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Schweizer Ex-Geheimagent und US-Botschafter: «Trump ist privat anders»

Jacques Pitteloud est l'Ambassadeur de la Suisse aux Etats-Unis depuis 2019.
Jacques Pitteloud ist Schweizer Botschafter in den USA und ehemaliger Geheimagent. Image: watson

Schweizer Ex-Geheimagent und US-Botschafter: «Trump ist privat ganz anders»

Der Walliser Jacques Pitteloud war Geheimagent des Schweizer Nachrichtendienstes, bevor er Botschafter in den USA wurde. Bald wird er von Washington nach Brüssel ziehen. In einem ausführlichen Interview mit watson erzählt er von seinen fünf Jahren in den USA.
18.06.2024, 13:39
Jacqueline Chelliah
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Der Walliser Jacques Pitteloud, der 2019 Schweizer Botschafter in Washington wurde, erzählt im Interview von seiner Sicht auf die USA, was die Amerikaner von uns denken und über die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern. Diesen Sommer wird er seinen Posten in Übersee aufgeben, um seine letzte diplomatische Mission als Schweizer Botschafter in Brüssel und bei der NATO anzutreten.

Doch bevor wir beim Botschafter sind für das Interview, müssen wir zuerst die Schweizer Botschaft betreten. Im Gegensatz zur riesigen US-Botschaft in Bern, wo man allein für die Sicherheitskontrolle mindestens eine halbe Stunde einplanen sollte, ist die Schweizer Botschaft in Washington klein und alles in allem recht unauffällig. Sie liegt in einem gehobenen Wohnviertel der US-Hauptstadt.

Die Schweizer Botschaft in Washington, D.C.
Die Schweizer Botschaft in Washington, D.C.embassy of switzerland / x

Das moderne Gebäude wurde 1959 von dem schweizerisch-amerikanischen Architekten William Lescaze entworfen. Hier arbeiten etwa 60 Personen, Schweizer und Amerikaner. Um in die Residenz von Botschafter Jacques Pitteloud und seiner Familie – ein weiteres architektonisches Juwel – zu gelangen, muss man nur den Garten durchqueren.

Botschafter Haus Washington
Das Botschafter-Haus, entworfen von den Architekten Steven Holl und Justin Rüssli.Bild: andy ryan / glasfabrik lamberts

Sind Sie froh, dass Sie ihren Posten in Washington vor der Wiederwahl von Donald Trump aufgeben können?
Jacques Pitteloud: Im Gegenteil. Ich bin traurig, Washington kurz vor einer Wahl verlassen zu müssen. Aber unser diplomatischer Rhythmus sieht vor, dass wir unsere Amtszeit entweder kurz vor oder kurz nach einer US-Präsidentschaftswahl beenden.
Allerdings werde nicht über eine mögliche Wahl von Trump im November spekulieren – sondern lieber von ‹Präsidentschaftswahlen› sprechen. Denn bis November wird noch viel Wasser den Potomac (Fluss, der durch Washington fliesst, d. Red.) hinunterfliessen. Es gibt viele Faktoren, die noch eine Rolle spielen können. Es stimmt, dass der ehemalige Präsident einen greifbaren Vorsprung hat, aber die Erfahrung hat mich gelehrt, mit Prognosen vorsichtig zu sein.

Hinweis der Redaktion
Dieses Interview wurde zwei Stunden bevor Donald Trump in seinem Verfahren wegen Fälschung von Geschäftsunterlagen in Verbindung mit der Zahlung von 130'000 US-Dollar an die Pornodarstellerin Stormy Daniels in allen 34 Anklagepunkten für schuldig befunden wurde, geführt.

Sie haben Trump zweimal getroffen, einmal davon im Oval Office.
Als ich Präsident Trump im Oval Office traf, ging es um die Übergabe der Beglaubigungsschreiben, den sogenannten Letter of Credit. Das ist ein Dokument, das einen ausländischen Botschafter als Vertreter und diplomatische Autorität seines Landes akkreditiert. Es war ein äusserst formeller und kurzer Moment, da die Botschafter in beeindruckender Geschwindigkeit hintereinander akkreditiert werden. Später, in Davos, hatte ich die Gelegenheit, mehr Zeit mit ihm zu verbringen, abseits der Kameras. Sein privates Verhalten unterscheidet sich sehr von seinem öffentlichen Verhalten.

