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Ukraine

«Es herrscht Chaos» – Katerstimmung im befreiten Cherson

epa10313300 People stand in line to get water in the city of Kherson, Ukraine, 18 November 2022. Ukrainian troops entered Kherson on 11 November after Russian troops had withdrawn from the city. Khers ...
Hilfslieferung in Cherson: Brot bekommt, wer vorne in der Schlange steht.Bild: keystone

«Es herrscht Chaos» – Katerstimmung im befreiten Cherson

Die Kremltruppen haben sich verzogen, doch in Cherson in der Südukraine macht sich langsam Ernüchterung breit. In einer Baptistenkirche kämpft ein Pfarrer gegen die alltägliche Not – während Verteilungskämpfe um die wichtigsten Güter ausbrechen.
20.11.2022, 17:22
Daniel mützel, cherson / t-online
Ein Artikel von
t-online

Serhiy Syniy sitzt vor einem Stapel Weißbrot und erklärt seinen Plan: «50 Prozent gehen heute raus, der Rest die nächsten Tage. Und Wasser gibt es erst morgen wieder.»

Die Entscheidung fällt dem 73-jährigen Pastor sichtlich schwer. «Da stehen hungrige Menschen stundenlang in der Kälte für einen Laib Brot und eine Flasche Wasser. Aber die meisten muss ich wieder wegschicken», sagt er und redet sich in Rage. «Glauben Sie, ich will das? Natürlich nicht.» Syniy scheint plötzlich aufgebracht über den eigenen Plan. Aber er sieht keinen anderen.

Vor Syniys kleiner Baptistenkirche am Stadtrand von Cherson in der Südukraine schieben sich Menschen ungeduldig durch das Gittertor. Sie warten schon seit Stunden im Nieselregen, hoffen auf Wasser und den Berg Weissbrot, auf dem Syniy sitzt. Die Lage ist angespannt, die wachsende Verzweiflung der Menschen spürbar.

Erst gestern habe es wieder Rangeleien um die letzten Wasserflaschen gegeben, berichtet der Pfarrer. «Die Menschen sind emotional am Anschlag. Sie gehen aufeinander los, weil sie mit fünf Litern pro Familie nicht auskommen. Damit kann man sich kaum die Zähne putzen oder die Haare waschen.»

«Es herrscht Chaos»

Nach der Befreiung durch ukrainische Truppen vor rund einer Woche herrscht in Cherson eine humanitäre Notlage: Kein Strom, kein fliessend Wasser, auch Gas und Sprit sind Mangelware. Bevor die Kremltruppen die Stadt verliessen, haben sie die regionale Stromversorgung und die Wasserinfrastruktur gesprengt. Ein klares Kriegsverbrechen der russischen Armee, neben weiteren, wie etwa den zahlreichen, mutmasslichen Folterverbrechen in der Region. Lebensmittel gelangen nur über Hilfsorganisationen oder Behörden in die Stadt. Die meisten Geschäfte sind geschlossen.

Doch nicht jede Hilfe ist gut organisiert: Die von der ukrainischen Regierung geschickten Lkw karren ihre Güter etwa einfach auf den zentralen Freiheitsplatz und laden sie dort ab, kritisiert Synyi. «Da herrscht Chaos.» Allzu oft bekämen nur diejenigen etwas, die überhaupt die Kraft haben, stundenlang in der Kälte zu stehen.

Aber wie anders organisieren? Der 73-Jährigen kommt ins Grübeln. Wie lassen sich die Schwächsten versorgen, die Alten und Kranken, die allein in ihren Wohnungen hocken und vom Rückzug der Russen vielleicht noch gar nichts mitbekommen haben? Der Pfarrer, der zuvor noch Gott und der ukrainischen Armee gedankt und seiner Gemeinde eine bessere Zukunft versprochen hat, fängt plötzlich an zu weinen. «Ich führe meinen eigenen Kampf in mir drin», sagt er und meint seinen Krebs, der schon die Knochen angreife.

epa10314294 People sit inside the railway station in Kherson, southern Ukraine, 19 November 2022. Around 200 people arrived in Kherson by train for the first time since 24 February as Ukraine resumed  ...
Zum ersten Mal seit dem 24. Februar treffen Züge im Bahnhof von Cherson ein.Bild: keystone

Manchmal zweifle er daran, dass er das alles schaffe: seine Erkrankung, das Chaos in der Stadt, die Menschen, für die er stark sein muss. «Acht Monate permanente Angst unter russischer Besatzung, jetzt diese Hilflosigkeit.» Hinzu kommt: Eine deutsche Freiwilligenorganisation, die ihm tags zuvor Hilfslieferungen versprochen hatte, meldet sich plötzlich nicht mehr bei ihm. «Habe ich sie enttäuscht?», fragt der Pfarrer und wirkt von Minute zu Minute unsicherer.

