DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Beim Treffen mit Verteidigungsminister Sergej Schoigu klammert sich Wladimir Putin an die Tischkante.
Beim Treffen mit Verteidigungsminister Sergej Schoigu klammert sich Wladimir Putin an die Tischkante. Bild: keystone

Das bizarre Treffen zwischen Putin und Schoigu – und was davon übrig bleibt

Seriöse Schlüsse über die Gesundheit Putins können nach dem skurrilen Video mit Schoigu keine gezogen werden. Interessant ist jedoch, was über Mariupol gesagt wurde. Denn es entspricht nicht der Realität.
26.04.2022, 06:0127.04.2022, 13:00

Auftritte von Wladimir Putin vor laufender Kamera sind selten. Wenn aber Videobilder des russischen Präsidenten veröffentlicht werden, wird dafür umso genauer hingeschaut. Viel Aufsehen erregte etwa das Treffen zwischen Putin und Verteidigungsminister Sergej Schoigu von vergangener Woche.

Viele Beobachterinnen und Beobachter interessierten sich dabei gar nicht so sehr für das Gespräch an sich, sondern für das Verhalten der beiden Teilnehmer.

Das Gespräch zwischen Putin und Schoigu im Video.Video: YouTube/Bloomberg Markets and Finance

Auffallend waren dabei folgende Punkte:

  • Putin und Schoigu trafen sich an einem kleinen Tisch. Dies steht in starkem Kontrast zu den Treffen, bei denen sich der russische Präsident nur mit sehr viel Abstand mit seinen Gesprächspartnern traf.
Wladimir Putin spricht mit Sergej Schoigu und dem Chef des russischen Generalstabs Valery Gerasimow an einem riesigen Konferenztisch Ende Februar.
Wladimir Putin spricht mit Sergej Schoigu und dem Chef des russischen Generalstabs Valery Gerasimow an einem riesigen Konferenztisch Ende Februar. Bild: keystone
  • Lange wurde über den Verbleib und den Gesundheitszustand von Schoigu spekuliert, nachdem dieser wochenlang nicht mehr im Fernsehen aufgetreten war. Nun gibt es jedoch wieder Bilder vom Verteidigungsminister. Beim Treffen mit Putin hielt sich Schoigu strikt ans Skript und schien undeutlich zu sprechen.
  • Putin hielt sich während des ganzen Gesprächs mit einer Hand am Tisch fest, wirkte steif und klopfte mit seinem Fuss auf den Boden. Dies befeuerte Gerüchte, wonach etwas mit seiner Gesundheit nicht stimmt.

Vor allem über Putins Gesundheitszustand wurde nach der Veröffentlichung des Videos viel spekuliert. Seriöse Schlüsse können jedoch keine gezogen werden, auch wenn das einige Twitter-User anders sehen.

Stefan Verra, Experte für Körpersprache, sagte gegenüber t-online.de: «Er sitzt da, wie wir ihn seit Jahren kennen. Zurückgelehnt, nicht wahnsinnig, sich selber präsentierend.» Putin sei noch nie der grosse Mimiker gewesen.

«Der Mann ist seit Monaten unter Vollstress.»
Stefan Verra, Experte für Körpersprache

Der Experte warnte vor Überinterpretationen. Die Körpersprache während des Gesprächs sei medizinisch nicht einzuordnen. Die Mimik sei zwar etwas zurückhaltender geworden, aber Putin sei auch 70 Jahre alt und schlafe wahrscheinlich schlecht. «Der Mann ist seit Monaten unter Vollstress. Der weiss, wie die Welt auf ihn schaut. Der weiss, dass er gewinnen muss.»

Putin erklärt Kampfhandlungen für beendet

Interessant ist jedoch, was am Treffen zwischen Putin und Schoigu gesagt wurde. Denn die Realität hat das Gesagte mittlerweile schon wieder eingeholt.

Schoigu berichtete: «Mariupol wurde von den Streitkräften der Russischen Föderation und der Volksmiliz der Volksrepublik Donezk befreit.» Zwar gab der Verteidigungsminister zu Protokoll, dass es noch ukrainische Kämpfer habe. Diese würden sich aber auf dem Fabrikgelände Asowstal verschanzen. Man brauche noch etwa drei bis vier Tage, um die «Arbeit» bei Asowstal abzuschliessen.

«Der Abschluss der Kampfhandlungen zur Befreiung von Mariupol ist ein Erfolg.»
Wladimir Putin

Putin entgegnete Schoigu: «Ich halte den geplanten Sturm auf das Industriegebiet für unangemessen. Ich befehle Ihnen, ihn zu stornieren.» Putin sagte, man müsse das Leben und die Gesundheit der russischen Soldaten und Offiziere erhalten. Es sei nicht nötig, «in diese Katakomben zu klettern und unterirdisch durch diese Industrieanlagen zu kriechen.»

