harvard-Professor Lawrence Summers, alles zu und trat von seinen Ämtern zurück, unter anderem an der Harvard-Universität und beim KI-Unternehmen OpenAI. Epstein hatte Summers, den Finanzminister unter dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton, zu einem Nachtessen eingeladen – gemeinsam mit Brende und Steve Bannon:
In einem Mail vom 1. Februar 2026 an den WEF-Stiftungsrat, das der «Schweiz am Wochenende» vorliegt, bezeichnet Brende Epstein als «Monster»: «Hätte ich seinen Hintergrund gekannt, hätte ich nicht einmal mit ihm gesprochen.» Er bedauere zutiefst, dass er Epsteins Vergangenheit nicht gründlich untersucht habe.
Doch mit seiner Nachricht an das oberste Lenkungsgremium des Weltwirtschaftsforums, in dem 27 teils hochdekorierte Staatsmänner und Top-Wirtschaftsführerinnen sitzen, macht Brende alles noch schlimmer. Er behauptet, das «Ausmass seiner Kontakte» begrenze sich auf «drei Nachtessen» mit Epstein und «auf wenige E-Mails und SMS». Doch in den Files sind nicht «wenige», sondern über 100 Nachrichten dokumentiert.
Beim WEF fühlt man sich dreifach belogen
Ein WEF-Insider, der Brende sonst schätzt, fühlt sich «dreifach angelogen»: Brende habe erst bestritten, Epstein überhaupt zu kennen; dann seine Kontakte als «wenige» kleingeredet; und am 1. Februar 2026 versichert, von Epsteins Vergangenheit nichts gewusst zu haben.
Denn auch mit dieser Aussage gegenüber dem WEF-Stiftungsrat macht sich Brende angreifbar. Dokumente zeigen, dass Epstein selber den WEF-Chef über seine dunkle Vergangenheit informiert hat.
Epstein schickte ihm einen Link zu einem Artikel darüber. Epstein bekannte sich 2008 schuldig, Minderjährige zur Prostitution angeworben zu haben. Er erhielt eine Haftstrafe von 18 Monaten, von denen er rund 13 Monate verbüsste.
Brende windet sich heraus. Er habe den Link zum Epstein-Artikel gar nie geöffnet. Allerdings ist in den Epstein-Files belegt, dass Brende die Link-Mitteilung mit einem Daumen-hoch-Symbol quittierte. «Ich war völlig ahnungslos in Bezug auf diesen Link», sagte Brende dennoch im norwegischen Fernsehen. Ein Kenner von Brende erklärt auf Anfrage, dieser habe die Angewohnheit, fast alle Nachrichten mit einem Daumen hoch zu quittieren, das bedeute gar nichts.
Doch selbst ein enger Berater Brendes aus seiner Zeit in Norwegen, wo er Aussenminister war, nimmt ihm das nicht ab. Bard Ludvig Thorheim sagte diese Woche in einer Zeitung des norwegischen Schibsted-Verlags, er glaube seinem früheren Chef nicht, dass dieser nichts von Epsteins Vergangenheit wusste.
Hinterrücks mit Steve Bannon gesprochen
Im Stiftungsrat, der die Affäre durch die Zürcher Kanzlei Homburger untersuchen lässt, sorgen die Inhalte der ausgetauschten Nachrichten für Empörung. Sie zeigen, dass sich Brende gegenüber seinem Arbeitgeber illoyal verhalten hat. Hinter dessen Rücken sprach Børge Brende mit Epstein, aber auch mit dem früheren Trump-Berater Steve Bannon über die Positionierung des Weltwirtschaftsforums. Bannon stand dem damaligen WEF-Präsidenten Klaus Schwab – Brendes Vorgesetztem – feindselig gegenüber.
Am 16. September 2018 verstieg sich Epstein zur Behauptung: «Davos kann die UNO wirklich ersetzen.» Børge Brende stimmte ihm zu: «Genau – wir brauchen eine neue globale Architektur. Das Weltwirtschaftsforum ist einzigartig positioniert – öffentlich privat.»
Das WEF als Gegen-UNO? Die Idee erinnert an den Friedensrat, den Trump vor einem Monat in Davos gründete. Diese Organisation («Board of Peace») soll zu einer UNO-Alternative heranwachsen. Als WEF-CEO überliess Brende für die Gründungsshow dem Trump-Team den Hauptsaal im Kongresszentrum.
Kurz nach dem UNO-Mail kam es, wie so oft in den Jahren 2018 und 2019, zu gegenseitigen Sympathiebekundungen. Børge Brende schrieb etwa: «Vertrau mir.» Epstein antwortete: «Das tue ich, zu 100 Prozent.» Beide Personen setzten oft Smileys vor oder nach ihre Nachrichten. Wie in einer Männerfreundschaft.
Was sich Brende davon erhoffte, bleibt schleierhaft. Epsteins Motiv hingegen ist offenkundig. Er bezeichnete sich als «Concierge von Davos», als jemand, der dank seiner Beziehungen Türen öffnen konnte für eine Teilnahme oder einen Auftritt am begehrten Jahreskongress. Da half es, den WEF-CEO zum Buddy zu machen.
Am 25. September 2018 lud Epstein den WEF-Chef erneut zu sich nach Hause in New York ein.
