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Massensterben von Seeigeln wird zur weltweiten Pandemie

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Langstacheliger Diademseeigel (Diadema setosum), am Meeresboden hatpin urchin, longspined sea urchin (Diadema setosum), on sea groun ...
Langstacheliger Diademseeigel.Bild: imago

Massensterben von Seeigeln wird zur weltweiten Pandemie

24.05.2024, 09:22
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Ein Parasit vernichtet immer mehr Seeigel-Bestände. Binnen zwei Tagen macht er aus gesunden Tieren Skelette. Fatal ist das für Korallenriffe, die ohnehin schon unter Klimawandel und Umweltverschmutzung leiden.

Inzwischen sei die tödliche Erkrankung auch im Indischen Ozean nachzuweisen, berichtet ein Forschungsteam im Fachjournal «Current Biology». Aufnahmen zeigen unzählige tote Seeigel an einem Strand der Insel La Réunion. Der Ausbruch stelle eine unmittelbare Bedrohung für Korallenriffe weltweit dar: Seeigel fressen Algen, die sonst Korallen überwuchern und abtöten würden.

Ein auf Wimperntierchen zurückgehendes Massensterben von Diadem-Seeigeln war im Januar 2022 zunächst auf den US-amerikanischen Virgin Islands aufgefallen. In den Monaten darauf wurden ähnliche Beobachtungen in weiten Teilen der Karibik gemacht. Dann waren auch das Mittelmeer und rasch auch das Rote Meer betroffen.

Ganze Populationen verschwinden

Die Forschenden schätzen, dass seit Dezember 2022 der grösste Teil der Populationen betroffener Seeigel-Arten im Roten Meer sowie hunderttausende Seeigel weltweit vernichtet wurden. Im Riffsystem nahe der israelischen Küstenstadt Eilat zum Beispiel seien die beiden Seeigel-Arten, die zuvor im Golf von Akaba am häufigsten vorkamen, vollständig verschwunden.

Das Team um Omri Bronstein von der Universität Tel Aviv identifizierte nun den Erreger, der für das Massensterben von Gewöhnlichen Diadem-Seeigeln (Diadema setosum) - langstacheligen, schwarzen Seeigeln - im Roten Meer verantwortlich ist: ein der Art Philaster apodigitiformis ähnliches Wimperntierchen. Der einzellige Parasit sei auch die Ursache für das Massensterben des Atlantischen Diadem-Seeigels (Diadema antillarum) in der Karibik vor etwa zwei Jahren.

40 Jahre – und noch immer nicht vollständig erholt

Bereits 1983 war ein verheerender Zusammenbruch der Population in dieser Region beobachtet worden. Sowohl die Korallen- als auch die Seeigel-Populationen der Karibik haben sich davon nie wieder vollständig erholt, wie es von den Forschenden heisst. Zu vermuten ist, dass auch damals schon der nun identifizierte Erreger die Ursache war. Dem Forschungsteam zufolge befällt das Wimperntierchen auch Echinothrix-Seeigel, eine eng mit Diadema verwandte Gruppe von Arten.

Der Parasit lässt die Tiere binnen zwei Tagen zur gewebslosen Hülle werden - wenn nicht Fressfeinde die geschwächten Tiere schon vorher erbeuten. Der tödliche Erreger werde über das Wasser übertragen und könne in kürzester Zeit grosse Gebiete befallen, hiess es. Die Stabilität der Korallenriffe sei in einem noch nie dagewesenen Ausmass bedroht, sagte Bronstein. Die Seuche breite sich entlang menschlicher Transportwege aus, wie Daten aus dem Roten Meer zeigten.

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Video: watson/Lucas Zollinger

Züchten, um die Art zu erhalten

Es sei unheimlich, tausende Seeigel am Meeresboden binnen kürzester Zeit zum Skelett werden und verschwinden zu sehen, so Bronstein. Bisher gebe es keine Möglichkeit, infizierten Seeigeln zu helfen. Dringend notwendig seien Brutpopulationen gefährdeter Arten in vom Meer abgetrennten Zuchtsystemen, um später wieder gesunde Tiere in die Natur entlassen zu können. Zudem müsse erforscht werden, welche Faktoren zu dem Ausbruch führten. Als ein möglicher Grund gelten veränderte Umweltbedingungen.

Wimpertierchen bestehen aus nur einer Zelle und haben Härchen auf ihrer Oberfläche, mit denen sie sich bewegen können. Sie kommen häufig im Wasser vor und sind oft harmlos. Allerdings wurden Verwandte der nun gefundenen Wimpertierchen bereits für Massensterben bei anderen Meerestieren wie Haien verantwortlich gemacht. (sda/dpa)

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31 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Xsa
24.05.2024 13:03registriert Oktober 2021
Klar können sich Parasiten, Viren etc. leicht und schnell im Wasser verbreiten durch die Strömungen. Aber auch klar dass die Transporte der Menschen hier als krass effektive Katalysatoren wirken. Kennen wir ja schon lange, dass sich Tierarten via Schiff und Flugzeug in anderen Gebieten niederlassen, die sonst unerreichbar wären, oder invasive Pflanzen sich entlang von Lkw-Routen verbreiten.
Ich hoffe die Riffe entwickeln schnell genug einen neuen Mechanismus um die Korallen zu schützen... Aber die Evolution braucht meist mehr Zeit als der Mensch ihr lässt.
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