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Ukraine

Sekten und Freikirchen wollen Flüchtlinge aus der Ukraine aufnehmen

War refugees at the Polish-Ukrainian border crossing in Dorohusk, Poland, 05 March 2022. European Commission President Ursula von der Leyen said on 05 March that the number of people who fled the Russ ...
Eine warme Mahlzeit und Gebete für Flüchtende. Im polnisch-ukrainischen Grenzdorf Dorohusk bewerben zwei Männer mit Schildern die Zeugen Jehovas.Bild: keystone

Freikirchen empfangen Flüchtende mit offenen Armen – warum das problematisch sein kann

Religiöse Gruppen empfangen Flüchtende aus der Ukraine mit offenen Armen. Doch gerade bei radikalen Evangelikalen verbirgt sich hinter der Hilfsbereitschaft oftmals eine missionarische Absicht.
19.03.2022, 19:2421.03.2022, 10:31
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Die Solidarität, die flüchtenden Menschen aus der Ukraine entgegengebracht wird, ist gross. So gross, dass sich die Nichtregierungsorganisationen und freiwilligen Helfenden an den Grenzen inzwischen gegenseitig auf die Füsse treten. Journalisten vor Ort berichten von Kleintransportern, die die Strassen verstopfen, von Bergen an Toilettenpapier, Windelpackungen und Kuscheltiere, die vom Regen zerfressen werden. Und von religiösen Gruppierungen, die mit oder für die Flüchtenden beten und ihnen ihr Propagandamaterial in die Hände drücken.

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A woman searches trough donated clothes inside a sports hall to accommodate Ukrainian refugees fleeing Russian invasion at the border crossing town of Medyka in Poland, on Tuesday, March 1, 2022. All  ...
Berge von gespendeten Kleidern in einer Sporthalle im polnischen Grenzdorf Medyka. Bild: keystone

Die Hilfe von Zivilgesellschaft und Kirchen ist in Krisenzeiten zweifellos unverzichtbar. «Doch wenn hinter dem Mitgefühl eine eigennützige Absicht steht, wird es problematisch», sagt der Sekten- und Religionsexperte Hugo Stamm. Dies sei der Fall bei der Sekte Scientology, deren «Volunteer Ministers» derzeit an der ungarisch-ukrainischen Grenze Hilfsgüter verteilen oder Schlafplätze organisieren. Und nebenbei ihre pseudo-psychotherapeutischen Bücher verschenken und Berührungshilfen zur Glaubensheilung anbieten. Die Sekte wird von Experten als gefährlich eingestuft, weil sie ihre Mitglieder stark psychisch beeinflusst, unter Druck setzt und finanziell ausbeutet.

Der Facebook-Post eines ungarischen Scientology-Mitglieds.
Der Facebook-Post eines ungarischen Scientology-Mitglieds.screenshot: facebook

Auch in der Schweiz kümmern sich religiöse Gruppierungen und Kirchen bereitwillig um die ankommenden Flüchtenden aus der Ukraine. Die Freikirche Chrischona Frauenfeld hat fünf Frauen und sieben Kinder aus der Ukraine in ihren Räumlichkeiten untergebracht. Paul Bruderer, Initiant dieser Hilfsaktion, sagt gegenüber dem evangelikalen Webportal «livenet.ch»: «Es ist unsere Pflicht als Christen, dieser Not zu begegnen, mit den Möglichkeiten, die wir haben.» Paul Bruderer hofft, dass weitere Kirchen und Privatpersonen dem Beispiel seiner Gemeinde folgen. Auf einer neu gegründeten Internetplattform werden die Angebote koordiniert. Bereits haben sich acht weitere Landes- und Freikirchen sowie ein Kloster eingetragen.

Members of the Ukrainian community during a service for peace in Ukraine and war victims in a Ukrainian Catholic Church filled with boxes of humanitarian aid in Berlin, Germany, 13 March 2022. Russian ...
Ukrainische Geflüchtete beten in einer katholischen Kirche in Berlin.bild: keystone

Solange die Hilfe aus Nächstenliebe geschehe, sei das kein Problem, sagt Hugo Stamm, der regelmässig auf watson für einen Sektenblog schreibt. Heikel werde es, wenn hinter der Barmherzigkeit eine Missionierungsabsicht stehe. Am stärksten betreffe das Freikirchen. «Bei Evangelikalen ist der Auftrag, zu missionieren, ein zentraler Glaubensinhalt. Viele Gläubige befürchten, sündig zu werden, wenn sie die Botschaft Gottes nicht weiterverbreiten.»

