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Ukraine

Wie die Ukrainer mit Drohnen russische Soldaten jagen

Wie die Ukrainer mit Drohnen russische Soldaten jagen

Weil die Ukrainer zu wenig militärische Drohnen besitzen, verwenden sie zunehmend zivile Fluggeräte, sogenannte Quadcopter. Sie sollen Bilder von gegnerischen Stellungen liefern – oder diese als Kamikaze-Drohnen zerstören.
25.07.2022, 06:14
Kurt Pelda, Cherson / ch media

Das Labyrinth von Schützengräben endet in einem langen Tunnel, der zum Keller eines Gebäudes führt. Gut geschützt unter der Erde befinden sich Schlafräume und eine kleine Kantine mit Platz für ein Dutzend Personen.

FILE - Ukrainian servicemen correcting artillery fire by drone at the frontline near Kharkiv, Ukraine, on Saturday, July 2, 2022. Never in the history of warfare have drones been used as intensively a ...
Ukrainische Soldaten steuern bei Charkiw eine Drohne.Bild: keystone

Eine Soldatin schöpft Suppe mit Fleischstücken aus einem grossen Topf, und ein älterer Kämpfer schneidet Brotscheiben für die hungrigen Soldaten. Er trägt ein militärgrünes T-Shirt mit der Aufschrift «Suisse». Vor der Küche stehen Treibsätze für westliche Artilleriegranaten, Kaliber 155 Millimeter. Wir befinden uns an der Südfront in der Nähe der russisch besetzten Provinzhauptstadt Cherson.

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Ein kurzer Spaziergang durch zum Teil mit Tarnnetzen überdeckte Gräben führt zu einem weiteren, arg zerschossenen Gebäude. Hoch über unsere Köpfe fliegen dann und wann russische Granaten, die nach einigen Sekunden weit hinter den ukrainischen Stellungen explodieren. Auch das zerschossene Haus ist unterkellert. In einem der unterirdischen Räume betreten wir einen Kommandoposten mit mehreren Computern. Auf den Bildschirmen sind Überwachungsvideos von der Front sichtbar.

Weniger russische Granaten dank westlicher Artillerie

Im Kommandoposten treffen wir auf einen Artillerieoffizier, der uns bittet, die genaue Position der Stellung geheim zu halten. Der 31-Jährige bestätigt im Gespräch, was wir schon länger vermuten: Seit dem Einsatz amerikanischer Himars-Präzisionsraketen gegen russische Munitionsdepots und Stellungen ist das feindliche Artilleriefeuer drastisch zurückgegangen. Waren es vorher noch zwei bis drei Stunden heftigen Beschusses pro Tag, liegen die Ukrainer an der Südfront jetzt nur noch etwa eine Stunde pro Tag unter Feuer.

Ähnliches spielt sich offenbar auch an der Ostfront im Donbass ab, wo Soldaten ebenfalls von einer spürbaren Abnahme des russischen Artilleriefeuers berichten. Dafür sind aber nicht nur die weitreichenden Himars-Lenkwaffen verantwortlich, sondern auch westliche 155-Millimeter-Geschütze, die neben gewöhnlichen Granaten auch Präzisionsmunition über grosse Distanzen verschiessen können.

Im Kommandoposten gibt es ausserdem einen unterirdischen Aufenthaltsraum mit einem grossen runden Tisch. Hier sitzen drei Amerikaner, ehemalige Angehörige der US-Marineinfanterie. Zwei von ihnen sind nun bei der ukrainischen Armee unter Vertrag, ein dritter ist als Freiwilliger ohne Bezahlung hier. Ihre Aufgabe sei es, ukrainische Soldaten auszubilden, erzählen die drei Männer.

Ein Geländewagen mit Zürcher Nummer

Vor dem zerschossenen Gebäude trifft unterdessen ein Pick-up mit einem Zürcher Nummernschild ein. Der Fahrer, ein Offizier der Territorialverteidigung aus der Hauptstadt Kiew, parkt den Pritschenwagen in einer engen Gasse, um ihn besser zu schützen – einerseits gegen herumfliegende Granatsplitter und andererseits vor dem Erkanntwerden durch Aufklärungsdrohnen. Der Mann heisst Vitali und sagt, dass sein Auto von Leuten in der Schweiz gekauft und der Ukraine gespendet worden sei.