Glauben Sie, dass Trump radikaler wurde, nachdem er abgewählt wurde?
Es ist schwierig, die politischen Absichten eines Kandidaten zu interpretieren, da wir uns in einer Wahlperiode befinden. Die allgemeinen Botschaften der Republikanischen Partei und des ehemaligen Präsidenten unterscheiden sich nicht wesentlich von denen, die sie vor acht und vor vier Jahren hatten. Es gibt bei Trump aber eine gewisse Radikalisierung aufgrund seiner Wahrnehmung, dass er bestohlen wurde, dass er die Wahl 2020 unrechtmässig verloren hat. Dieses Gefühl geht vielleicht mit dem Wunsch nach Rache einher, wie er selbst erwähnt hat. Ansonsten haben sich die grossen politischen Linien, in denen er sich bewegt, die im Falle seiner Wahl die Politik seiner Regierung bestimmen würden, jedoch nicht geändert.

Hat Ihnen Ihre Walliser Direktheit in Washington geholfen?
Auf jeden Fall! Es ist eine Tatsache, dass man in den USA extrem direkt ist und manchmal dazu neigt, die Dinge zu übertreiben. Eine klare Sprache zu sprechen hilft wahrscheinlich auch dabei, positive Beziehungen aufzubauen, und auch aus einem anderen Grund: Amerikaner haben keine Zeit zu verlieren. Wenn man sich in diplomatischen Formeln verliert, um ein Thema zu beschönigen und nicht direkt anzusprechen, wird es nur ein Treffen geben und nicht zwei.

Funktioniert diese Direktheit wirklich überall in den USA? Nach meiner bisherigen Erfahrung, die ich in vielen verschiedenen Städten gemacht habe, ist das nicht unbedingt der Fall ...
Amerika ist ein Land und gleichzeitig ein Kontinent. Ich habe auch ausserordentliche Unterschiede in der Mentalität festgestellt. Um zwei extreme Beispiele zu nennen: die Bundesstaaten Maine und Texas. Maine ist der durchschnittlichen europäischen Mentalität viel näher, mit einer gewissen Zurückhaltung, mit viel Mässigung in den Äusserungen, egal zu welchem Thema. Auf der anderen Seite ist Texas, wo immer Klartext gesprochen wird. Und das manchmal sehr, sehr, sehr direkt.

Klischees besagen, dass Diplomatie nicht unbedingt eine Walliser Eigenschaft ist.
Ich würde sagen, dass sich die Diplomatie grundlegend verändert hat. Ich denke, wir haben uns der Geschäftswelt angenähert. Das heisst, wir haben wenig Zeit, uns mit Höflichkeitsformeln zu beschäftigen. In meinem Alltag in der Botschaft sind elegante Formulierungen und Floskeln in Bereichen wie der wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und akademischen Zusammenarbeit sowie die Verteidigung nicht unbedingt geeignet. Es ist darum gut, wenn man direkt kommunizieren kann. Wo sich die Diplomatie nicht geändert hat und wo sich die Ideen der letzten Jahre als falsch erwiesen haben, ist, dass man glaubte – und das war eine Modeidee –, dass man Diplomatie per Zoom betreiben kann. Man glaubte, dass man alles über soziale Medien erledigen könne und dass Botschaften im Grunde genommen ein wenig überflüssig geworden seien, da es viel einfacher sei, per Zoom miteinander zu sprechen.

Zoom-Diplomatie war also ein Schlag ins Wasser?
Diese Sichtweise ist vielleicht zu einseitig, aber ja, es lässt die menschliche Dimension des Austauschs völlig ausser Acht. Also jene Aspekte, die man durch ein soziales Leben, durch Präsenz am Ort des Geschehens und durch Sympathien oder Freundschaften schafft. Und die es einem ermöglichen, zu gegebener Zeit in einer Krise zum Telefon zu greifen und jemanden anzurufen, der eine emotionale Beziehung zu einem hat. Das ist unbezahlbar.

