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Mann will Syrer nach München schleusen – und endet im Vierwaldstättersee

ARCHIV - 23.05.2022, Berlin: Ein Polizeiauto steht an einem Brandort. (Symbolbild) (zu dpa:
Ein Franzose liefert sich mit vierzehn Syrer im Lieferwagen eine Verfolgungsjagd mit der Polizei.Bild: keystone

Schlepper landete nach Verfolgungsjagd im Vierwaldstättersee: Das war sein Plan

Ein Franzose wollte vierzehn Syrer von Kroatien nach München schleusen. Nach einer wilden Verfolgungsjagd endete der Versuch in Flüelen im Kanton Uri - im eiskalten Vierwaldstättersee.
04.01.2025, 15:1804.01.2025, 15:22
Kari Kälin / ch media
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In diesem Lieferwagen schleuste ein Franzose vierzehn Syrer in die Schweiz.
In diesem Lieferwagen schleuste ein Franzose vierzehn Syrer in die Schweiz. bild: Kantonspolizei Uri /az

Die Geschichte beginnt in Annemasse, einer kleinen Stadt in Frankreich, nur 10 Kilometer von Genf entfernt. Dort mietet ein Franzose mit maghrebinischen Wurzeln Anfang Dezember 2023 einen Lieferwagen, einen Fiat Ducato. Am 8. Dezember steuert er das Fahrzeug in die kroatische Ortschaft Lipovac. In der Nähe liegt ein Rastplatz. Dort lädt er am 14. Dezember morgens kurz nach 6 Uhr vierzehn Syrer auf. Sicherheitsgurte? Fehlanzeige.

Der Fahrer hat einen Auftrag: Er soll die illegalen Migranten nach München schleusen. Dafür nimmt er nicht den direkten Weg, sondern will via Italien und die Schweiz nach Deutschland fahren. Abends macht er Halt in Padova. Am nächsten Morgen, einem Freitag, wird er vor dem Grenzübergang bei Novazzano von der italienischen Guardia di Finanza angehalten. Der Franzose entzieht sich der Kontrolle und fährt in die Schweiz.

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Haarsträubende Manöver auf Autobahn

Die Schweizer Grenzwacht alarmiert nun die Kantonspolizei Uri; ein verdächtiges Fahrzeug mit französischem Kennzeichen sei unterwegs auf der A2 in Richtung Norden. Kurz vor 10 Uhr verlässt es den Gotthardtunnel. Dass der Lieferwagenpilot ab diesem Moment der Urner Kantonspolizei davonrast und erst 30 Kilometer später in Flüelen gestoppt wird, ist bekannt.

Jetzt liegt die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft vor. Sie zeigt detailliert auf, wie rücksichtslos der Franzose aufs Gaspedal drückte und damit die Gesundheit von sich selbst, den Migranten, den Polizisten und anderen Verkehrsteilnehmern riskierte.

Beim Tunnelausgang ignoriert er die Haltesignale der Polizei. Bei Wassen folgt er zunächst einem Polizeifahrzeug in Richtung Ausfahrtspur, schwenkt sein Gefährt aber im letzten Moment zurück auf die Autobahn und braust in hohem Tempo weiter. Die Patrouille holt den Flüchtigen wieder ein und fordert ihn mit der roten Stablampe zum Aufgeben auf. Jetzt lässt sich dieser nicht mehr überholen. Er fährt in der Mitte der beiden Fahrspuren und drängt die Polizei ab. Weitere Patrouillen rücken aus.

In Erstfeld biegt der Franzose auf die Ausfahrt, nimmt dann aber sogleich wieder die Autobahneinfahrt und umkurvt ein quer gestelltes Patrouillenfahrzeug. Dafür nimmt er einen Abstecher auf Wiesland in Kauf. Er überfährt dabei eine orange Schneestange, die jedoch intakt bleibt, wie es in der Anklageschrift heisst.

Die Offroad-Episode läutet erst das Finale der haarsträubenden Flucht ein. Vor der Ausfahrt Altdorf stoppt die Polizei den Verkehr mit Ampelsignalen. Während sich die Autos stauen, rast der Schlepper auf dem Pannenstreifen rechts an ihnen vorbei und verlässt die Autobahn in Altdorf. Wieder umfährt er eine Sperre, foutiert sich um Polizei und Blaulicht und rast in Richtung Flüelen davon.

Dort werden ihm mangelnde Ortskenntnisse zum Verhängnis. Er landet beim alten Schiffssteg, in einer Sackgasse. Ein Polizist spricht ihn mit gezückter Waffe an. Doch der Schleuser ist immer noch im Fluchtmodus. Er rennt davon und springt ins Wasser: Endstation Urnersee. Erst im eiskalten Wasser kapituliert der Mann, der in wenigen Tagen 35-jährig wird, und ergreift den Rettungsring, den ihm seine Verfolger zuwerfen.