Es war nicht irgendein Tag, sondern Brendes 53. Geburtstag. Epstein gratulierte ihm schon vorab, indem er dem Jubilar per E-Mail «53 Kerzen» schickte. Beim Nachtessen dabei: Wieder Steve Bannon sowie der New Yorker Bestseller-Autor Michael Wolff, der Epstein in PR-Belangen beriet. Brende lässt dazu auf Anfrage ausrichten, er sei wegen der UNO in New York und deshalb nicht bei seiner Familie gewesen.
Danach kam es wiederholt zu kurzen Nachrichten zwischen den beiden. Brende richtete dem Kriminellen Grüsse von zwei Freunden aus und ergänzte: «Das Einzige, was fehlt, ist deine Gesellschaft.» Epstein fand das «GREAT».
Intimer wird es in den SMS. «Miss you», ich vermisse dich, ist da zu lesen. Vor Weihnachten 2018 meldete sich Brende bei Epstein: «Happy Christmas – I hope to see you in the new year.» Dann prahlte der WEF-Chef damit, dass Trump und 70 andere Staatschefs nach Davos kämen. Epstein: «Du machst einen glänzenden Job.» Brende: «Learning from the best.» Womit er wohl meinte, von Epstein, dem «Besten», gelernt zu haben. Dann gabs Neujahrs-Glückwünsche und einen Austausch darüber, wie das Jahrestreffen in Davos verlaufen sei.
Zwischendurch versuchten sich die beiden Männer zu treffen, immer wieder schrieben sie sich Mails und SMS darüber, wo sie gerade waren. «I'm in London, Geneva, Trondheim and Helsinki». «Best regards from Moscow and Riyadh.» Später klappte es dann endlich mal wieder – in New York.
Kurz vor der Verhaftung bei Epstein zuhause
Am 6. Juli 2019 verhaftete eine Sondereinheit Epstein am Flughafen. 20 Tage vorher war Brende einer der letzten Prominenten, die gemäss den Files zu Hause bei Epstein waren.
Vor diesem Treffen verhandelte der Chef des Weltwirtschaftsforums mit Epsteins Assistentin, was es zu essen geben sollte: «Sushi wäre wunderbar!», schrieb Brende. «Fantastisch!!», antwortete die Assistentin. Sie ergänzte einen Satz, den man im Zusammenhang mit Epstein doppeldeutig lesen kann: Ob Brende einen «favorite type» habe. In Epstein-Files mit anderen Akteuren wird – derart codiert – nicht nach kulinarischen Vorlieben, sondern nach einem bestimmten Frauentyp gefragt.
Einen Tag vor diesem Essen hatte sich Brende in einem SMS an Epstein noch wichtig gemacht. «Habe eben deinen Freund, den POTUS getroffen». POTUS steht für US-Präsident Donald Trump. Worauf Epstein zurückschrieb: «Schau nach, ob du dein Portemonnaie noch hast.» Brende: «Ich hab nicht so viel zu verlieren wie du.»
Sexistische Aussagen über Israels First Lady
17 Tage vor Epsteins Verhaftung nahm der SMS-Verkehr ein letztes Mal Tempo auf – und hier könnte die politisch brisanteste Äusserung liegen. Vermehrt schickten sich Brende und Epstein auch Bilder zu. So auch eines von Sara Netanyahu, der Frau von Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu. Es ist in den Unterlagen des Justizministeriums geschwärzt, offenbar handelt es sich um ein unvorteilhaftes Foto.
Epstein stellte das Foto in den Chat und bezeichnete Sara Netanyahu als «Miss Piggy» – eine abwertende Anspielung auf die Figur aus der Muppet-Show. Brende fand das Foto «hilarious» – «sehr lustig». Die israelische Botschaft in Bern prüft diese Nachrichten derzeit, wie die «Schweiz am Wochenende» weiss.
Brende erklärte zum «Miss Piggy»-Austausch gegenüber norwegischen Medien, er hätte das Bild nicht kommentieren dürfen und nannte den verwendeten Spitznamen inakzeptabel. Israel und das WEF unterhalten enge Beziehungen; der israelische Präsident, der Notenbankchef und viele CEO sind Stammgäste in Davos.
Rücktritt noch vor Ende der Untersuchung?
Weniger als ein Jahr nach der Intrige gegen WEF-Gründer Klaus Schwab braut sich über der weltweit exponierten Organisation erneut ein Sturm zusammen. Schwab, der das WEF aufgebaut und zum Erfolg geführt hatte, trat wegen anonymer Vorwürfe zurück, die sich später in Luft auflösten. Gemessen an diesen Standards wäre es überraschend, wenn sich der oberste Angestellte Brende im Amt halten könnte.
Selbst wenn seine Kontakte mit Epstein nicht justiziabel sein sollten: Die Lügenvorwürfe dürften kaum zu entkräften sein. Und einen Lügner an der Spitze, das «will und kann sich das WEF nicht leisten», wie es ein Insider ausdrückt. Die Homburger-Untersuchung soll bereits in zwei Wochen vorliegen. Am WEF-Sitz in Cologny rechnen einige damit, dass Brende noch vor deren Abschluss seinen Rücktritt erklären könnte. (aargauerzeitung.ch)
