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In der Ukraine tobt ein Krieg der Informationen – wie das Beispiel dieses Mädchens zeigt

Eine junge Ukrainerin erzählt in einem Video, dass sie aus Mariupol nicht vor der russischen Armee, sondern vor dem rechtsradikalen ukrainischen Regiment Asow geflüchtet sei. Das Video wirft ein Schlaglicht auf den Informationskrieg, der tobt.
31.03.2022, 12:29

«Die Menschen, die zum Regiment Asow gehörten, waren stolz darauf, dass sie andere verspotten, dass sie alle töten. (...) Sie veröffentlichten Videos, in denen sie Personen, die sich nicht mehr wehren konnten, mit einer Granate in die Luft sprengten, Kinder schikanierten (...)», sagt ein blasses, verängstigtes Mädchen in die Kamera.

Beim Mädchen im Video soll es sich um Lyubow Ustinowa, handeln. Angeblich ein Flüchtlingskind aus Mariupol.

Screenshot von Lyubow Ustinowa im Video, das in Russland im Umlauf ist.
Screenshot von Lyubow Ustinowa im Video, das in Russland im Umlauf ist.https://t.me/rian_ru/155300

Das Video ist eine von zig Informationen, die man im Netz und in den Medien zum Ukraine-Krieg findet – Bilder, welche die Wahrheit transportieren sollen. Das Video ist ein Exempel für den Informationskrieg, in dem wohl alle manipulieren, um zu diskreditieren.

Die russischen Staatsmedien verbreiten das Video mit der Botschaft, dass in der Ukraine Nazis Kinder töten. Das unabhängige russische Medium «Medizona» hingegen hat die Video-Daten sowie zusätzliche Dokumente einer «anonymen Quelle» analysiert und kommt zum Schluss: Das Video wurde vom russischen Geheimdienst (FSB) inszeniert, um zu desinformieren.

Fragen zur Instrumentalisierung des Videos in verschiedenen Kontexten gibt es viele. Antworten liefert watson auf diese Fragen im Folgenden nicht, aber einen Einblick in die Problematik.

FSB: «Nennen Sie die Quelle nicht»

Mediazona schreibt, dass die Redaktion von einem Informanten erfahren habe, dass die Videos vom FSB in Umlauf gebracht worden seien. Ein Handy-Screenshot soll dabei belegen, dass der FSB den Link zu mehreren Videos Medienschaffenden zur Verfügung gestellt habe. Der Ordner mit den Videos ist mit dem Hinweis versehen: «Nennen Sie die Quelle der Informationen nicht.»

Das Pressematerial sei auf der Website Yandex.Disk hochgeladen und zuletzt am 23. März um 19:00 Uhr geändert worden. Bei Yandex.Disk sei als Eigentümer der Dateien die Presseabteilung des FSB angegeben. Auch dies wird mit einem Screenshot im Artikel belegt. Die Dateien seien von zwei bis drei Dutzend Benutzern heruntergeladen worden.

Insgesamt wären neun Minuten Videomaterial sowie Fotos zum Download bereitgestellt worden. Ausschnitte der Videos finden sich zum Beispiel in einer Nachrichtensendung des staatlich, russischen Fernsehsender NTW vom 24. März, die auf dem russischsprachigen Videoportals Rutube einsehbar ist.

Die Videos

Mediazona hat das Videomaterial analysiert: Im ersten Video stelle sich Ustinowa vor. Das Video beginne mit der Aussage: «Wir wurden evakuiert. Vielen Dank, Russische Föderation. Ich möchte Ihnen etwas über die Situation in Mariupol erzählen.» Am Schluss des Videos stottere das Mädchen etwas über das Regiment Asow und dass sie dort einen Bekannten hätte. Dabei lächle sie verlegen. Dann breche das Video ab. Den Metadaten nach sei das Material am 22. März gegen 20:00 Uhr gedreht worden.

Regiment Asow
Das Regiment Asow (Полк Азов) ist ein ukrainisches Freiwilligenbataillonen, das im Frühjahr 2014 von den nationalistischen Politikern Oleh Ljaschko und Dmytro Kortschynskyj aufgestellt wurde. Einige Anführer haben sich offen rechtsextreme geäussert. Zudem bedient sich das Regiment Asow nationalsozialistischer Symbolik. Mehr dazu hier.

Das zweite Video soll etwa sechs Minuten später aufgenommen worden sein. Ustinowa beginne diesmal ohne zu zögern über angebliche Gräueltaten des Regiments Asow zu sprechen:

«[Die Zugehörigen des Regiment Asow] versteckten sich in Schulen, (...), bombardierten das Schauspielhaus, (...), versteckten sich in Kindergärten, bombardierten das Entbindungsheim, während dort Operationen stattfanden. Es war sehr beängstigend»

In den Anweisungen des FSB an die Medienschaffenden würde stehen, dass Ustinowa mit dem ukrainischen Militär kommuniziert habe, bevor sie nach Russland gekommen sei. So hätte sie in mehreren Instagram-Storys einen Freund erwähnt, den der FSB als Asow-Kämpfer betrachte. Der Mann habe Ustinowa per Chat geraten, Mariupol so schnell wie möglich zu verlassen und «alle Fotos, alle Kontakte mit dem Militär» vom Handy zu löschen.

Ustinowa beschuldigt das Asow Regiment dieser Gräueltat – unabhängige Belege gibt es nicht dafür:

Tatsächlich hat die ukrainische Zeitung «Graty» bereits darüber berichtetet, dass Ukrainer gewaltsam von Mariupol nach Russland gebracht und an der Grenze von FSB-Beamten verhört und gefilzt würden. Der Artikel ist als Erfahrungsbericht einer betroffenen Person gehalten. Mediazone konnte die Person nicht mehr erreichen.

Mehr offene Fragen zum FSB und dem Informationskrieg:

(yam)

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quelle: keystone / anatoly maltsev
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72 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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nichtMc
31.03.2022 10:57registriert Juli 2019
Der Informationskrieg tobt nicht nur in der Ukraine, sondern auch bei uns.
Es ist ziemlich schwierig, objektive und durch unabhängige Stellen geprüfte Infos zu erhalten.
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Mathilde von Bethanien
31.03.2022 11:13registriert Dezember 2020
Es wäre naiv zu glauben, dass in einem Krieg nur eine Seite Verbrechen begeht. Dennoch ist klar, wer in diesem Krieg der ursprüngliche Aggressor war und wer seit Jahren gezielt falsche Propaganda zum Machterhalt einsetzt.
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Liebu
31.03.2022 11:04registriert Oktober 2020
Wen Medizona das Video und zusätzliche Dokumente analysiert hat und zum Schluss kommt, dass dieses Material vom russischen Geheimdienst (FSB) stammt, gehe ich auch davon aus, dass es inszeniert wurde.
Zu oft wurden von russischer Seite Falschnachrichten verbreitet als das zu glauben. Wir können uns glücklich schätzen, werden Videos und News erst verifiziert.
Die Russen haben diese Möglichkeit nicht und glauben oft, was die Propaganda ihnen serviert.
Aber irgendwann wird das Putin und seine Vasallen einholen und sie müssen auch vor den Bürgern Russlands dafür geradestehen.
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