Welche drei Eigenschaften zeichnen einen guten Diplomaten aus?
Die erste Eigenschaft ist Neugierde und der Wille, ständig zu lernen. Jedes Mal, wenn Sie in ein anderes Land ziehen, müssen Sie neu lernen, Sie müssen von vorne anfange. Nicht von vorne, denn es gibt menschliche Verhaltensweisen, die überall gleich sind, aber die Kulturen sind sehr unterschiedlich. Ob politisch oder gesellschaftlich, in allen Bereichen.

Und die zweite?
Der Wille, in die Geschichte des Landes einzutauchen, in dem man stationiert ist, und das geht über eine oberflächliche Geschichte hinaus. Ich habe Hunderte von Büchern über die amerikanische Geschichte verschlungen, um alles besser zu verstehen.

Und die dritte?
Die dritte Eigenschaft ist Liebe. Die Liebe zu Menschen. Die Fähigkeit, Menschen zu lieben, die völlig anders sind anstatt ständig durch unsere kleine Schweizer Brille zu urteilen, und mit Aufrichtigkeit und Einfühlungsvermögen zu versuchen zu verstehen, warum sie anders sind. Zu verstehen, warum es Verhaltensweisen gibt, an denen wir Anstoss nehmen, die uns schockieren oder die uns lächerlich erscheinen. Es gibt viele Dinge in der amerikanischen Gesellschaft, die wir als extrem schockierend empfinden.

Wie das Waffen-Thema?
Waffen sind ein ziemlich gutes Beispiel. Ich habe viele Amerikaner kennengelernt, die fanatisch für das Recht, Waffen zu tragen, eintreten, aber keine Waffen haben. Für sie geht es darum, eine Einschränkung ihrer individuellen Freiheit zu verhindern. Die ganze Idee hinter der Gründung der Vereinigten Staaten, wenn man von den beiden grossen historischen Tatsachen – der Auslöschung der ursprünglichen Völker sowie der Sklaverei – absieht, besteht darin, die individuelle Freiheit zu verherrlichen und jedem die gleichen Chancen zu geben.

Haben Sie ein aktuelles Beispiel?
Ich habe arme Amerikaner getroffen, die gegen «Obamacare» (ein Gesetz, das 2010 von Barack Obama verabschiedet wurde, um möglichst vielen Menschen eine Krankenversicherung zu ermöglichen, d. Red.) protestierten. Nicht aus parteipolitischen Gründen, sondern weil sie davon überzeugt sind, dass ihnen niemand eine Krankenversicherung aufzwingen sollte. In ihren Köpfen ist es so: Wenn sie eine Krankenversicherung wollen, dann werden sie sie auch abschliessen. Für sie ist es nicht der Staat, der ihnen so etwas aufzwingen soll.

Und Sie verstehen diese Mentalität der Amerikaner heute besser?
Die Aufgabe eines Diplomaten ist es, die Interessen seines Landes zu vertreten, aber er muss auch das Land, in dem er stationiert ist, erklären – insbesondere seine Mentalität. Und um etwas zu erklären, muss man es erst einmal verstehen.

Haben Sie in den fünf Jahren Ihrer Amtszeit hier viele der US-Staaten besucht?
Ich wünschte, ich hätte noch mehr besuchen können, aber leider hat uns Corona allen einen Streich gespielt. Ich habe seit meiner Ankunft hier im Jahr 2019 etwa 30 Staaten besucht.

Das ist ziemlich viel!
Das sind viele, aber ich hätte gerne alle 50 Staaten besucht! Dieses Land ist mir sehr ans Herz gewachsen und ich werde auf jeden Fall wiederkommen. Um auf die Qualitäten eines guten Diplomaten zurückzukommen: Ich habe alle Länder, in denen ich tätig war, geliebt. Ich war todtraurig, Ostafrika zu verlassen, wo ich zwischen 2010 und 2015 Botschafter war. Ich hatte bei meiner Abreise das Gefühl, dass mir etwas entrissen wird. Und ebenso weiss ich, dass ich sehr traurig sein werde, wenn ich die USA verlasse.