Unter einer grossen Plane hat Vitali auf der Ladefläche Drohnen verschiedener Grössen verstaut. Damit tingelt er durchs Land und gibt Soldaten Kurse in der Handhabung der Fluggeräte. Es sind sogenannte Quadcopter mit jeweils vier kleinen Elektromotoren und einer Videokamera. Beide Kriegsparteien benützen solche zivilen Drohnen, primär zur Aufklärung gegnerischer Stellungen und Artilleriebatterien.

Anders als eigens fürs Militär entworfene Drohnen können über Funk gesteuerte zivile Quadcopter relativ wenig Nutzlast transportieren. Ihre Reichweite ist auf wenige Kilometer begrenzt. Sie eignen sich damit nur für Soldaten direkt an der Front. Dafür sind die Drohnen aber so klein, dass sie meistens unerkannt unter dem gegnerischen Radarschirm hindurch kommen.

Ukrainian soldiers look at a drone screen showing Russian troops positions during heavy fighting at the front line in Severodonetsk, Luhansk region, Ukraine, Wednesday, June 8, 2022. (AP Photo/Oleksan ...
Ukrainische Soldaten beobachten russische Truppen vie Drohne bei Severodonetsk, Bild: keystone

Sowohl die Drohnen als auch die Steuergeräte senden jedoch Funksignale aus, die der Gegner orten kann. Geht der Funkkontakt verloren, fliegen die Drohnen automatisch zur GPS-Position des Piloten zurück. Das ist eine weitere Gefahrenquelle, denn wenn die gegnerische Funkaufklärung diese Koordinaten ermitteln kann, dauert es nicht lange, bis die Position des Piloten gezielt mit Artilleriefeuer belegt wird. Zu Vitalis Aufgaben gehört es deshalb auch, seinen Schülern zu zeigen, wie man solche Risiken minimiert.

Nach einem theoretischen Einführungskurs am Morgen geht es am Nachmittag hinaus aufs Feld zur praktischen Anwendung. Der russische Beschuss hat inzwischen nachgelassen, nur in der Ferne sind noch dumpfe Detonationen hörbar. Am Horizont brennen Weizenfelder.

Unter den Schülern befindet sich auch ein südkoreanischer Freiwilliger, der sich den Ukrainern als Kämpfer angeschlossen hat. Er hat von allen am meisten Mühe mit seiner Übungsdrohne. Ein schlanker Ukrainer, der als einziger der kleinen Gruppe ein Maschinengewehr an Stelle des sonst üblichen Sturmgewehrs mitträgt, fliegt seine Drohne dagegen schon nach kurzer Zeit mit grosser Fingerfertigkeit über das flache Land. Die Qualität der Videobilder, die auf den Steuerbildschirm übermittelt werden, ist erstaunlich.

Selbst gebastelte Kamikaze-Drohne

Szenenwechsel in den Osten des Landes, in die Region der fast 500 Kilometer entfernten Stadt Isjum, die von den Russen besetzt ist. Vier Ukrainer einer Freiwilligeneinheit sind in einem grünen Pick-up mit hoher Geschwindigkeit unterwegs zur Front. Zwei der jungen Männer sind Flugprofis. Der eine ist der Fahrer, er führt eine Aufklärungsdrohne mit. Es ist das gleiche Modell wie jenes, das Vitali seinen Schülern an der Südfront vorgeführt hat.

Der zweite Kämpfer hält auf dem Beifahrersitz eine Kamikaze-Drohne in der Hand. Eine Handvoll Plastiksprengstoff hat er mit Metallstücken belegt, den Sprengkörper mit schwarzem Klebband umwickelt und an dem kleinen Quadcopter angebracht. Die anderen beiden Soldaten kommen zur Absicherung des geplanten Angriffs mit.