Die Rangeleien und Schreie in den Schlangen, die Zweifel von Pastor Synyi – es sind Szenen, die eine neue Realität im gerade erst befreiten Cherson beschreiben. Vor einer Woche gingen die Bilder der glücklichen Menschen von Cherson um die Welt, die ukrainischen Soldaten um den Hals fielen und blau-gelbe Flaggen schwenkten. Nun macht sich allmählich Ernüchterung breit.

Die Menschen geniessen ihre wiedererlangte Freiheit, aber sie müssen erneut ums Überleben kämpfen. Es herrscht Katerstimmung in Cherson.

Residents gathering at an aid distribution point receive supplies in downtown Kherson, southern Ukraine, Friday, Nov. 18, 2022. (AP Photo/Bernat Armangue)
Die Hilfslieferungen reichen nicht für alle.Bild: keystone

Ärger über die Behörden in Cherson

«Wir leben in einer kollektiven Depression, wie schon vor dem Krieg», sagt Alexei Sandakov, der eine Videoagentur und einen Tischtennisclub in Cherson betreibt. Der 44-Jährige fuhr während der vergangenen acht Monate mit seinem Fahrrad durch die Stadt und filmte heimlich die Besatzer, erzählt er. Das Material schickte er an internationale Medien, «um der Welt zu zeigen, was in Cherson wirklich passiert», sagt Sandakov.

Auch bei ihm ist die Euphorie teils verflogen, stattdessen wächst die Ungeduld. «Als die Invasoren nach Cherson kamen, standen am zweiten Tag fünf Lkw mit Benzin in der Stadt. «Warum schaffen unsere Behörden das nicht?», fragt der 44-Jährige. Vor allem der Mangel an Sprit sei ein Riesenproblem: Der begehrte Brennstoff könnte Generatoren und Wasserpumpen versorgen und damit Strom und Wasser liefern. «Aber die meisten Tankstellen sind kaputt oder ausgeraubt», sagt Sandakov.

Tatsächlich herrscht fast in der gesamten Stadt ein totaler Blackout. Kaum ein Haus hat Strom. Nur hier und da hört man einen Generator knattern, am Leben gehalten vom letzten Sprit, den die Russen zurückliessen. Sandakovs Produktionsfirma oder Sinyis Kirche gehören zu den wenigen Begüterten, zur Sprit-Elite von Cherson.

Sandakov, der in Bielefeld Wirtschaftsrecht studiert hat und bis 2017 als Steuerberater in Deutschland gearbeitet hat, hält die lokalen Behörden für unfähig und korrupt. «Das Missmanagement in der Stadt war der Grund, warum die Russen überhaupt so schnell hier einfallen konnten. Die politische Klasse in Cherson war von Moskau gekauft.»

Tatsächlich übergab Chersons damaliger Bürgermeister Ihor Kolychajew den Russen kampflos die Stadt. Gerüchten zufolge hatten Mitglieder der Stadtverwaltung zudem die Pläne der umliegenden Minenfelder an den Feind durchgestochen. Russische Panzertruppen konnten blitzkriegartig von der Krim aus durch den ukrainischen Süden marschieren. Nach drei Tagen standen sie in der Regionalhauptstadt, am 2. März hatten sie die volle Kontrolle.

«Wer hat vor dem Krieg von Cherson gehört? Es war eine vergessene Region», sagt Alexei Sandakov. «Ich sehe nicht, dass es jetzt anders wird.» Januschewitsch, der Gouverneur der Region Cherson, mache hauptsächlich «Eigen-PR», anstatt eigene Hilfen zu organisieren. «Der wartet auf internationale Hilfsgelder.» Der 44-Jährige wolle daher schnell raus aus der Stadt, nach Kiew, «um ein paar Tage durchzuatmen».

Ukrainian soldiers inspect a damaged Russian tank in the recently retaken village Chornobaivka near Kherson, Ukraine, Tuesday, Nov. 15, 2022. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
Ukrainische Soldaten inspizieren einen beschädigten russischen Panzer in Cherson.Bild: keystone

Russland beginnt, die Stadt zu bombardieren

Als sich die Kremltruppen Anfang November aus Cherson zurückzogen, liessen sie den Ukrainern eine Botschaft zurück: Wir kommen wieder. Das war einerseits eine Drohung, andererseits der Versuch der russischen Armee, den Abzug als vorübergehende Massnahme zu verkaufen und dem heimischen Publikum ihre Niederlage zu verschleiern.

Die ersten Tage der Befreiung verliefen ruhig. Statt der befürchteten «Todesfalle», vor der etwa der ukrainische Regierungsberater Michailo Podolyak im t-online-Interview gewarnt hatte, wurden Selfies gemacht und Soldaten geküsst. Selbst der Besuch von Präsident Wolodymyr Selenskyj am vergangenen Montag reizte die Russen nicht, die in der Nähe stehende Rohrartillerie gegen die Stadt zu richten.

Das änderte sich am Mittwoch. Russische Truppen, mutmasslich vom Dorf Oleschky aus, beschiessen das Flussufer von Cherson mit Mörsergranaten. Tags darauf trifft es den Hafen. In der Stadt sind die Einschläge deutlich zu hören, ebenso das Donnern des ukrainischen Gegenfeuers.

