Gemeindepräsident von Crans-Montana: «Ich weine jeden Tag»
Keystone-SDA: Nicolas Féraud, betrachten Sie die Pressekonferenz vom 6. Januar als Fehlschlag?
Nicolas Féraud: Das Ziel war es, die Bevölkerung klar zu informieren und den legitimen Anforderungen der Presse gerecht zu werden. Wir hielten dies aus Respekt gegenüber den Opfern für den richtigen Zeitpunkt. Ich bedauere, dass ich mich nicht im Namen der Gemeinde entschuldigt habe. In einer für uns alle emotional sehr schwierigen Situation habe ich den Fehler gemacht, bei der Gestaltung des offiziellen Teils dieser Pressekonferenz Vorsicht walten zu lassen, anstatt mich zu entschuldigen und Emotionen zu zeigen.
Fünfmal haben italienische Journalisten Ihren Rücktritt gefordert.
Das hat mich nicht gestört. Was mich wirklich getroffen hat, war, dass einige Journalisten behaupteten, ich hätte Bestechungsgelder angenommen. Damit wurde meine Integrität in Frage gestellt, obwohl ich ehrlich Politik mache.
Warum hat kein Vertreter der Gemeinde an den Pressekonferenzen vom 2. und 3. Januar teilgenommen?
Am 31. Dezember habe ich Silvester mit meiner Familie in London verbracht. Bis ich in die Schweiz zurückgekehrt war, hat Vizepräsidentin Nicole Bonvin Clivaz an der ersten Pressekonferenz am Morgen des 1. Januar teilgenommen. Am Nachmittag war ich in Sitten, ohne über die Situation vollständig informiert zu sein. Am 2. Januar teilte mir der Kanton mit, dass es sich lediglich um eine «technische» Lagebesprechung handle, zu der ich nicht eingeladen wurde, und am 3. Januar wurde ich ebenfalls nicht zu dieser Pressekonferenz eingeladen.
Anlässlich der nationalen Gedenkfeier in Martigny zogen Sie es vor, in Crans-Montana zu bleiben.
Man musste sich auf die beiden Orte aufteilen. Der Gemeinderat entschied sich, zwei Ratsmitglieder nach Martigny zu schicken. Ich war der Meinung, dass mein Platz bei meiner Gemeinde in Crans-Montana war, wo mehrere Tausend Menschen die Zeremonie verfolgten.
Zusammen mit dem Ehepaar Moretti sind Sie zum «Buhmann» schlechthin geworden.
Das ist mir durchaus bewusst. In den Augen vieler Menschen bin ich schuldig. Die Staatsanwaltschaft wird Ermittlungen durchführen und die Verantwortlichkeiten jedes Einzelnen feststellen, auch meine, und ich werde mich dem stellen. Menschlich gesehen und ohne darüber zu spekulieren, was die Justiz sagen wird, fühle ich mich dafür verantwortlich. Bislang wurde ich noch nicht vernommen. Ich werde meine Verantwortung übernehmen, sollte ich angeklagt werden.
Haben Sie Drohungen erhalten?
Ich habe mehrere Morddrohungen erhalten. Ich verstehe die Menschen, die nicht die Antworten bekommen, die sie sich erhoffen, und die leiden. Gleichzeitig analysieren wir im Gemeinderat die Frage der Sicherheit unserer Mitarbeiter. Viele Mitarbeiter sind durch dieses Drama traumatisiert. Ich denke auch an sie.
Was wussten Sie über die Kontrollen an öffentlichen Orten?
Offensichtlich nicht genug, und ich kann mir diesen Mangel, der hinsichtlich der Häufigkeit der Kontrollen zutage getreten ist, nicht erklären. Ich weigere mich zu glauben, dass dies in Crans-Montana systemisch ist.
Nach Kontrollen in den Jahren 2018 und 2019 wurden dem Betreiber drei Monate Zeit gegeben, um bestimmte Sicherheitsmassnahmen durchzuführen. Vergeblich.
So eindeutig ist das nicht. Die Untersuchung wird zeigen, ob die Aufforderungen zur Nachbesserung befolgt wurden oder nicht und ob dies zu dem Drama geführt hat, das sich ereignet hat. Unsere Verantwortlichen sind jedoch als sehr gewissenhaft bekannt. Ausserdem kann ich nicht über die Arbeitsweise der einzelnen Dienststellen und die Art und Weise, wie diese Arbeit mit dem zuständigen politischen Departement koordiniert wird.
Sie haben angegeben, dass im Jahr 2025 nur 40 von 128 öffentlichen Einrichtungen kontrolliert wurden.
Wie wir bereits am 6. Januar öffentlich gemacht haben, gab es Mängel. Angesichts dieser Feststellung haben wir seit dem 19. Januar unseren Dienst verstärkt und Spezialisten für die regelmässigen Kontrollen öffentlicher Einrichtungen eingestellt. Ihre Aufgabe ist es, alle diese Kontrollen so schnell wie möglich durchzuführen, um Bürger, Kunden, Anwohner und Eigentümer zu beruhigen. Ab 2027 müssen sie auch Folgemassnahmen vorschlagen.
Sie wollten im Zusammenhang mit der Brandkatastrophe, dass die Gemeinde als Zivilpartei auftritt.
Dieser Antrag wurde am 2. Januar gestellt, als sich alles überschlug. Der Gemeinderat hat diesen Antrag gestellt, um so nah wie möglich an den Einwohnenden, Gästen und lokale Akteuren zu sein, die von dem Drama betroffen waren.
Wie geht es Ihnen persönlich?
Ich weine jeden Tag, weil ich all diese Menschen verloren habe, die vor allem so jung waren, und weil ich so viele Verletzte sehe, die noch immer leiden. Dieses Trauma wird mich mein ganzes Leben lang begleiten. Es ist eine offene Wunde und mein Herz ist gebrochen. Es war der schlimmste Moment meines Lebens und das wird er wahrscheinlich bis zum Ende bleiben. Ich habe mir Hilfe bei einem Psychologen gesucht und werde diese zweifellos noch lange brauchen. Ich bemühe mich, die Krise zu bewältigen. Solange ich gewählt bin, werde ich das Schiff nicht mitten im Sturm verlassen. Was mich antreibt, ist das Engagement aller, einen neuen Weg in die Zukunft zu finden.