Stattdessen befahl er: «Sperren Sie dieses Industriegebiet ab, sodass keine Fliege durchfliegen kann.» Das Kapitel Mariupol, so schien es, wollte er nach der Sitzung mit Schoigu für beendet erklären. «Der Abschluss der Kampfhandlungen zur Befreiung von Mariupol ist ein Erfolg», so Putin.

Die Kämpfe gehen weiter

Wie der Krieg in der Ukraine gezeigt hat, sollte man Putin nicht an seinen Worten, sondern an seinen Taten messen. Von einem «Abschluss der Kampfhandlungen» kann in Mariupol derzeit nämlich nicht die Rede sein.

Am Samstag haben russische Truppen die Angriffe auf Asowstal nach ukrainischen Angaben wieder aufgenommen. «Der Feind versucht, den letzten Widerstand der Verteidiger von Mariupol zu ersticken», sagte Präsidentenberater Olexij Arestowytsch per Videobotschaft. Dabei würde das Industriegebiet aus der Luft beschossen. Auch Artillerie werde eingesetzt. Am Sonntag schrieb dann der ukrainische Präsidentenberater, Mychajlo Podoljak, Russland ziehe Einheiten und Militärtechnik für eine Erstürmung des Stahlwerks zusammen.

«Trotz der erklärten Eroberung von Mariupol finden weiterhin heftige Kämpfe statt.»
Britisches Verteidigungsministerium

Überprüfbar sind die Aussagen der Ukrainer zwar nicht. Ähnliche Angaben macht aber auch das britische Verteidigungsministerium, welches auf Twitter laufend über den Krieg in der Ukraine informiert. «Trotz der erklärten Eroberung von Mariupol finden weiterhin heftige Kämpfe statt», schreibt das Verteidigungsministerium. Der Vorstoss der Russen im Donbas werde somit verlangsamt.

Russische Panzer in der Nähe von Mariupol: Die Kämpfe in der Hafenstadt gehen weiter.
Russische Panzer in der Nähe von Mariupol: Die Kämpfe in der Hafenstadt gehen weiter.Bild: keystone

Nicht nur in Mariupol wurde in den vergangenen Tagen gekämpft. Trotz internationaler Bitten um eine Waffenruhe am orthodoxen Osterfest liess Moskau im ganzen Land zahlreiche Stellungen des ukrainischen Militärs beschiessen. Bei Angriffen auf die Hafenstadt Odessa starben gemäss ukrainischen Angriffen acht Zivilisten.

Wer hoffte, Putin setze auf Deeskalation, weil er den Sturm auf Asowstal im Treffen mit Schoigu abblasen liess, der dürfte sich getäuscht haben. Rustam Minnekajew, ein Befehlshaber der russischen Militärführung, sagte am Freitag der Agentur Interfax zufolge, dass Russland den ganzen Donbas und den kompletten Süden der Ukraine einnehmen wolle.

Minnekajew nahm sogar Moldawien und die abtrünnige Provinz Transnistrien ins Visier. «Die Kontrolle über den Süden der Ukraine ist ein weiterer Weg nach Transnistrien, wo es ebenfalls Anzeichen für eine Unterdrückung der russischsprachigen Bevölkerung gibt», so Minnekajew.

Die Aussagen Minnekajews decken sich mit einem Bericht der Financial Times. Die Zeitung, die sich auf drei gut informierte Quellen beruft, schreibt: «Wladimir Putin hat das Interesse an diplomatischen Bemühungen zur Beendigung seines Krieges mit der Ukraine verloren und scheint stattdessen darauf aus zu sein, so viel Territorium wie möglich zu erobern.»

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Auszüge von Putins Rede im O-Ton

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

40 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
_kokolorix
26.04.2022 06:58registriert Januar 2015
Das Land mit den meisten unterdrückten Russischsprachigen ist definitiv Russland. Vielleicht sollte sich die russische Armee mal darum kümmern...
3236
Melden
Zum Kommentar
avatar
plaga versus
26.04.2022 06:43registriert November 2015
Putin und seine Armee sitzen in einem Fahrzeug ohne Rückwärtsgang. Das ganze endet erst mit einem Defekt oder einem Riesenknall.
1806
Melden
Zum Kommentar
avatar
Vile
26.04.2022 06:44registriert Dezember 2021
Was die Russen betrifft, so glaube ich unter den gegebenen Umständen nur an ihre imperialen Bestrebungen im Stil des 19. Jahrhunderts.
1336
Melden
Zum Kommentar
40
Frankreich streitet erneut über Burkinis: Grenoble will sie erlauben – und oben ohne auch

Die französische Grossstadt Grenoble will an diesem Montag über eine Zulassung von muslimischen Ganzkörperbadeanzügen, den sogenannten Burkinis, in öffentlichen Schwimmbädern beraten. Mit der geplanten Änderung der Schwimmbadordnung hat der grüne Bürgermeister der Stadt, Éric Piolle, eine erneute landesweite Burkini-Debatte losgetreten.

Zur Story