Die Fahrt führt durch teilweise zerstörte Geisterdörfer und eine malerische Landschaft, durchsetzt mit Sonnenblumen- und Weizenfeldern. Bei einem Waldstück liegen plötzlich fünf Panzerminen auf der Strasse. Es gibt eine Vollbremsung, und danach wird das Auto in dem Waldstück geparkt. Wie aus dem Nichts taucht ein weiterer Soldat auf. Nach einem kurzen Austausch geht es zu Fuss durch eine bewaldete Schlucht in den letzten Schützengraben vor den russischen Positionen. Die kleine Stellung befindet sich auf einem Hügel, ungefähr 1700 Meter von den Russen entfernt. Diese haben sich in einem Dorf jenseits eines Flüsschens eingenistet.

Der Fahrer des Pick-ups lässt nun seine Drohne starten, wobei er geschickt den Ästen der Bäume ausweicht, die uns gegen Sicht schützen. Auf der anderen Seite feuern die Russen derweil drei Minenwerfergranaten ab, die aber mehrere hundert Meter entfernt explodieren. Nach wenigen Augenblicken hat die Drohne den Rand des Dorfs erreicht. Sie fliegt in etwa 150 Metern Höhe. Die Ukrainer haben den späten Nachmittag als Zeitpunkt ihres Angriffs ausgewählt, weil die Sonne dann hinter der Drohne steht und diese so für die Russen schwieriger zu entdecken ist.

Auf dem Bildschirm der Steuereinheit tauchen Männer auf. Einer von ihnen betritt den Anbau eines ebenerdigen Wohnhauses mit Wellblechdach. Die Ukrainer meinen, es könne sich um eine improvisierte Küche der Russen handeln. Der Anbau hat eine hellblaue Tür, die im Moment geöffnet ist. Der Autofahrer gibt dem Kämpfer mit der Kamikaze-Drohne jetzt den Befehl zum Abflug.

Der Pilot hat sich eine Videobrille übergestülpt, die das Bild der Drohnenkamera direkt vor seine Augen projiziert. Nach einem kurzen Flug steuert er die Drohne in einer sanften Linkskurve in die offene Küchentür. Am Bildschirm der Aufklärungsdrohne ist ein Feuerball zu sehen, und die hellblaue Türe fliegt zerstückelt durch die Luft. Die vier Soldaten jubeln. «Welcome to Ukraine», ruft einer von ihnen.

Als sich die Rauchwolke der Explosion verzogen hat, rennt ein Uniformierter aus dem Anbau und sucht Schutz hinter einem Schuppen nebenan. Die Ukrainer sind sich sicher, einen oder zwei Russen getötet zu haben. Die Aufnahmen, welche die Aufklärungsdrohne zum Bildschirm sendet, liefern dafür aber keinen Beweis.

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Gewaltiger Brand im Osten der Ukraine: «Die Russen verbrennen unser Brot»

Video: watson

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11 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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kleine_lesebrille
25.07.2022 07:03registriert Mai 2022
‘das feindliche Artilleriefeuer sei drastisch zurückgegangen’: genau dies ist anzustreben, weil es nämlich die Zivilbevölkerung schützt.

Und wenn sich die Ukrainer deshalb auf ihrem eigenen, souveränen Gebiet gegen Eindringlinge wehren, welche Tod und Verwüstung gebracht haben, dann gibt es dafür vollste Rechtfertigung.
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Gitarrenmensch
25.07.2022 10:14registriert Mai 2021
Erinnert an die Vietcong, einfach mit modernen Mitteln.
Man kann sich vorstellen, was das für die Besatzer bedeuten könnte, falls Russland die besetzten Gebiete nicht mehr frei gibt.
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TheRealSnakePlissken
25.07.2022 10:34registriert Januar 2018
Ein neues Geräusch, das für den Feind den Horror ankündigt: Das Surren der Drohnen gesellt sich zum Dröhnen der Motoren, dem Rasseln der Panzerketten, dem Donnern der Geschütze, dem Heulen und Pfeiffen der Geschosse - schade nur, dass Putin und Lavrov das nie erleben …😤
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