Ich habe gehört, dass Sie in Anspielung auf Ihre Vergangenheit als Geheimagent «Jack» genannt werden als Anspielung auf Jack Bauer aus der Fernsehserie 24.
In der Tat haftet mir ein gewisser Ruf an. Einerseits, weil ich Funktionen im Schweizer Nachrichtendienst ausgeübt habe. Andererseits habe ich in einem Alter, in dem ich ein wenig dumm oder sogar selbstgerecht war, dieses mysteriöse Image selbst ein wenig kultiviert. In der Welt der Nachrichtendienste werden wir nicht dafür bezahlt, unseren Vorgesetzten zu sagen, was sie hören wollen, sondern dafür, ihnen das zu übermitteln, was wir festgestellt haben. In Konfliktsituationen zwischen Ländern sind die letzten, die gehen, sehr oft die Geheimdienstleute, denn ihre Aufgabe ist es, so viele nützliche Informationen wie möglich zu herauszufiltern.

Ich nehme an, dass Ihnen diese Erfahrungen aus Ihrer Vergangenheit auch heute noch nützlich sind?
Die Welt der Geheimdienste zu kennen, hat mir sehr geholfen, vor allem in Bezug auf die im Laufe der Jahre aufgebauten Netzwerke. Wenn man Teil einer bestimmten Hierarchie des weltweiten Nachrichtendienstes war, schafft das Verbindungen fürs Leben und ermöglicht es, in Kreisen akzeptiert zu werden, in denen ein klassischer Diplomat Schwierigkeiten hätte, sich einen Platz zu erobern. Dies gilt umso mehr für Washington. Meine höchste Position im Nachrichtendienst erreichte ich zur Zeit der Anschläge vom 11. September 2001. Ich habe zu dieser Zeit zahlreiche Verbindungen zu Personen im US-Geheimdienst aufgebaut.

Vermissen Sie dieses Leben?
Nein, dieses Amt jetzt, das ich noch zwei Monate lang hier in Washington ausüben werde, war der Höhepunkt. Eine wunderschöne Art, meine Karriere fast zu beenden. Diese Botschaft ist eine der wenigen – es gibt vielleicht vier oder fünf auf der Welt –, in der man sich mit allen Themen beschäftigen muss: Wissenschaft, Verteidigung, Nachrichtendienst, Entwicklungshilfe. Multilateral, alles ist dabei. Was diesen Ort so interessant macht, ist auch die Tatsache, dass Washington wie das alte Rom ist. Ein Flügelschlag in Washington kann einen Tsunami in der Welt auslösen.

Was wünschen Sie sich für Ihr neues NATO-Abenteuer, das Sie in Brüssel erwartet?
Eine spannende Arbeit zu haben, den Interessen der Schweiz dienen zu können, unseren Mitbürgern erklären zu können, was wir tun, und deutlich zu machen, dass es in erster Linie um die Verteidigung unseres Landes geht. Ich habe fünf Jahre hier in Washington verbracht, um Bedingungen zu schaffen, damit die Schweiz gedeihen kann. Das möchte ich auch in meiner letzten Amtszeit tun.

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71 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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arbi
18.06.2024 09:46registriert August 2020
"Sein privates Verhalten unterscheidet sich sehr von seinem öffentlichen Verhalten."

Egal ob er die wieder Präsident wird oder nicht: Wie er privat ist, ist mir eigentlich ziemlich egal. Es wäre hingegen wünschenswert, er würde sein öffentliches Verhalten in Richtung Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Empathie anpassen. Aber das ist von diesem ungebildeten, ungehobelten verurteilten Kriminellen nicht zu erwarten.
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closer2edit
18.06.2024 09:53registriert September 2023
Es ist bei dissozialen Persönlichkeiten normal, dass sie sich sehr nett, charmant und zugänglich geben im persönlichen Kontakt. Daher: Im Westen nichts neues. Aber diese Anbiederung seitens eines Diplomaten müsste meinen Meinung nach nicht sein. Er könnte ja den Satz einfach weglassen.
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bcZcity
18.06.2024 10:08registriert November 2016
Mein Vater hat mal ganz stolz erzählt, wie er mit dem Chrigi Blocher Wein getrunken hat. Der sei ganz „zwäg“ privat. Mich hat das nicht beeindruckt. Denn in der Politik gehen ja SP und SVP auch mal eins trinken….“zwäg“ ist man da schnell mal untereinander.

Es gibt viele A-Löcher die privat ganz „zwäg“ sind. Dennoch, ein A-Loch stinkt eben. Ich halte mich lieber an Leute die keine zwei Gesichter auf teilweise extreme Art haben.

Gute Menschen und einfach „zwäg“, ist eben ein grosser Unterschied!
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