Diese Tiere leben in einem der grössten Müllstrudel der Welt
Im Ozean treibt Müll, der riesige Müllteppiche bildet. Einer der grössten ist der «Great Pacific Garbage Patch» im Pazifik. Dort sammeln sich inzwischen zehntausende Tonnen Kunststoffteile, die so robust sind, dass sie jahrelang im Meer treiben. Die Region liegt im nordpazifischen subtropischen Wirbel, einem riesigen rotierenden Strömungssystem zwischen Kalifornien und Hawaii.
Zwischen all dem Plastikabfall finden Forscherinnen und Forscher vermehrt Lebewesen, die im riesigen Abfallstrudel ihr eigenes Ökosystem aufgebaut haben, wie earth.com berichtet.
Sie nennen diese Gemeinschaft von Lebewesen «neopelagische» Gemeinschaften – wobei «neo» für neu steht und «pelagisch» sich auf das Leben in der offenen See bezieht. Durch die unzähligen schwimmenden Plastik-Inseln können Lebewesen, welche eigentlich an der Küste leben, plötzlich auch im offenen Meer überleben.
Lange Zeit wurden Küstengewässer und das offene Meer als getrennte Lebensräume betrachtet. Man nahm an, dass Küstenarten an Felsen, Pfeilern und Uferlinien bleiben, während pelagische Arten ins offene Meer gehören. Im «Great Pacific Garbage Patch» vermischen sich diese Lebensräume jedoch.
Krebse im Pazifikmüll
Um genaueres über das Leben im Abfallstrudel herauszufinden, fischte ein Forscherteam mehr als 100 Plastikgegenstände aus dem «Great Pacific Garbage Patch». Flaschen, Bojen, Kisten, Netze, Seile und Eimer.
Zurück im Labor fanden sie eine grosse Vielfalt von Lebewesen, darunter Seepocken, Krebse, Flohkrebse, Moostierchen, Hydroidpolypen und Seeanemonen.
Insgesamt identifizierten sie 46 verschiedene wirbellose Arten aus sechs grossen Tiergruppen. Von diesen 46 Arten waren 37 Küstenarten und 9 pelagische Arten – das heisst, rund 80 Prozent der Vielfalt auf den Trümmerteilen stammte von Organismen aus Küstenlebensräumen.
Lebenszyklen auf Plastik
Das Team suchte nach Hinweisen auf Fortpflanzung und Wachstum und wollte so herausfinden, ob die verschiedenen Küstenorganismen nur vorübergehende Passagiere auf dem Plastik sind oder ob sie dort ihre gesamten Lebenszyklen durchlaufen können.
Sie suchten bei mehreren Krebstiergruppen wie Flohkrebsen und Krabben nach brütenden Weibchen – also Weibchen, die Eier oder Jungtiere trugen – und sie wurden fündig. Ausserdem entdeckten sie Fortpflanzungsstrukturen bei Hydroiden. Die Forschenden massen zudem einzelne Tiere und notierten die Grössenunterschiede auf jedem Plastikgegenstand.
Bei einigen Seeanemonen und Flohkrebsen entdeckten sie winzige Jungtiere, mittelgrosse und ausgewachsene Exemplare, die alle gemeinsam auf derselben Plastikoberfläche lebten.
Dieses Muster deutet darauf hin, dass neue Generationen direkt auf den Plastik-Inseln aufwachsen, statt alle gleichzeitig von der Küste dorthin zu gelangen.
Plastikverschmutzung ist nicht nur ein Abfallproblem. Sie verändert die Lebensräume im Meer und gibt Küstenorganismen die Chance, zu überleben, sich fortzupflanzen und sich über grosse Entfernungen auszubreiten.
Die vollständige Studie wurde in der Fachzeitschrift Nature Ecology and Evolution veröffentlicht. (fak)
