Irans Uranlager offenbar teils intakt – Debatte über US-Bodentruppen wird konkreter
Es gehörte zu den zentralen Kriegszielen, die US-Präsident Donald Trump zu Beginn der Angriffe gegen den Iran mehrmals propagierte: ein Ende der mutmasslichen Bedrohung durch iranische Atomwaffen. Insbesondere die USA und Israel werfen Teheran vor, kurz vor dem Bau einer Atombombe zu stehen. Das Regime weist dies zurück, besteht aber auf seinem Recht zur Nutzung der Atomtechnologie für zivile Zwecke.
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) lenkt jetzt den Verdacht insbesondere auf eine unterirdische Anlage: Demnach lagert der Iran derzeit fast die Hälfte seines auf bis zu 60 Prozent angereicherten Urans in Isfahan. Der Tunnelkomplex sei das einzige Ziel, das bei den Angriffen Israels und der USA auf iranische Atomanlagen im Juni offenbar nicht schwer beschädigt worden sei, sagte IAEA-Chef Rafael Grossi am Montag in Paris. Diplomaten zufolge wird Isfahan schon länger als Lagerstätte für das Material genutzt, das vergleichsweise einfach waffenfähig gemacht werden könnte. Diese Einschätzung könnte nun die Diskussion um den Einsatz von Bodentruppen im Iran neu befeuern.
Nach dem sogenannten Zwölftagekrieg im Juni vergangenen Jahres hatte Trump eigentlich erklärt, das iranische Atomprogramm sei vernichtet worden. US-Streitkräfte hätten Tarnkappenbomber und auch bunkerbrechende Bomben eingesetzt. Trump äusserte sich damals überzeugt, dass er dadurch den Bau iranischer Atombomben erfolgreich verhindert habe. Die Anreicherungsanlagen des Iran seien durch den von ihm angeordneten Einsatz «Midnight Hammer» (Mitternachtshammer oder -schlag) «vollständig zerstört» und «ausgelöscht». Experten zweifelten dies allerdings an.
Uran im Iran könnte für zehn Atomwaffen ausreichen
Der Iran ist nach Angaben der IAEA derzeit das einzige Land ohne eigene Atomwaffen, das Uran auf 60 Prozent anreichert – weit über dem nötigen Niveau für die zivile Nutzung von Atomkraft. Grossi bezifferte den aktuellen Bestand in Isfahan auf «etwas mehr als 200 Kilogramm». Zum Zeitpunkt der Angriffe im Juni habe der Iran insgesamt mehr als 440,9 Kilogramm des hochangereicherten Urans besessen. Bei weiterer Anreicherung auf 90-prozentiges Uran würde die Menge theoretisch für zehn Atomwaffen ausreichen.
«Man geht allgemein davon aus, dass das Material noch dort ist», sagte Grossi mit Blick auf Isfahan. Weder die IAEA noch andere Beobachter hätten auf Satellitenbildern Anzeichen dafür entdeckt, dass das Material verlegt worden sei. Auch in der Anreicherungsanlage in Natans werde noch eine gewisse Menge vermutet. Die Anlagen in Natans und Fordo gelten seit Juni als zerstört oder schwer beschädigt.
Möglicher Einsatz von US-Bodentruppen im Fokus
Genügt diese jüngste Einschätzung der IAEA dem US-Präsidenten, jetzt Bodentruppen in den Iran zu entsenden? Immerhin hatte Trump am vergangenen Samstag an Bord des Präsidentenflugzeugs Air Force One gesagt, er schliesse es nicht aus – und fügte an, es müsse einen «sehr guten Grund» geben. Um das angereicherte Uran der Islamischen Republik sicherzustellen, «werden wir das vielleicht irgendwann machen», so Trump weiter.
Zwar gibt es inzwischen Hinweise dafür, dass die US-Regierung längst nach einem Ausweg aus dem Krieg sucht. Trump sagte zuletzt jedoch, er sei noch weit von einer Entscheidung über die Entsendung von Bodentruppen in den Iran entfernt. «Wir haben darüber keine Entscheidung getroffen. Wir sind noch lange nicht so weit», erklärte Trump der Zeitung «New York Post» auf die Frage nach entsprechenden Berichten über eine mögliche Entsendung.
Trumps Spezialeinheiten wären offenbar vorbereitet
Wie das Militärportal «The War Zone» berichtet, bereiten sich US-amerikanische und israelische Spezialeinheiten seit Jahren aktiv auf einen solchen Angriff unterirdischer Anlagen wie jener in Isfahan vor. So identifizierten sie bereits mehrere Optionen, wie sie vorgehen könnten, um den Bestand des angereicherten Urans im Iran zu neutralisieren.
«Die erste Frage lautet: Wo ist es? Die zweite Frage: Wie gelangen wir dorthin und wie erlangen wir die physische Kontrolle darüber?», sagte ein nicht namentlich genannter US-Beamter laut dem US-amerikanischen Nachrichtenmedium Axios. «Und dann läge die Entscheidung beim Präsidenten und dem Kriegsministerium, CIA, ob wir es physisch transportieren oder vor Ort verdünnen wollen.» Bei dem Einsatz würden neben den militärischen Spezialeinheiten auch Experten, möglicherweise von der IAEA, zum Einsatz kommen, sagte er zudem.