Doch das Artilleriegefecht über dem Dnipro scheint die meisten nicht zu stören. Während die unsichtbaren Geschosse links und rechts über ihre Köpfe hinwegfliegen, stehen die Chersoner Schlange für SIM-Karten und Windeln. Wer sich traut, fährt zum Dnipro und füllt Flusswasser ab, in Sichtweite des russisch kontrollierten Gebietes.

Russische Saboteure und frei herumlaufende Häftlinge

In der Polizeistation von Cherson geht es tumultartig zu. Schwer bewaffnete Polizisten und Soldaten marschieren durch die Flure, vorbei an Bürgern mit fehlenden Pässen und anderen Alltagssorgen. Die Glasscheibe am Schalter ist von Kugeln durchsiebt und nur notdürftig mit Tesafilm überklebt. Eine Frau meldet einen Autodiebstahl, ein mässig motivierter Beamter notiert etwas in seinen Block.

«Wir versuchen gerade, das Chaos in den Griff zu bekommen», sagt ein Polizist mit Sturmgewehr und müden Augen. Doch die Sicherheitsbehörden hätten es nicht nur mit russischen Saboteuren zu tun, sondern auch mit frei herumlaufenden Kriminellen: «Bevor die Russen gegangen sind, haben sie Mörder, Diebe und andere Häftlinge aus den Gefängnissen befreit. Allein heute haben wir 34 wieder eingefangen», so der Beamte.

Menschen laden ihr Handy, in der Hoffnung, sich mit dem Internet zu verbinden und ihren Liebsten zu telefonieren.
Menschen laden ihr Handy, in der Hoffnung, sich mit dem Internet zu verbinden und ihren Liebsten zu telefonieren.Bild: keystone

Das Artillerieduell vom Vortag weckt böse Vorahnungen. Die Stimmung in der Stadt ist angespannter, was sich vornehmlich am Verhalten der Sicherheitskräfte ablesen lässt. Der Freiheitsplatz wurde am Freitag für den Strassenverkehr gesperrt, Autos werden von grimmigen Polizisten in die Seitenstrassen beordert. Auf dem nun weltbekannten Platz tummeln sich noch immer Hunderte, die meisten Bewohner sind wegen der Hilfsgüter gekommen, die hier angekarrt werden. Auch die Ukraine-Flaggen wehen nur noch vereinzelt im Wind.

«Sie klauten sogar Böden aus den Wohnungen»

Pfarrer Sinyi hat mittlerweile seinen Mut wieder gefasst. Doch auch wenn die nächsten Wochen und Monate in Cherson hart werden würden, seien ihm die Schrecken der russischen Besatzung noch gut im Gedächtnis. Der 73-Jährige berichtet von Fällen, wo Soldaten Klos, Waschbecken und sogar Linoleumböden aus Wohnungen rissen. «Kurz vor ihrem Abzug haben sie ihre Lkw vollgeladen und sind weggefahren.»

Er habe jede Woche in seiner Sonntagsmesse für die Befreiung gepredigt. «Auch wenn sich viele an die neue Lage gewöhnt hatten und dachten, sie lebten für immer in Russland.»

Am Ende kommt Pfarrer Synyi doch noch zu den erhofften Hilfspaketen. Die deutschen Freiwilligen der Organisation House of Hope luden am Samstag laut eigenen Angaben 2,5 Tonnen Nudeln, Dosenfleisch und Hygieneartikel beim Kirchenmann in den Hof.

«Ich bin überglücklich» schreibt der Pfarrer schliesslich per SMS. «Einen Grossteil der Boxen haben wir gleich verteilt.» Und der Berg Weissbrot, den Synyi tagelang bewachte, wie ein Hirte seine Schafe? «Ist fast weg.»

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34 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Martin Baumgartner
20.11.2022 19:51registriert Juni 2022
Für den Kreml ist diese Art den Krieg zu führen weitaus erfolgreicher. Sie zerstören aus der Ferne die Infrastruktur der Ukraine. Jetzt kommt der Winter und die Menschen haben kein oder unregelmässig Energie, Wasser und Nahrung. Viele Häuser sind defekt oder zerstört. Und was wieder repariert wurde kann jederzeit wieder zerbombt werden.
Was müssen die Menschen dort noch alles erleiden.
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aye
20.11.2022 22:04registriert Februar 2014
«Bevor die Kremltruppen die Stadt verliessen, haben sie die regionale Stromversorgung und die Wasserinfrastruktur gesprengt. Ein klares Kriegsverbrechen der russischen Armee»

Man kann es gar nicht oft genug wiederholen: Das sind KRIEGSVERBRECHEN. Nichts davon ist normal, nicht mal im Krieg.
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Stefan Sowieso
21.11.2022 00:48registriert Juli 2020
Die beschlagnahmten Gelder einsetzen. Alles muss nun vorwärts kommen. Ihr Krieg, ihre Kosten. Wen die Oligarchen bluten, ist Putin schnell weg.
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Darum kauft sich Putin jetzt fast schrottreife Tanker zusammen
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