Die Polizisten kontrollieren das Fahrzeug und entdecken im Laderaum die vierzehn Syrer, die allesamt über keine Einreisebewilligung verfügen. Sie bleiben unverletzt und haben Glück, dass ihr Schlepper auf der Verfolgungsjagd keinen Unfall verursachte. Sie wollten eigentlich nach Deutschland, stellten dann aber beim Bundesasylzentrum in Chiasso ein Asylgesuch. Im engen Laderaum hatten sie Essen, Trinken und Schlafsäcke bei sich.

Der Franzose gerät noch gleichentags in Untersuchungshaft und befindet sich seither im Gefängnis in Stans. Am 15. April tritt er den vorzeitigen Strafvollzug an.

4000 Franken als Schlepperhonorar

Am nächsten Dienstag findet vor dem Landgericht Uri die Verhandlung im abgekürzten Verfahren statt. Das bedeutet: Der Schlepper ist geständig und akzeptiert seine Strafe. Das Gericht muss nur noch das Strafmass absegnen. Die Staatsanwaltschaft verhängte eine Freiheitsstrafe von siebzehn Monaten unbedingt und einen Landesverweis von sieben Jahren wegen qualifizierter Förderung der illegalen Einreise und der Verkehrsdelikte.

Für seine Schleuserdienste kassierte der Täter 4000 Franken, was für ihn fast zwei Monatslöhnen entspricht. Die Syrer legten für die Fahrt zwischen 2000 und 9000 Franken hin. In der Hierarchie des Schleppernetzwerks nehme der Franzose aber eher eine niedrige Stellung ein, so die Staatsanwaltschaft. Ein Geständnis legte er erst ab, nachdem Telefone ausgewertet worden waren.

Ähnlicher Fall im Kanton Nidwalden

Der Fall erinnert an ein Beinahe-Drama vom September 2022. Damals stoppte die Kantonspolizei Nidwalden einen Schlepper aus Gambia, der 23 Personen auf 5,4 Quadratmetern Ladefläche in einen Transporter pferchte. Der Sauerstoff wurde knapp, die Migranten drohten zu ersticken. Als die Polizisten sie retteten, waren sie völlig erschöpft und halb benommen. Der Fahrer hatte schon zuvor mehrmals Menschen illegal in die Schweiz gebracht.

Das Kantonsgericht Nidwalden verurteilte den 27-jährigen Gambier zu drei Jahren Haft wegen mehrfacher qualifizierter Freiheitsberaubung und wegen Erleichterns der rechtswidrigen Einreise. Einen ähnlichen Fall hatte es in der Schweiz bis dato noch nicht gegeben.

Der Mann aus Gambia entschuldigte sich vor Gericht bei den 23 Menschen. Er sagte, er hätte ihre Hilferufe nicht gehört, weil er Kopfhörer aufgesetzt gehabt hatte. Seine Familie steckte in finanziellen Nöten, weil der jüngere Sohn krank war. Da seien dem jungen Vater die 100 bis 200 Euro, die er für die Fahrten in die Schweiz erhalten habe, gerade recht gekommen, sagte seine Anwältin vor Gericht.

Nicht immer enden Schlepperfahrten so glimpflich wie in Nidwalden und Uri. Im Oktober 2023 starben in Deutschland sieben Menschen, als ein Menschenschmuggler der Polizei mit bis zu 180 km/h davonbretterte und bei einer Autobahnausfahrt die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor. Auch in Österreich sorgten ähnlich gelagerte Unfälle in den letzten Jahren mehrfach für tragische Schlagzeilen.

Rätselhaft bleibt, weshalb der Franzose mit den vierzehn Syrern von Kroatien aus München nicht auf direktem Weg anpeilte. Der Umweg über die Schweiz ist mit gut 1500 Kilometern fast doppelt so lang. Der Schleuser sagte der Staatsanwaltschaft, das Netzwerk habe diese Route so vorgegeben. Fest steht hingegen: Mitte Mai wird der Mann die Zelle im Kanton Nidwalden verlassen dürfen. (aargauerzeitung.ch)

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60 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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What’s Up, Doc?
04.01.2025 15:48registriert Dezember 2015
«Rätselhaft bleibt, weshalb der Franzose … von Kroatien aus München nicht auf direktem Weg anpeilte.»

Des Rätsels Lösung ist das die Schleuser wissen dass die direkte Schleuserroute über Österreich besser überwacht wird als der Umweg.
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_kokolorix
04.01.2025 15:48registriert Januar 2015
Wie jetzt. Es war sein Plan, in den See zu springen?
Finde nur ich, dass die Überschrift etwas unglücklich formuliert ist?
Ausser, dass er hoffte unkontrolliert bis München zu kommen, schien er keinen Plan zu haben.
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nöd ganz. klar #161!
04.01.2025 17:09registriert April 2019
bin erleichtert, dass der orangenen Schneestange nichts passiert ist. 🙏
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