Flüchtende seien deswegen für Evangelikale besonders interessant. «Jede gerettete Seele bringt den Gläubigen näher zu Gott. Flüchtende sind traumatisiert und sehr empfänglich für Trost und potenziell auch für die Botschaft Gottes», sagt Stamm.

Der Religionswissenschaftler und Leiter der evangelischen Informationsstelle «Relinfo», Georg Otto Schmid, sieht das ähnlich. Der Antrieb sei keineswegs ein bösartiger, denn aus ihrer Sicht wollten die Gläubigen den Flüchtenden ja tatsächlich helfen, indem sie ihnen die Wahrheit schenken. «Das Problem ist aber, dass es Schutzsuchenden keineswegs hilft, wenn ihnen eine Weltanschauung aufgedrückt wird und sie in eine Gemeinschaft gedrängt werden.»

Die meisten grossen Freikirchen hätten aber erkannt, dass es Grenzen gibt für ihren Missionierungsauftrag. «Sie wissen, dass sie beispielsweise am Arbeitsplatz nicht für den eigenen Glauben werben sollten», so Georg Otto Schmid. Und die meisten wüssten auch, dass sie die Situation von Menschen in Not nicht für ihre Mission ausnutzen dürfen. Ein Problem seien kleinere Gruppierungen, die unter dem Radar der Verbände aktiv sind. Oder Privatpersonen, die zu Hause Flüchtende aufnehmen und sie dann missionieren.

Georg Otto Schmid weiss von Fällen in Deutschland, wo ukrainische Geflüchtete den Platz wechseln mussten, weil sie von ihren Gastgebern missionarisch bearbeitet wurden. Von ähnlichen Fällen in der Schweiz hat der Religionswissenschaftler bisher nichts gehört. Es würde ihn aber nicht überraschen, wenn auch hier einzelne radikale Missionswerke Flüchtende gezielt angehen. «Das darf natürlich nicht passieren. Darum müssen die Gastgeber, die jetzt ukrainische Menschen aufnehmen, gut überprüft und gecoacht werden.»

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95 Kommentare
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Evi77
19.03.2022 20:04registriert Dezember 2020
Die christliche Ostmission ist in der Region, soweit ich weiss, schon lange aktiv. Ich bin immer etwas zwiegespalten bei solchen Engagements von Freikirchen, da viele (nicht alle!) das Missionieren einfach nicht lassen können.
Ich fand auch die Aktion Weihnachtspäckli eine gute Sache, bis ich an einem Vortrag über die Verteilung war und mir die Absicht der Hilfswerke klar wurde. Schade, sind die Seelenfänger nicht aus reiner Nächstenliebe für die Geflüchteten da.
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olmabrotwurschtmitbürli #wurstkäseszenario
19.03.2022 20:02registriert Juni 2017
Klar ist missionarische Tätigkeit unter Ausnutzung der aktuellen Situation verwerflich. Ich würde den Hilfeleistenden aber nicht per se absprechen, einfach nur etwas Sinnvolles tun zu wollen. Die Heilsarmee ist ein Beispiel dafür, dass wirksame Hilfe von religiösen Gruppen auch vorbehaltslos geleistet werden kann.
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-C-
20.03.2022 01:59registriert Februar 2016
Letztendlich könnte man das Thema auch einfach zusammenfassen, dass nicht jeder, der Hilfe anbietet, die aus Nächstenliebe tut und es wichtig ist, dass es auch gerade bei privater Unterbringung von Flüchtlingen eine Anlaufstelle für die Hilfesuchenden besteht, an welche sie sich wenden können, wenn sie sich unwohl fühlen.
Ich denke, es ist für die Flüchtlinge ebenso unangenehm (oder noch unangenehmer), wenn sie als billige Arbeitskräfte dienen, sexuelle Handlungen vornehmen sollen oder auf irgendeine Art und Weise psychischem Druck ausgesetzt werden..
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