Genau dieses Szenario hatte das Militärportal «The War Zone» bereits im vergangenen Juni skizziert. Denn zu diesem Zeitpunkt hatten die USA und Israel erwogen, einen solchen Angriff mit Bodentruppen zu starten.
«US-Spezialeinheiten sind ideal geeignet, um schnell und diskret in ein Zielgebiet einzudringen und dort Gegenstände von Interesse aus einem Objekt wie einer Atomanlage im Iran zu entwenden», hiess es damals. Seien die betreffenden Gegenstände zu gross, um von den Spezialeinheiten transportiert zu werden, könnten sie je nach Art vor Ort zerstört oder gesichert werden, bis eine grössere Nachfolgegruppe eintreffe.
«Konventionelle Unterstützungstruppen und behördenübergreifende Einheiten mit besonderen Fähigkeiten könnten die Spezialeinheiten auch bei ersten Razzien begleiten», so «The War Zone». Zudem seien die Spezialeinheiten auch gut positioniert, um zu helfen, Nuklearmaterial abzufangen, wenn das iranische Regime versuche, es aus dem Land herauszubringen.
Atomare Gefahr? US-Spezialeinheiten spielen Szenarien durch
Dem Militärportal zufolge stecken hinter den US-Spezialtruppen die Einheiten «Tier One» sowie die «Delta Force» der US-Armee und das «SEAL Team Six» der US-Marine. In regelmässigen Übungen trainieren sie, wie Massenvernichtungswaffen bekämpft werden können – und spielen Szenarien durch, zu welchen chemischen, biologischen, nuklearen und radiologischen Gefahren es kommen kann.
Zur federführenden Stelle, die für die Bekämpfung von Massenvernichtungswaffen zuständig ist, wurde 2016 das Einsatzkommando der US-Spezialkräfte (U.S. Special Operations Command) ernannt. Laut «The War Zone» nehmen auch konventionelle US-Militäreinheiten sowie etwa Mitarbeiter des US-Energieministeriums an den Übungen teil.
Ob sich auch israelische Streitkräfte an einem möglichen Bodentruppeneinsatz in Isfahan beteiligen würden, ist derzeit unklar. Erfahrung hätten sie, wie Beispiele aus der Vergangenheit zeigen. So zerstörten israelische Truppen «The War Zone» zufolge etwa im September 2024 eine unterirdische Raketenfabrik in Syrien, die mit Unterstützung aus dem Iran errichtet worden sei. Die Einsatzkräfte seien rund zweieinhalb Stunden vor Ort gewesen und hätten in dieser Zeit 300 Kilogramm Sprengstoff auf dem Gelände platziert. Schon das sei ein klares Signal an den Iran gewesen, dass seine unterirdischen Anlagen nicht unangreifbar seien.
Einsatz birgt immense Herausforderungen
Militärexperten betonen allerdings auch, dass enorme Bedenken bestünden, wie genau die Spezialeinheiten hunderte Kilogramm Uran aus dem Iran bringen wollen – selbst wenn es sich an einem einzigen Standort befinde. Sicherheitsbehälter, in denen das Uran wahrscheinlich gelagert ist, machten das zu transportierende Material noch schwerer und sperriger.
Auch bei einer Neutralisierung vor Ort gebe es noch offene Fragen. Laut «The War Zone» bedarf es sehr viel Zeit und Ressourcen, um das nukleare Material beispielsweise zu verdünnen. Um es für Waffen unbrauchbar zu machen, kann spaltbares Material nicht einfach gesprengt werden, um es zu zerstören. Stattdessen kann hochangereichertes Uran mit weniger angereichertem Uran vermischt werden. Und je länger die Einheiten brauchen, umso mehr Zeit hat das iranische Regime für eine militärische Reaktion. Immerhin hat der Schutz der Atomanlagen für das Regime höchste Priorität.
Wie Axios berichtet, würde es wahrscheinlich erst zu einem Einsatz von Bodentruppen in Irans Urananreicherungslagern kommen, wenn Teherans Militär keine ernsthafte Bedrohung mehr für die US-israelischen Streitkräfte darstellt. Andererseits bedürfte es laut «The War Zone» auch Bodentruppen, um iranische Gruppen abzufangen, sobald diese versuchen, das angereicherte Uran zu verlegen oder zu entwenden. Immerhin birgt ein Angriff aus der Luft auf Fahrzeuge mit Uran das Risiko, dass sich das Nuklearmaterial unkontrolliert verteilt. Am Ende könnte die Abwägung über eine mögliche Entsendung von Bodentruppen darüber entscheiden, wessen Sicherheit den USA wichtiger ist: die seiner Soldaten oder die der Bevölkerung.
Verwendete Quellen:
- twz.com: "Commando Raid To Secure Iran’s Enriched Uranium May Become A Very Risky Necessity" (englisch)
- twz.com: "Loose Nukes In Iran Is A Scenario U.S. Special Operators Have Been Training For" (englisch)
- twz.com: "Inside Israel’s Commando Raid On Iran’s Underground Missile Factory In Syria" (englisch)
- nytimes.com: "Iran Could Retrieve Uranium at Site U.S. Bombed Last Year, Officials Say" (englisch)
- Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa, AFP und Reuters

