International
Türkei

Nach Anschlag in Ankara: Türkei fliegt Angriffe in Syrien und Irak

Attentäter von Ankara-Anschlag war PKK-Mitglied – Türkei fliegt Angriffe auf Syrien und Irak

Nach dem Anschlag in Ankara ist einer der getöteten mutmasslichen Attentäter nach offiziellen Angaben als Mitglied der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK identifiziert worden. Die Türkei hat derweil Ziele in Nordsyrien und im Nordirak aus der Luft angegriffen.
24.10.2024, 17:2124.10.2024, 17:23
Mehr «International»

Nach dem Anschlag in Ankara mit mindestens fünf Toten hat die Türkei der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK die Verantwortung zugeschrieben und Ziele in Nordsyrien und im Nordirak angegriffen.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums sind bislang 47 «PKK-Ziele» aus der Luft angegriffen und zahlreiche «Terroristen neutralisiert» worden. Kurdische Milizen in Syrien sprachen von mindestens zwölf toten Zivilisten.

Die PKK, die von der Türkei, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, hat den Anschlag bisher nicht für sich reklamiert. Die PKK kämpft seit den 80er Jahren gegen den türkischen Staat.

Bei dem Terroranschlag am Mittwoch auf eines der bedeutendsten türkischen Rüstungsunternehmen waren mindestens fünf Menschen getötet und 22 weitere verletzt worden. Auch die beiden mutmasslichen Angreifer seien getötet worden, sagte Innenminister Ali Yerlikaya. Er sprach von einem Mann und einer Frau. Die türkische Rundfunkbehörde Rtük hatte eine Nachrichtensperre über den Anschlag verhängt.

Erdogan: Anschlag auf Zugpferd der türkischen Verteidigungsindustrie

Das Ziel des Attentats, das Unternehmen Türkische Luft- und Raumfahrtindustrie (Tusas), ist eine Tochtergesellschaft der staatlichen Agentur für Verteidigungsindustrie. Vier der fünf Opfer waren bei ihr angestellt.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach von einem «feigen Anschlag» auf ein Zugpferd der türkischen Verteidigungsindustrie. Die Firma ist unter anderem ein bedeutender Produzent von Kampfflugzeugen und Drohnen.

Laut dem Analysten Murat Yetkin setzt die Türkei Drohnen von Tusas sowohl im Kampf gegen die PKK als auch gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ein. Die Türkei geht regelmässig gegen die PKK, die ihr Hauptquartier in den nordirakischen Kandilbergen hat, vor - ebenso gegen die syrische Kurdenmiliz YPG im Norden Syriens, die sie als Ableger der PKK betrachtet.

Das türkische Militär hatte noch vor der Mitteilung, beide Täter als PKK-Mitglieder identifiziert zu haben, mit Angriffen im Irak und in Syrien begonnen. Der Schmerz über die Opfer sei gross, aber die Kraft zur Rache grösser, sagte Verteidigungsminister Yasar Güler laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu.

Die von der YPG angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) schrieben, die Türkei habe zivile Infrastruktur, Menschenansammlungen und Sicherheitskräfte in Nord- und Ostsyrien angegriffen. Dabei seien mindestens zwölf Zivilisten getötet und 25 weitere Menschen teilweise schwer verletzt worden.

Emergency and security teams are deployed outside of Turkish Aerospace Industries Inc. at the outskirts of Ankara, Turkey, Wednesday, Oct. 23, 2024. (AP Photo)
Sicherheitsleute in der Nähe des Tatorts.Bild: keystone

Anschläge von mehreren Gruppen in der Vergangenheit

Der Anschlag ereignete sich, kurz nachdem die Ultranationalisten der Partei MHP überraschend eine mögliche Freilassung des PKK-Führers Abdullah Öcalan thematisiert hatten. Die MHP ist Erdogans Regierungspartner. Ihr Chef Devlet Bahceli hatte eine mögliche Freilassung jedoch an eine Entwaffnung der Terrororganisation geknüpft. Beobachter werten dies als ein Zeichen dafür, dass es möglicherweise zu einem neuen Friedensprozess zwischen Regierung und PKK kommen könnte.

Am Mittwoch durfte Öcalan, der in Isolationshaft sitzt, zudem erstmals seit Jahren Besuch empfangen. Aus dem Gefängnis liess er mitteilen: «Wenn die Bedingungen gegeben sind, habe ich die theoretische und praktische Kraft, diesen Prozess von der Ebene des Konflikts und der Gewalt auf eine politische und rechtliche Ebene zu bringen.» Welche Auswirkungen der Anschlag auf eine etwaige Neuaufnahme zu Friedensverhandlungen haben wird, ist offen.

Der Politikanalyst Sinan Ülgen sieht im Zusammenhang mit einer möglichen Annäherung zwei Zeichen, die hinter dem Anschlag stecken könnten, sollte es eine Verbindung zur PKK geben. «Es könnte ein Anschlag gewesen sein, der nicht im Einklang mit den Kommando-Strukturen der PKK geschehen ist, etwa ein unabhängiger Arm radikaler Teile, die den Prozess torpedieren wollen», so Ülgen. Oder es sei eine Nachricht der PKK an die türkische Regierung, dass man direkter auf die aktuelle Führung der PKK zugehen müsse und der Weg über Öcalan, der seit 1999 inhaftiert ist, nicht ausreiche.

epa11677739 The Minister of Internal Affairs Ali Yerlikaya (4th L) inspects the area after a terror attack at (TUSAS) Turkish Aerospace and Aviation Center's headquearter in Ankara, Turkey 23 Oco ...
Innenminister Ali Yerlikaya vermutete, dass der PKK hinter dem Anschlag steckt.Bild: keystone

Hinter dem Annäherungsversuch der Ultranationalisten steckt Ülgen zufolge innenpolitisches Kalkül: Erdogan könne laut Verfassung kein weiteres Mal kandidieren, es sei denn, das Parlament beantrage Neuwahlen oder man ändere die Verfassung. Für beides fehlten aber Mehrheiten, weshalb man auf der Suche nach neuen Partnern sei, etwa der prokurdischen Partei Dem.

In der Türkei haben in der Vergangenheit sowohl der IS, die linksextremistische Revolutionäre Volksbefreiungsfront DHKP-C als auch die PKK schwere Anschläge verübt, auch in Ankara. (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
13 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Migeek
24.10.2024 09:47registriert Dezember 2022
Ich traue der türkischen Regierung durchaus auch zu, dass sie selbst dafür verantwortlich waren um die Angriffe zu starten.
507
Melden
Zum Kommentar
13
    Rassemblement National: Wenn nicht Le Pen, dann eben Bardella
    Marine Le Pen ruft zum Protest gegen ihr Urteil auf. Viele fürchten, dass sie sich jetzt als Märtyrerin geriert. Doch dafür braucht sie auch ihre Wähler. Machen die mit?

    Wenige Stunden nach der Verurteilung von Marine Le Pen sitzt eine ihrer Anhängerinnen gelassen vor ihrem Haus im südfranzösischen Falicon. Unter einer Pergola, umrankt von lilafarbenen Bougainvillea-Blüten, raucht die Rentnerin eine Zigarette. Die Frau mit dem graublonden Pagenkopf sieht den juristischen Schlag gegen Le Pen pragmatisch. Sie freue sich stattdessen auf einen Präsidenten Jordan Bardella, den Vorsitzenden der Le-Pen-Partei Rassemblement National. «Jordan», sagt sie, «hat mehr Mitgefühl als Marine.» Sie fühle sich ihm näher und glaubt, dass auch die Jugend ihn lieben werde.

    Zur Story